Predigt am 2. Advent, 4. Dezember 2016

Predigt am 2. Advent, 4. Dezember 2016

05.12.2016

zu Matthäus 24, 1-14, gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„wenn es denn einen Gott gäbe, warum lässt er dann all das Leid auf unserer Welt zu?“ Mit diesem Argument vergewissern sich Atheisten, dass sie Recht haben in ihrer Haltung. Auch für uns Christen ist dies ja durchaus eine Anfechtung.
Es gibt ja Beispiele aus unserem Leben. Christen bleiben nicht von schweren Krankheiten oder Unfällen verschont. Die Christen im Orient leider noch mehr als alle anderen unter dem islamistischen Fanatismus und der allgegenwärtigen Gewalt. Es ist keineswegs so, dass Gott einen Regenschirm über uns aufspannen würde, an dem alles Leid abprallen würde.
Wie kann man all das Schreckliche in unserem Leben und unserer Welt zusammenbringen mit dem Glauben an den barmherzigen Gott, den wir zugleich als den Herrn der Welt anbeten?
Solche Fragen haben die Christen schon zur Zeit der Entstehung der Evan­gelisten bewegt. Matthäus hat die Endzeit-Rede Jesu in sein Evangelium sicherlich auch deshalb aufgenommen, weil die Gemeinde des Matthäus ihre eigene Lage darin wiederfand: Leid und Ungerechtigkeit in der Welt kannten die Christen damals ebenso wie Nöte und Bedrängnisse für die Kirche. Aber auch uns kommt vieles sehr bekannt vor.
Da ist ganz am Anfang von falschen Heilsbringern die Rede. Es sind damals Menschen aufgetreten, die haben behauptet, der wah­re Christus zu sein; sie haben wie Jesus Anhänger um sich ge­schart. – Heute erleben wir es im politischen Bereich, dass starke Männer wie Trump und Putin ihren Anhängern Heilsversprechen weltlicher Art geben. An den Rändern der Kirche gehen in ähnlicher Weise manche Christen charismatischen Persönlichkeiten auf den Leim, die mit psychologisch geschickter Einflussnahme Macht über Menschen gewinnen und auf diese Weise Gemeinden um sich scharen.
Da ist die Rede von Kriegen und Kriegsgeschrei, von Hun­gersnöten und Erdbeben. Auch das haben die ersten Christen er­lebt; insbesondere den grausamen Krieg der Römer gegen das jü­dische Volk, an dessen Ende der Tempel zerstört, das Land ver­wüstet und alle Bewohner vertrieben wurden. – Und heute be­drücken uns solche Ereignisse ja nicht weniger. Kriege nehmen nach dem Ende des Kalten Krieges überall auf der Welt überhand; in Afrika und in den Flüchtlingslagern hungern die Menschen; Teile Italiens liegen in Schutt und Asche; Menschen müssen ihre Heimat verlassen, weil der steigende Meeresspiegel sie vertreibt.
In der Aufzählung solcher schrecklichen Ereignisse, sagt Jesus dann aber: „Das ist erst der Anfang“. Denn es soll noch schlimmer kommen. Die christliche Gemeinde selbst wird nämlich unmit­tel­bar einbezogen sein in das Leid. Denn Christen werden um ihres Glaubens willen verfolgt werden. – Das war für die ersten Christen eine alltägliche Erfahrung; das hat es in der weiteren Geschichte danach auch immer wieder gegeben bis auf den heutigen Tag. Gerade aus dem Iran kommen beispielsweise Menschen zu uns, weil sie hier als Christen leben wollen. Am nächsten Sonntag wird Pfarrer Tetzner wieder eine ganze Reihe von ihnen taufen. Aber selbst wir hier bekommen es ja immer wieder zu spüren, das wir nur eine kleine Minderheit sind. Wenn Olaf Schubert sich beispielsweise im Tivoli über Christus lustig macht und dabei viel Beifall findet.
Aber eine äußere Bedrängnis ist noch nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist es, wenn es auch im Inneren Unfrieden gibt. Und auch das wird hier angekündigt: es wird Abtrünnige geben unter den Christen, Verräter und Verführer. Die Leser des Matthäusevangeliums haben genau das erlebt: Gemeindeglieder sagten sich vom Glauben los; ein Christ verriet den anderen, um seine Haut zu retten; Irrlehren wurden verbreitet. Die Christen am Ende des ersten Jahrhundert haben es auch an sich selbst erlebt, dass die Liebe in vielen erkaltete. Mancher spürte auch, wie das Feuer des Glaubens sich abkühlte, weil doch Gott so fern zu sein schien. – Ich denke, auch diese Erfahrung können wir in unsere Gegenwart übertragen. Von den evangelischen Eltern, die mit einem nichtchristlichen Partner verheiratet oder verbunden sind, lassen beispielsweise nur ganz wenige ihre Kinder taufen. Und von den Kindern, die getauft werden, lässt sich nur etwa die Hälfte konfirmieren. Dass es vielen Eltern nicht mehr wichtig ist, ihren Kindern den Glauben an Christus mitzugeben, das hat auch etwas mit diesem Erkalten der Liebe zu Gott zu tun.
Jesus hat diese Worte aber nicht gesprochen, um den Christen Angst zu machen oder gar ihre Müdigkeit zu verstärken. Matthäus hat diese Worte nicht in sein Evan­gelium aufgenommen, um die innere Bedrängnis seiner Gemeinde noch zu verstärken. Im Gegenteil: Inmitten all der Bedrängnisse und all des Schlimmen und Traurigen will die Endzeitrede Jesu gerade Hoffnung verbreiten.
Denn die schlim­men Ereignisse, die wir hier aufgezählt finden, sie werden als „Wehen“ bezeichnet. Wehen sind ja bekanntlich die Schmerzen, die einer Geburt vorausgehen. Jesus spricht von Wehen, die die Geburt der neuen Welt Gottes einleiten. Als Mann habe ich meine Erfahrungen mit diesen Dingen ja nur aus zweiter Hand. Wer als Frau Kinder geboren hat, weiß viel besser, wie diese Schmerzen in den Wehen sind. Am Anfang noch leicht und erträglich, dann mit wachsender Heftigkeit der Wehen immer stärker und – besonders wenn sich die Geburt sehr lange hinzieht – manchmal kaum zu ertragen. In der Verfilmung von Strittmatters "Laden" hält sich ein Kind bei einer Hausgeburt die Ohren zu, weil es die Schreie der Mutter nicht ertragen kann. – Aber so schlimm die Schmerzen sind: Gerade in den Wehen ist die Hoffnung doch auch am größten, dass nun bald die Zeit des Wartens vorüber ist. Die Wehen sind ein Zeichen dafür; dass das Kind bald da ist. Die Freude, das kleine Wesen, das da im Bauch der Mutter herangewachsen ist, im Arm halten zu können, ist nahe. Und dann sind alle Schmerzen vergessen. So schlimm die Wehen sind, ihnen folgt die Geburt und damit dann eine große Freude.
Jesus will uns also trösten durch die Hoffnung, dass all das Schlimme Wehen sind, Vorboten des Heils. Was uns bedrückt und manchmal auch von unserem Glauben abbringen will, das sind die Vorzeichen einer baldigen Wendung. Jesus will seinen Jüngern und uns Christen Mut machen: „Lasst euch nicht von eurem Weg im Glauben und in der Liebe ab­brin­gen. Das wäre fast so, als würde eine Mutter kurz vor der Geburt sagen: >ich will das Kind nicht<. Lasst euch nicht von all dem Leid von eurem Glauben abbringen, auch wenn es noch so schlimm kommt. Werdet nicht müde, für andere da zu sein und in euren Mitchristen Gottes Kinder zu sehen. Wenn Ihr durchhaltet, werdet Ihr die große Freude erleben. Die Geburt der neuen Welt Gottes ist nahe. Bald werdet ihr euch freuen über eine heraufziehende Welt, in der all das Schlimme und Trau­rige Vergangen­heit sein wird. Nehmt die Schrecken dieser Welt als Hoffnungszeichen. Sie gehen der neuen Welt Gottes voraus. Dort wird es keine Kriege und keine Ungerechtigkeit mehr geben. Die Welt wird heil sein. Alle Müdigkeit im Glauben und in der Liebe wird einmünden in ein freudiges Gotteslob der ganzen Menschheit. Alle werden sich zu Gott bekennen. Das alles werdet ihr erleben, wenn ihr durchhaltet“, sagt Jesus: „Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden das Evangelium in der ganzen Welt ... und dann wird das Ende kommen.“
Wenn es einen Gott gäbe, dann würde er das Leid nicht zulassen? Nein, es ist umgekehrt. So verwirrende das sein mag: Gerade das Schmerzliche weist auf eine heilvolle Zukunft hin. Diese alte Welt liegt in Wehen. Denn Gott ist dabei zu vollenden, was mit der Geburt Jesu in Bethlehems Stall begonnen hat. Er kommt in Christus zu uns und verwandelt unsere Welt. Was wir an schlimmen Dingen erleben, das sind die Wehen, die Geburtsschmerzen jener neuen Welt. Das lässt uns gewiss werden, dass die neue Welt Gottes mit Christus mehr ist als ein Traum oder ein unerfüllbarer Wunsch. Die neue Welt Gottes ist unsere Zukunft. Sie kommt mit dem Advent, der Ankunft Christi.
Dann wird sich Olaf Schubert mächtig wundern, über wen er sich da lustig gemacht hat. Denn der als Kind in der Krippe lag, wird unsere Welt verwandeln. Mit seiner Liebe wird er die Welt regieren. Und es wird der Frieden einkehren, den wir uns zu Weihnachten so wünschen.
Amen.

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