Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 7. Oktober 2018

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 7. Oktober 2018

07.10.2018

zu Jakobus 5, 13 - 15; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
das Telefon klingelt. „Herr Pfarrer, mir geht es gar nicht gut. Würden Sie bitte vor der Nacht noch mal zu mir kommen?“ Ich greife zum Telefon. Wer hat in dieser Woche von den Kirchenvorstehern Bereitschaft? Ich sehe auf der Liste nach und wähle die Handynummer. „Wir sind zu einem Krankenbesuch gerufen, können wir uns um 19:30 Uhr vor der Tür treffen?“ Ich ziehe mich um, packe das Gesangbuch ein und vor allem natürlich das Fläschchen mit Salböl, das ich immer griffbereit habe. – Vor der Tür wartet die Kirchenvorsteherin schon auf mich. Wir klingeln. Die Tochter des Kranken öffnet uns. „Schön, dass Sie es so schnell einrichten konnten.“ Wir setzen uns ans Krankenbett. Der Patient sieht blass aus. Gemeinsam falten wir die Hände. Die Kirchenvorsteherin und ich sprechen zunächst im Wechsel ein freies Gebet; dann die Worte eines Formulars, wie es unsere Agende „Dienst am Kranken“ vorsieht. Die Vergebung der Sünden spielt darin eine wichtige Rolle. Dann benetze ich den Finger mit dem Salböl und male dem Kranken ein Kreuz auf die Stirn und auf seine beiden Hände: „Ich salbe Dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der allmächtige Gott richte dich auf durch die heilende Macht seiner Liebe. Er schenke Dir Heilung und Heil. Er stärke und segne Dich.“

Liebe Gemeinde,
das ist eine fiktive Szene. Denn die Krankensalbung kommt in unserer Kirche in der Regel nicht vor. Zwar gibt es extra seit 1994 eine Agende „Dienst am Kranken“ in den lutherischen Kirchen Deutschlands. Sie enthält Psalmgebete, Lesungen, Gebete und die Segnung, die eben auch mit einer Salbung einhergehen kann. Aber in dieser Form, wie es der Jakobusbrief anregt, wird es in unseren Gemeinden in den seltensten Fällen praktiziert.
Man mag sich fragen, woran das liegt. An der Reformation liegt es nicht. Die Reformatoren haben zwar die „Letzte Ölung“ aus der Liste der Sakramente gestrichen. Von den sieben Sakramenten der katholischen Kirche sind bei uns ja nur Taufe und Abendmahl als biblisch und von Christus mit Wort und Zeichen versehen übrig geblieben. Martin Luther aber hielt es in seiner Schrift „Vom Abendmahl Christ“ von 1528 für „wohl fein, dass man zum Kranken ginge, betete und vermahnte, und so man ihn daneben mit Öl bestreichen wollte, sollte es im Namen Gottes frei sein“. Es wäre also keineswegs ein Brauch, der mit unserer Tradition nicht in Einklang zu bringen wäre, wenn die Krankensalbung wieder eine größere Rolle spielen würde. Nordamerikanische Lutheraner praktizieren sie seit längerem wieder. Als solche und nicht mehr als „Letzte Ölung“ ist sie im Übrigen auch in der katholischen Kirche üblich.
Eine wichtige Rolle, dass wir die Krankensalbung aus dem Blick verloren haben, spielt sicherlich die Aufklärung. Es hat ja schon etwas Magisches an sich, wenn ein Kranker mit Öl bestrichen und dazu heilige Worte gesprochen werden. Da könnte leicht das Missverständnis entstehen, man könne die Krankheit mit so etwas gleichsam wegzaubern. Mit solch einem Hokuspokus wollte man nach der Aufklärung vermutlich nichts zu tun haben.
Aber ist das wirklich der Grund, warum wir die Krankensalbung nicht mehr praktizieren?
Ich denke, die Gründe gehen tiefer. Heute gehen wir mit einer Krankheit zum Arzt. Ich selbst bin, als ich vor drei Jahren einen eingeklemmten Nerv in der Halswirbelsäule und damit verbunden kaum erträgliche Schmerzen hatte, auch nicht zu einem Kollegen gegangen und habe ihn um eine Krankensalbung gebeten. Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Ich bin stattdessen bei verschiedenen Ärzten gewesen. Nur einer davon hat es allerdings mit einer Spritze an der richtigen Stelle unter dem Schulterblatt geschafft, die Schmerzen auf ein erträgliches Niveau herunterzubekommen. Und wirklich geholfen hat mir am Ende eine Physiotherapeutin, die mich mit öligen Händen angefasst hat, auch wenn das natürlich keine Krankensalbung war.
Wir gehen in unserer heutigen Zeit lieber zum Arzt, weil wir davon ausgehen, dass der helfen kann. Einer Krankensalbung und dem damit verbundenen Gebet würden wir das gar nicht zutrauen. Ich gebe es zu: Jemandem, der lieber betet als zum Arzt zu gehen, würde ich dann doch empfehlen, das eine zu tun, aber das andere nicht zu lassen. Aber vielleicht ist das ja genau der Ausdruck unserer Sünde, um deren Vergebung ja auch gebetet werden soll: Wir trauen dem Gebet, wir trauen Gott zu wenig zu. Sollte er wirklich nicht in der Lage sein, einem Kranken zu helfen? Jesus hat zu den Kranken, die er heilte, immer wieder gesagt: Dein Glaube hat Dir geholfen. Das Vertrauen, dass wir auch in Zeiten der Krankheit in Gottes Hand sind, kann so unendlich viel bewirken. Ebenso ist es auch mit dem Gebet. Wie viele Menschen sind schon geheilt worden, während Menschen für sie gebetet haben. Wie viel Kraft ist Menschen zugewachsen, den Kampf gegen eine Krankheit zu bestehen. Wie oft hat Gott bei einer Operation seine schützende Hand über einen Menschen gehalten, so dass alles gut gelungen ist. Ja, es gibt auch andere Erfahrungen. Ein Gebet ist keine Münze, die man in einen Getränkeautomaten steckt. Nicht immer bewirkt ein Gebet, das, was wir uns wünschen. Immer steht über allem das Wort aus dem Vaterunser: „Dein Wille geschehe“. Manchmal ist Gottes Willen ein anderer als unserer. Manchmal ist und bleibt uns verborgen, warum ein Mensch erkranken, leiden und sterben muss. Aber oft genug trauen wir dem Gebet einfach zu wenig zu. Dabei schenkt uns Gott auf unser Gebet hin so viel Wunderbares und Gutes.
Viele gute Traditionen wie das Gebet mit der Salbung helfen uns mit den Wechselfällen des Lebens umzugehen. Menschen früherer Generationen konnten noch ganz anders mit Krankheit, Sterben und Tod umgehen als wir heute. Für sie waren diese Dinge ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Für uns sind es Ausnahmen, die nicht vorkommen dürfen. Sie konnten ohne Angst damit umgehen. Wir verdrängen schon den Gedanken daran so gut es geht. Sie praktizierten die Rituale, die uns an Leib und Seele gut tun. Der Pfarrer wurde ans Kranken- und Sterbebett gerufen – wenn auch nach der Reformation weniger zur Salbung; er kam zur Aussegnung ans Bett eines Gestorbenen; ein Toter wurde im Haus aufgebahrt und man konnte dort in Ruhe von ihm Abschied nehmen. Wir stehen dem allen heute oft ziemlich hilflos gegenüber; wir haben die wirklich segensreichen Rituale vergessen oder sehen sie für uns nicht mehr als stimmig an und verbannen das alles stattdessen aus unserem Alltag.
Aber vielleicht kommt ja die Zeit, in der wir das alles neu lernen werden. Vielleicht werden wir auch so etwas wie die Krankensalbung neu entdecken. Sie ist natürlich etwas anderes als eine medizinische Behandlung. Sie soll diese auch nicht ersetzen. Aber sie macht einem Kranken deutlich: Gott sieht dich in deiner Krankheit. Er sieht dich freundlich an. Er nimmt dir von den Schultern, was dich belastet und vielleicht krank gemacht hat. Er schenkt Dir die Kraft, dein Leiden zu tragen. Wenn es seinem guten Willen für Dich entspricht, wird er Dir – auch durch die Kunst der Ärzte hindurch – Heilung schenken. Zugleich wird Gott angerufen und für dies alles wird gebetet und gebeten.
Am nächsten Morgen klingelt wieder das Telefon… Es ist die Tochter. „In der Nacht ist mein Vater für uns völlig überraschend gestorben. Aber er ist ganz friedlich gegangen. So friedlich, als fühlte er sich ganz geborgen. Es war geradezu ein Lächeln auf seinem Gesicht. Das war, seit er von Ihnen beiden gesalbt worden ist und sie mit ihm und bei ihm gebetet haben.“
Oder: Am nächsten Morgen klingelt wieder das Telefon… Es ist der Kranke selbst. „Herr Pfarrer, entschuldigen Sie die Störung, aber ich musste Sie einfach mal anrufen. Heute Nacht konnte ich erstmals durchschlafen. In den letzten Nächten bin ich immer so gegen 3:00 Uhr aufgewacht, weil ich so schlimme Schmerzen hatte. Dann habe ich noch mal eine Tablette genommen. Aber bis die endlich wirkte, habe ich wach gelegen. Heute Nacht war es erstmals erträglich. Vielen Dank, dass Sie beide gekommen sind. Gerade die Salbung hat mir so gut getan.“
Oder es klingelt tatsächlich das Telefon: „Herr Pfarrer, Sie haben doch neulich über die Krankensalbung gepredigt. Haben Sie das ernst gemeint? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie zu mir kämen. Und vergessen Sie das Öl nicht…“
Amen.

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