Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 15. Oktober 2017

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis, 15. Oktober 2017

15.10.2017

zu Markus 10, 17 - 27; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
man ist ein Sklave seiner Kinder, sagte der junge Vater. Ich war im Vikariat in dem kleinen Dorf am südlichen Rand des Harzes und besuchte Eltern von Täuflingen des letzten Jahres. Ich fand das damals ein hartes Wort. Wie kann man denn der Sklave seiner eigenen Kinder sein? fragte ich mich. (Damals hatte ich selbst noch keine.) Als ich dann selbst Vater war, ist mir der Satz dieses Mannes immer mal wieder in den Sinn gekommen. Er hatte schon Recht, dachte ich einige Male. Natürlich nicht in dem Sinn, dass man von seinen Kindern geschlagen, missbraucht und irgendwo gegen den eigenen Willen festgehalten wird. Aber alle, die Kinder haben oder hatten, wissen: Mit der Geburt eines Kindes verändert sich das Leben dramatisch. Nichts ist mehr so wie vorher. Der ganze Rhythmus eines Tages richtet sich plötzlich nach dem Kind. Viele eigene Wünsche müssen zumindest zunächst einmal zurückgestellt werden. Nur wenn es dem Kind gut geht, kann es auch einem selbst gut gehen. Ein Kind fordert den ganzen Menschen voll und ganz, zumindest solange es klein und ganz auf seine Eltern oder andere Bezugspersonen angewiesen ist.
Eines allerdings ist falsch an diesem Vergleich. Sklave ist man gegen seinen Willen. Ein „Sklave“ seiner Kinder ist man freiwillig. Denn in der Regel lässt man sich ja aus Liebe zu dem Kind „versklaven“. Weil man sie liebt, richtet man sein Leben nach dem Kind bzw. den Kinder aus. Weil man sie liebt, dreht sich Vieles um die Kinder.
Ganz ähnlich ist es mit unserer Beziehung zu Gott. Auch die Beziehung zu Gott beansprucht – ähnlich wie die zu einem Kind – das ganze Leben. Man kann nicht mit halbem Herzen und ein bisschen Vater oder Mutter sein. Man kann auch nicht mit halbem Herzen oder ein bisschen Christ sein. Der Glaube will das ganze Leben für sich. Denn auch hier geht es um eine Liebesbeziehung – die zwischen Gott und jedem einzelnen von uns. Wenn einer wie der Apostel Paulus sagt, er sei ein Diener Christi, wie wir es in unserer Bibel lesen, dann könnte man ebenso formulieren: ein Sklave Christi. Das griechische Wort im Neuen Testament kann beides bedeuten. Daran wird deutlich: Christus ist nicht mit halbem Herzen zu haben und der Glaube an ihn will das ganze Leben prägen. Nebenbei kann man kein Kind Gottes sein.
Zu Jesus kommt einer, der muss das erst noch lernen. Er ist auf der Suche nach dem wirklichen Leben. Er sucht das Leben, das den Tod überdauern kann. Er sucht die Nähe zu Gott. Er ist ganz nahe dran. Gottes Willen, wie er in den Zehn Geboten seinen Ausdruck gefunden hat, ist ihm vertraut. Er richtet sein Leben danach aus, meint er jedenfalls.
Jesus spürt die Sehnsucht dieses jungen Mannes. Er sieht, dass er wirklich auf der Suche ist. Aber er ahnt auch, dass er nicht mit dem ganzen Herzen dabei ist. Denn der junge Mann ist wohlhabend. Das kann Jesus schon an seiner Kleidung sehen. Aber hindert ihn sein Geld nicht daran, die Gebote Gottes wirklich zu befolgen?
Du sollst nicht stehlen
: Kann man denn überhaupt wohlhabend sein, ohne das Geld anderen Menschen weggenommen zu haben? Der Mann hat viele Güter, weil viele Menschen für ihn arbeiten und gerade einmal so davon leben können. Vielleicht arbeiten sogar Sklaven für ihn. Niemand kann reich sein, ohne sein Geld anderen gestohlen zu haben. Das gilt übrigens auch für die heutige Zeit.
Du sollst nicht begehren
: Ist nicht gerade das Geld das extreme Objekt unserer menschlichen Begierde? Wird von uns nicht alles getan, um den Wohlstand zu mehren? Gehen dafür nicht sogar Menschen über Leichen?
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben:
Aber ist nicht gerade das Geld ein so machtvoller Gott? In Konkurrenz zu dem wahren Gott beansprucht auch das Geld den ganzen Menschen und das ganze Leben. In Konkurrenz zu dem wahren Gott will das Geld, dass wir alles nach ihm ausrichten. Kann man viel Geld haben und zugleich das Erste Gebot wirklich beachten?
Darum stellt Jesus diesen jungen Mann vor die Entscheidung. Gib dein Leben wirklich Gott hin. Lass dein Geld los. Gib es den Armen zurück, von denen du es hast. Verzichte auf das Glück und den Halt, den das Geld dir zu geben verspricht. Finde das wahre Glück und den wahren Halt bei dem lebendigen Gott. Finde das wahre Glück und den wahren Halt in meiner Nachfolge.
Da zeigt es sich dann, liebe Gemeinde, wie ernst es dem jungen Mann wirklich ist. Diese Hürde ist für ihn einfach zu hoch. So weit will er sich dem Leben in einer Beziehung zu dem lebendigen Gott dann doch nicht hingeben. Jesus nachzufolgen und dafür alles aufzugeben, was er hat, das ist ihm nicht möglich.
Er erlebt damit, was für uns alle gilt: Gottes Gebote wollen ernst genommen werden. Sie gelten nicht nur ein bisschen. Aber wenn wir sie in ihrer ganzen Tragweite ernstnehmen, dann ist damit eine bittere Erkenntnis verbunden: Wir sind dem nicht gewachsen! Man muss kein reicher Mann sein, um an Gottes Willen zu scheitern. Diese völlige Hingabe des ganzen Lebens an die Beziehung zu Gott ist etwas, das wir immer nur annähernd aufbringen können. Der Liedermacher Clemens Bittlinger hat einmal in einem Lied zum Thema Nachfolge gesungen: Ich stolpere Jesus hinterher. Ihm wirklich nachzufolgen, dieser Anforderung werden wir allesamt nicht gerecht.
Die Jünger haben ein ganz gutes Gespür dafür. Sie könnten sich über Jesu Bild von dem Kamel, das eher durch ein Nadelöhr passt als ein Reicher durch das Himmelstor, ja auch freuen. Sie selbst sind ja alles andere als reich. Aber sie entsetzen sich, lesen wir. Sie wissen ganz genau: Auch Arme scheitern an der Nachfolge Jesu. Alle miteinander wollen wir immer ein Teil unseres Lebens für uns behalten. Es ganz und gar Gott hinzugeben, das übersteigt unsere Möglichkeiten. Die lutherische Theologie hat darum gesagt, dass die Gebote Gottes im Grunde dazu da sind, uns zu zeigen, was für Sünder wir Menschen sind. Die Gebote machen deutlich: Im Reinen mit Gott zu leben, Jesus nachzufolgen, das ist uns eigentlich gar nicht möglich.
Gott sei Dank übersteigt es die Möglichkeiten Gottes nicht. „Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott, sagt Jesus. Gott sei Dank macht Gott seine Beziehung zu Gott nicht davon abhängig, dass wir seinen Willen ganz und gar tun. Er schenkt uns seine Liebe ganz und gar, auch wenn wir ihm und unseren Mitmenschen unsere Liebe immer wieder vorenthalten. Dafür ist Jesus letztlich ans Kreuz gegangen. Er hat uns die Hingabe vorgelebt und sie für uns gelebt, die wir selbst nicht leben können.
Damit sind wir noch mal bei dem, was ich eingangs über die Versklavung von Eltern sagte. Wenn dabei Liebe eine Rolle spielt, dann ist es letztlich doch einfach. Eltern geben ihren Kindern – solange die das brauchen – ihr Leben hin, weil sie sie lieben. Und auch weil sie von ihren Kindern geliebt werden. In unserer Beziehung zu Jesus Christus wissen wir uns in ähnlicher Weise geliebt. Und unser Glaube ist ja wiederum die Liebe, die wir Gott entgegenbringen. Aus dieser Liebe heraus wird es dann im Grunde doch einfach, unser Leben nach dem guten Willen Gottes auszurichten.
Man kann das in unseren Gemeinden auch sehr gut beobachten. Gerade die Menschen, für die der Glaube an festes Fundament ist, lassen ihr Leben von Gottes Willen in einem erstaunlichen Maß prägen. Mit welcher Liebe und Hingabe setzen sich beispielsweise unsere Ehrenamtlichen für die Belange der Gemeinden ein! Auch das Thema Geld spielt bei denen, die es wirklich ernst meinen, eine ganz andere Rolle als bei anderen. Wir verzeichnen momentan beispielsweise ein hohes Aufkommen an Kirchgeld und an Spenden für den Gemeindebrief. Christen sind diejenigen, die in besonderer Weise auch für Aktionen wie Brot für die Welt spenden. Und erst in dieser Woche hörte ich von einer Studentin, die einen Christen aus dem Iran bei sich aufgenommen hat, weil er keine Unterkunft fand.
Der Glaube beansprucht das ganze Leben. Die Gebote Gottes wollen mit ganzer Hingabe befolgt werden. Das scheint oft eine sehr hohe Hürde zu sein. Ist es auch. Aber getragen von der Liebe Gottes, ist diese Hürde dann doch zu überwinden. Wir brauchen nicht traurig fortzugehen. Wir stolpern fröhlich Jesus hinterher.
Amen.

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