Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2017

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2017

22.10.2017

zu Markus 1, 32 - 39; gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Gemeinde!
Der Sabbat ist vorbei. Die Menschen in Kapernaum sind an diesem Tag mehr oder weniger ihren religiösen Pflichten nachgekommen. In der Synagoge könnte ein Text aus 3. Mose 26 gelesen worden sein. Dort steht etwas über eine umfassende Fürsorge Gottes für sein Volk. Vielleicht ist auch der 23. Psalm gebetet worden. Wir wissen es nicht. Aber ganz sicher haben sie, wie an jedem Sabbat, richtige und gute Lehre von ihrem Gott gehört. Das Heiligungsgebot wurde sicher auch an diesem Ruhetag peinlich genau befolgt. Was treibt sie dann in großen Scharen nach dem Sonnenuntergang vor die Tore der Stadt zu diesem Wanderprediger Jesus? Die Antwort dürfte vielschichtig sein. Dabei lassen sich zwei Hauptbewegungsgründe erkennen.
Trotz genauer Befolgung der religiösen Riten und Traditionen blieben die Menschen oft mit ihren persönlichen Problemen und Nöten hilflos allein. Der Gott, von dem sie gewöhnlich in der Synagoge so viel Wunderbares gehört hatten, blieb ihnen dennoch irgendwie fern. Die Gebete schienen beim Verlassen der Synagoge verhallt zu sein. Da übten die sich schnell verbreitenden Wundertaten Jesu eine ganz andere Anziehungskraft aus. Wer sucht nicht Hilfe in seiner Not!
Ganz sicher spielte auch die Neugier eine große Rolle. Menschen sind zu allen Zeiten für Spektakuläres offen. Red Bull z.B. verdankt seine enorme Popularität menschliche Grenzen überschreitende Events. Die Extremsportler aller Couleur, von dieser Firma gesponsort, ziehen ein Millionenpublikum an und beleben enorm das Geschäft.
Spannend ist nun, wie Jesus mit der vorfindlichen Religiosität einerseits und der Erwartungshaltung vieler Menschen andererseits umgeht.
Er lässt die Menschen mit ihren Anliegen an sich heran und wendet sich ihnen zu.
Dabei erfüllt er ganz offensichtlich die Sehnsucht nach Heilung von Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen. Darüber kann man theologisch klug diskutieren solange man selbst gesund und munter ist. Für Betroffene sieht das völlig anders aus. Mit der Erfüllung ihrer Anliegen tut Jesus den Menschen Gutes. Gleichzeitig erfüllt er damit die Prophetien des Alten Testaments. Jesus befreit sozusagen den in Riten und Traditionen eingesperrten Gott, ohne diese abzulehnen oder für ungültig zu erklären. Nicht Negation sondern Erfüllung ist sein Auftrag. Eine derart komplementäre Sichtweise ist zu allen Zeiten not und bewahrt vor sich gegenseitig ausschließenden Einseitigkeiten!
Jesus sammelt also nicht die Enttäuschten und Unzufriedenen um einen neuen Versuch alternativer Glaubens- und Lebensweisen zu etablieren. Sein Handeln zeugt von der unbegrenzten Liebe des Vaters.
Andererseits entzieht er sich mit aller Konsequenz den spektakulären Erwartungen. Er lässt sich nicht als Wundertäter von einer ihn zu jubelnden Anhängerschaft feiern. Zu genau kennt er die menschlichen Abgründe. Auf seinem weiteren Weg wird es sich bewahrheiten: Die ihre Kehlen durch „Hosianna Rufe“ beim Einzug in Jerusalem heißer geschrien hatten, brüllten kurz darauf auch das „Kreuzige“.
Jesus wendet sich in göttlicher Weisheit und Vollmacht den Anliegen der Menschen zu. Er steht aber nicht für die Befriedigung menschlicher Wünsche und Sehnsüchte zur Verfügung. Der Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens ist die Liebe zu Gott und den Menschen, nicht das Verlangen nach übernatürlichen Wundern.
Kürzlich las ich unter der Überschrift „Alles nichts“ folgende Zeilen eines unbekannten Autors:
„Wenn alle unsere Gebete erhört würden…
würde uns wohl jeder Wunsch erfüllt
hätten wir jeden Tag Urlaub
schien jeden Tag die Sonne
würden alle Klassenarbeiten mit „1“ benotet
gäbe es an jedem Tag unser Lieblingsessen
wären alle Ampeln grün
hätte jeder einen Sechser im Lotto
hätte Fehlverhalten nur bei anderen Konsequenzen
müssten alle, die uns nerven, einfach verschwinden
würden wir alles erfolgreich weg beten was, unseren Charakter schult
lernten wir Geduld im Schnellverfahren
würde kein Mensch sterben
gäbe es für uns keine Grenzen mehr
wäre Gott nicht mehr Gott
und der Mensch nicht mehr menschlich“.

Jesus geht mit dem auf ihn lastenden Erwartungsdruck souverän um. Noch bevor das Licht des neuen Tages anbricht gibt er sich in der Einsamkeit ganz dem Willen seinen himmlischen Vaters im Gebet hin. Nur so kann er im vollkommenen Gehorsam seine absolute Unabhängigkeit von Menschen, Meinungen und Mächten bewahren und dennoch mitfühlend und mitleidend reagieren. Jesus handelt in göttlicher Souveränität. Sein Handeln wird nicht durch Umfrageergebnisse oder das Wählervotum bestimmt.
Diese enorme Spannung ist für eingefleischte Demokraten nicht leicht auszuhalten.
Lehrt uns doch die Kirchengeschichte, dass auch bei den Nachfolgern Jesu sich recht schnell ein auf Gott berufender Machtanspruch zur Unterdrückung anderer eingesetzt hat.
Den Gegenpol dazu bildet ein ausschließlich an den menschlichen Sehnsüchten orientiertes Christentum. Es öffnet Demagogen Tür und Tor, verspricht es nur die Erfüllung aller möglichen und unmöglichen Wünsche.
In der Person des Jesus von Nazareth können wir die Einheit von Gott und Mensch sehen. Auf ihn können sich weder die einen noch die anderen berufen, auch wenn sie es immer wieder in vordergründig einleuchtender Argumentation tun.
„…Wahr´ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.“ oder
„Gottheit und Menschheit vereinen sich beide, Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah“
Mit diesen Liedtexten aus unserem Evangelischen Kirchengesangsbuch werden wir in der Weihnachts- bzw. Epiphanias Zeit singend die menschliche und die göttliche Dimension von Jesus bekennen.

Wenn wir uns diese komplementäre Sichtweise zu Eigen machen, so werden wir vor fatalen Einseitigkeiten bewahrt. Wir müssen dann nicht ständig „konservativ“ gegen „fortschrittlich“, „liturgisch“ gegen „modern“ oder „landeskirchlich“ gegen „freikirchlich“ ausspielen.
Damit sind Veränderungen kein Tabuthema. Verstaubte Traditionen helfen niemand. Auf die Triebkraft kommt es an. Sucht das geistliche Leben nach neuen, zeitgemäßen Ausdrucksformen, so sind diese gerechtfertigt. Erwartet man aber von neuen Formen auch neues geistliches Leben, so ist das eher ein kostspieliger Irrweg.
Jesus und auch seine Jünger besuchten weiter die traditionellen jüdischen Gottesdienste. Aber sie passten die Inhalte ihrer Botschaft nicht an. Die Apostel füllten sie mit dem lebensschaffenden Geist Gottes. Natürlich gefiel das nicht allen. In der Apostelgeschichte Kapitel 4 und 5 können wir dazu Interessantes lesen.
Jesus ist nicht zum Erfüller menschlicher Erwartungen geworden. Er brauchte auch keine Anhängerschaft, die ihm huldigte und quasi zum Idol machte. Die außergewöhnlichen Zeichen, die er an den mühseligen und beladenen Menschen tat, sind Ausdruck seiner göttlichen Vollmacht und Liebe. Sein tiefster Kernauftrag ist, die mit dem Sündenfall zerbrochene Gemeinschaft des Menschen mit seinem Schöpfergott wieder herzustellen.
Weil er die menschlich gesehen allzu verständlichen Erwartungen nicht erfüllte, schrie die Menge eben später das „kreuzige“.
Die persönliche Erfahrung übernatürlichen, göttlichen Handelns in tiefer menschlicher Not ist noch lange kein Garant für einen gesunden Glauben. Ja, Gott tut Wunder! Aber Gott ist auch unverfügbar! Hier ist komplementäres Denken wichtig: Weder das Kleinreden oder gar Verdammen von Heilungen und Wundern noch ihre Überhöhung zu einem zentralen Glaubensinhalt werden der biblischen Botschaft gerecht. Wird hier ein Aspekt überbetont, hemmt es das Wachstum eines gesunden, biblischen Glaubens.
Es wirkt sich auch sehr negativ auf ein gedeihliches Miteinander von Christen aus.
In naher Zukunft werden sich die Strukturen in unserer Ev.-Luth. Landeskirche dramatisch verändern. Verschiedene Traditionen, Glaubenserfahrungen örtliche Besonderheiten und manches Liebgewordene treffen dabei aufeinander. Ob es zu einer Katastrophe führt oder ob es eine große Chance wird, liegt an den einzelnen Menschen. Eine neue Struktur schafft kein neues Leben. Aber Menschen, die sich auf dem Fundament der biblischen Botschaft vom Heiligen Geist bewegen lassen, können zueinander finden und damit das Zeugnis vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn glaubwürdig leben.
Amen.

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