Predigt am 2. Advent, 8. Dezember 2019

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Predigt am 2. Advent, 8. Dezember 2019

10.12.2019

zu Lukas 21, 25 - 33; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„das ist ja eine schreckenerregende Vision, die Lukas uns hier überliefert.“ Darüber waren wir uns in der Runde ziemlich einig, in der der Predigttext des oder eines nächsten Sonntags am Dienstagabend zur Diskussion gestellt wird. Der Evangelist überliefert uns eine Rede an die Jünger, die Jesus zugeschrieben wird: Bevor Jesus seinen Weg an das Kreuz beginnt, erzählt er den Jüngern im Lukasevangelium von der Endzeit.
Diese Abschiedsrede kann einem in der Tat Angst machen. Was hier geschildert wird, erinnert an einen Katastrophenfilm. Zeichen werden geschehen an den Gestirnen; auf der Erde wird die Menschheit in Angst und Schrecken versetzt; auch das Meer wird so in Erschütterungen versetzt, dass man sich beim Lesen beispielsweise eine Tsunami vorstellen könnte. Will Lukas also seine Gemeinde in Angst und Schrecken versetzen, dass sich die Erwachsenen gruseln und die Kinder schlecht schlafen?
Lukas würde sich wundern, dass wir heutigen ihn so verstehen können. Seine Absicht war das genaue Gegenteil. Seine Gemeinde lebte ca. 40 Jahre nach der Auferstehung Jesu. Ostern war etwa genauso lange her wie für uns die Friedensbewegung der 80er Jahre mit den Aufklebern „Schwerter zu Pflugscharen“. Es gab also noch die Älteren, die noch unmittelbar nach den Auferstehungsereignissen zum Glauben gekommen waren. Aber für die Jüngeren war das so weit weg wie für unsere jungen Leute die Jahre vor der Wende. Vor allem diese Jungen waren es, die Fragen stellten. Warum läuft alles so weiter? Warum erleben wir es weiterhin, dass Menschen leiden und sterben? Warum werden wir bedrängt, nur weil wir Christen sind? Wann wird das alles aufhören? Wann kommt das Himmelreich, von dem Jesus erzählt hat? Wann wird Jesus erneut kommen und diese Welt heil werden lassen? Kommt er überhaupt?
Genau diese Fragen wollte Lukas beantworten. Es sind Fragen, die wir ja auch kennen. Erst in der vergangenen Woche rief ein älterer Mann in der Kanzlei an. Er schilderte seine persönliche Notlage. Seine Frau sei schwer pflegebedürftig. Ihre Wohnung sei aber für eine Pflege völlig ungeeignet. Er selbst sei ebenfalls nicht gesund. Nun wolle er aus der Kirche austreten. – Es ist nicht genau deutlich geworden, warum er austreten wollte. Aber die Vermutung liegt nahe, dass er in seiner schwierigen Situation an seinem Glauben verzweifelt ist. Vielleicht wollte er nicht mehr Mitglied sein in einer Kirche, deren Gott ihm nicht hilft. Vielleicht wollte er mit dem Austritt auch gegen Gott protestieren, der zusieht, wie er mit seinem Leben überfordert ist. (Die Mitarbeiterinnen der Kanzlei haben übrigens den zuständigen Pfarrer informiert.)
Dieser Mann ist ja kein Einzelfall. Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste die Welt doch anders aussehen, sagen manche, wenn sie ihren Unglauben begründen wollen. Und auch uns Christen wäre es sicherlich lieb, wenn es sichtbare Anzeichen dafür gäbe, dass wir auf das Reich Gottes zugehen. Wenn Frieden und Gerechtigkeit zunähmen. Aber offensichtlich ist es so nicht. Aber warum nur?
Zur Zeit des Lukas gab es dafür eine eigentlich einleuchtende Erklärung. Man stellte sich das so vor wie bei einer Geburt. Vor der Geburt liegen die Wehen. Als Mann redet man da ja nur vom Augenschein her, aber eine Geburt muss schon mit ziemlich heftigen Schmerzen verbunden sein und manchmal sogar mit Todesangst. Es kann Mutter und Kind ja auch etwas geschehen. Aber wenn dann das Kind da ist und Mutter und Kind wohlbehalten durch diese kritische Phase hindurchgekommen sind, dann sind alle glücklich.
So stellte man sich auch das Kommen des Himmelreiches vor. Die Geburtswehen sind die Ereignisse in der Welt, die uns bedrücken, die uns Angst machen, unter denen wir leiden wie Krieg, Umweltzerstörung, Krankheit oder der Verlust eines lieben Menschen. Aber das sind die Geburtswehen der neuen Welt, von der Jesus gepredigt hat und die die Propheten angekündigt haben. Die Schrecknisse dieser Welt sind sozusagen die Vorzeichen des Advent. Christus wird kommen, um unsere kaputte Welt heil zu machen. Sein Licht wird die Dunkelheiten hell machen. Alles wird wirklich und endgültig gut werden. Aber noch erleben wir die Schmerzen der Wehen vor der Geburt dieser neuen Welt. So werden sie zu paradoxen Hinweisen auf das Himmelreich.
Die Vorstellung von den Wehen der Endzeit ist übrigens keine ursprünglich christliche. Auch und gerade im Judentum kannte man sie. Lukas gibt der Rede von den Wehen der Endzeit aber eine ureigene christliche Deutung. Nach dieser Rede beginnt in seinem Evangelium die Passionsgeschichte. Jesus musste ja auch erst durch das Leiden am Kreuz hindurch, um zum Leben der Auferstehung zu gelangen. Der Apostel Paulus hat in ähnlicher Weise seinen Gemeinden die Traurigkeiten dieser Welt als eine Teilhabe an dem Kreuzesleiden Jesu erklärt. Wir folgen als Christen dem Gekreuzigten, dann kann es nicht nur eitel Freud und Sonnenschein in unserem Leben geben. Aber wir werden in gleicher Weise auch Anteil an seiner Auferstehung haben. Uns wie Christus durch das Kreuz hindurch zur Auferstehung gelangt ist, wird unsere Welt durch all die Traurigkeiten hindurch in eine Welt verwandelt, in der alle Tränen abgewischt sein werden.
Der Evangelist Lukas hatte also ein seelsorgerliches Anliegen. Er wollte seiner Gemeinde Trost zusprechen in den Bedrängnissen des Lebens: „Lasst euch nicht von eurem Glauben abbringen. Lasst Euch von den Bedrängnissen und all dem Traurigen in der Welt nicht herunterziehen. All das ist kein Zeichen dafür, dass das Christus uns fern ist. Die Schrecknisse im Leben sind kein Zeichen dafür, dass es Gott egal ist, wie es uns geht. Ganz im Gegenteil. Die Finsternisse dieser Welt sind wie die Wehen einer Geburt Vorzeichen von etwas Wunderbaren. Alles Schmerzliche und Beängstigende ist so wie ein dunkler Tunnel, an dessen Ende es wieder hell wird – für uns und für die ganze Welt. Bleibt bei eurem Glauben. Es lohnt sich auf das Himmelreich zu warten.
Heute Nachmittag versammeln sich wieder Eltern verstorbener Kinder zum Gedenkgottesdienst hier im Dom. Viele kommen, weil die Namen ihrer Kinder hier noch einmal verlesen werden und ihrer gedacht wird. Viele suchen aber auch Trost in der Hoffnung, dass ihre Kinder nun geborgen sind in Gottes neuer Welt. Die schmerzliche und traumatisierende Erfahrung des Verlustes bringt sie nicht von ihrem Glauben ab. Sie spüren eher den Gekreuzigten an ihrer Seite und wissen ihre Kinder geborgen in der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Das ist ganz im Sinne dessen, was Lukas seiner Gemeinde vermitteln wollte.
Aber wird es tatsächlich einmal ein Ende haben damit, dass Mütter und Väter ihre Kinder betrauern? Wird sich mit Christi erneutem Kommen das vollenden, was im Stall von Bethlehem begonnen hat? Wird das Licht, das von ihm ausgegangen ist, einmal wirklich unsere ganze Welt erfüllen?
Aussehen tut es nicht danach. Es sieht eher so aus, als würde unsere Welt in einer von Menschen gemachten Katastrophe untergehen. Aber bei einer Geburt sieht es mit unvoreingenommenem Blick auch nicht so aus, als würde etwas Wunderbares bevorstehen. Als Jesus am Kreuz starb, deutete auch überhaupt nichts auf Ostern hin. Und doch gab es nach dem Kreuzestod die Auferstehung. Und doch kommt nach den Schmerzen der Geburt in der Regel eine ganz große Freude. Und doch ist Gottes ewige Welt uns zu jedem Zeitpunkt dieser Welt ganz nahe; wird unsere Zeit einmal verwandelt werden in Gottes Ewigkeit. Wir können uns das nur sehr schwer vorstellen. Aber als die ersten Friedensgebete im kleinsten Kreis starteten, konnte es sich ebenfalls niemand vorstellen, dass die Diktatur der SED ein Ende finden würde. Und doch kam die sog. Wende und sie kam viel schneller als sich das jemand hätte vorstellen können.
Gottes neue und unvergängliche Welt wird kommen. Auch wenn wir uns das nicht vorstellen können. Die Dunkelheiten dieser Welt weisen daraufhin. Unter dem Gegenteil ist das Himmelreich schon in dieser Welt sichtbar, so paradox uns das erscheint. Was im Stall von Bethlehem begonnen hat, wird sich vollenden. Christus hat es uns zugesagt. Und mögen Himmel und Erde vergehen: Seine Worte vergehen nicht.
Amen.

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