Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 23. September 2018

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 23. September 2018

23.09.2018

zu Jesaja 49, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an“. Wozu hat er Dich berufen? Wer bist Du, Unbekannter, von dem wir lesen in den Schriften des Propheten? Bist du der Prophet selbst? Meint Deine Berufung Israel, das heilige Volk? Oder weist Du allein hin auf den, der in der Mitte der Zeiten gekommen ist, Jesus, den wir den Christus nennen? Wer auch immer Du bist, unbekannter Berufener, in Dir finde ich meinen Herrn Jesus Christus wieder. In Dir, Du Knecht Gottes, finde ich aber auch mich selbst wieder, dem ich nachzufolgen versuche.
„Berufen bist du von Mutterleibe an.“ So jedenfalls war es mit Jesus von Nazareth. Von Beginn der Zeiten an war es Gottes Plan, in ihm diese Welt aufzusuchen. In Jesus wollte er seinem Volk Israel von Angesicht zu Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Jesus sollte dem Volk, das im Finstern wandelt, das Licht bringen. Seit von Dir die Rede war, Knecht Gottes, sehnte sich das Volk nach dem Messias. In Jesus kam er in diese Welt: In dem Kind in der Krippe; in dem Wanderprediger auf den Straßen Galiläas und Judäas; in dem Gekreuzigten vor den Toren Jerusalems; in dem Auferstandenen, der den Jüngern am Ostermorgen begegnete.
Ihm will ich nachfolgen. Aus eigener Kraft kann ich es nicht. Jesu Fußtapfen sind mir zu groß. Aber ich bin gewiss bin: Auch ich bin berufen. Von Mutterleibe an hat Gott auch mich gekannt. Von Mutterleib an wollte er, dass ich sein Kind bin. Mit dem Wasser der Taufe ist es geschehen: Ich bin sein Kind; ich bin berufen in seinem Licht zu leben und seinem Sohn nachzufolgen. Das gibt mir die Kraft, es immer wieder zu versuchen. Manchmal gelingt es mir sogar.
„Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht.“ Von dir lesen wir, du seist beufen Gottes Wort zu verkündigen, Du unbekannter Knecht Gottes. Dazu hast Du einen Mund wie ein scharfes Schwert bekommen. Deine Worte sind zu Werkzeugen Gottes geworden.
Die Worte Jesu konnten scharf sein. Um der Wahrheit Gottes Willen ist es manchmal nötig, die Dinge beim Namen zu nennen. So hat Jesus es im Namen Gottes getan. Die von Selbstgerechtigkeit trieften wies er mit scharfen Worten zurecht. Die Händler warf er mit harten Worten aus dem Tempel. Aber niemals waren Jesu Worte persönlich vernichtend, verletzend. Immer sprach aus ihnen die Liebe Gottes. In deutlichen Worten allerdings rief er dazu auf, sich an dieser Liebe auszurichten. Die eingefahrenen Wege zu verlassen. Neues zu leben. Vertrauen zu wagen. Zu glauben, zu lieben, zu hoffen. So war sein Mund wie ein scharfes Messer, ein Werkzeug des himmlischen Vaters. Ist es ein Wunder, dass die ersten Christen ihn in Deinen Worten wiedererkannten, großer Unbekannter?
Und meine Worte, unsere Worte, die wir Christus zu bekennen versuchen? Die wir mit anderen teilen möchten, was uns bewegt und hält und hoffen lässt. Auch sie können Werkzeuge sein wie ein scharfes Messer. Sie versuchen zu trösten, zu ermutigen, sie weisen den Weg, weisen manchmal auch zurecht. Nicht immer haben sie die Kraft der Worte Jesu. Oft genug haben wir es nötiger sie zu hören als sie auszusprechen. Dürfen wir aus Deinen Worten heraushören, unbekannter Berufener, dass auch unsere schwachen Worte nicht wirkungslos bleiben? Hat unser eigenes Zeugnis Teil an der Mission des Evangeliums, wird dann das Wort über den Gartenzaun hinweg seine Spuren hinterlassen im Herzen des Nachbarn? Werden die ermutigenden Worte in schwieriger Lebenslage helfen, tragen, Türen öffnen? Ist nicht auch zu uns in der Nachfolge Jesu gesagt: „Du bist mein Knecht, durch den ich mich verherrlichen will“?
„Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich.“ Hier kommst Du uns ganz nahe, Knecht Gottes. Wollte niemand Deine Worte hören? War die Mutlosigkeit des Volkes Deinen Worten gegenüber wie Sand, in dem das Wasser versickert? Oder sollten wir an dieser Stelle nur hingewiesen werden darauf, dass auch Jesus Erfahrungen der Vergeblichkeit kannte?
Denn in diesen Worten hat der Herr sich wiederfinden können. In seinem Heimatdorf war Jesus nichts. Seine Predigt verhallte in Nazareth ungehört. Viele konnte er heilen im Land, aber noch mehr blieben in ihren Krankheiten gefangen. Am Ende riefen die, die ihm am Palmsonntag zugejubelt hatten, das „Kreuzige ihn“. Jesus aber hat an Gott festgehalten. Sein Recht fand er bei dem Herrn. In seiner Hand wusste er sich gehalten. Im Garten Gethsemane konnte er darum annehmen, was ihm bestimmt war. In den Schmerzen des Todes konnte er darum in die Klage des Psalmisten einstimmen und inmitten der Klage festhalten an Gott.
Vergeblich. Wie oft erleben auch wir das. All unser Tun ist Stückwerk, hat Teil an der Vergänglichkeit alles Geschaffenen – gerade auch in der Nachfolge Jesu und unserem Zeugnis von unserem Glauben. Kinder, denen wir unseren Glauben mitgeben wollen, gehen einen anderen Weg. Menschen, die wir einladen, wollen unserer Einladung nicht folgen. Was uns wichtig ist und am Herzen liegt, erreicht die Herzen anderer nicht. – Aber dann spüren wir doch immer wieder, dass wir gehalten sind. Nicht nur, dass wir selbst immer wieder Licht sehen in den finsteren Tälern des Lebens. Nicht nur, dass wir spüren, wie wir gehalten werden. Worte, nach denen wir mühsam suchen, werden plötzlich als glaubwürdig erlebt. Zarte Pflänzchen des Glaubens durchbrechen den Asphalt der Gleichgültigkeit. Was uns trägt, trägt auch andere.
„Du bist mein Knecht, die Zerstreuten Israels wiederzubringen.“ Ob es Dich gab, unbekannter Berufener? Oder bist du doch nur das Abbild Jesu Christi? Er wusste sich gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Er war der gute Hirt, das Licht der Welt für die Armen, die Ausgestoßenen, die Zöllner und Sünder. Wer ihm begegnete, spürte die Kraft der Liebe Gottes. Der Mann aus Nazareth strahlte sie aus. In seiner Gegenwart wich die Finsternis. Verzweifelte fassten neuen Mut. Von ihrer Schuld Erdrückten nahm er die Last von ihren Schultern. Stigmatisierte und Ausgesonderte wurden wieder Teil der Gemeinschaft. Hoffnungslose sahen wieder eine Zukunft. Sie alle spürten, dass Jesus der Weg zu Gott und seiner Wahrheit und seinem Leben war.
Ich aber könnte heute nicht zaghaft und Schritt für Schritt versuchen, diesen Weg zu gehen, hätte dieser Auftrag Jesu an den Grenzen Israels geendet. Kannte Jesus eigentlich das Wort über Dich nicht, unbekannter Knecht Gottes? Er war doch ein großer Gelehrter seiner Bibel! Das Licht der Heiden zu sein, das Heil bis an die Enden der Erde: Warum hat er das nicht von Anfang an auf sich bezogen? Musste sein Vater ihm erst die kanaanäische Frau schicken, um das zu lernen?
Aber Jesus hat die Grenzenlosigkeit seiner Mission erkannt. Durch ihn ist der Gott Israels auch mein Gott, unser Gott geworden. Das Heil durchbrach die Grenzen Israels und breitete sich aus in der Welt „bis an die Enden der Erde“. Auch das ist in dem Geheimnis des Kreuzestodes Jesu verborgen. Ohne das Kreuz wäre Jesus ein Prophet und Erneuerer des Glaubens Israel gewesen. Wir wüssten vermutlich nichts von ihm. Sein Scheitern am Kreuz aber sprengte den Glauben Israels. So nur konnte die Botschaft von dem Heil sich ausbreiten hinein in die Heidenwelt. So konnte Jesus auch der Christus der Heiden werden; so konnte er der Heiland meines Lebens, unseres Lebens sen. Unser Weg. Unsere Wahrheit. Unser Leben. Als der Gekreuzigte wurde Jesus der Knecht Gottes. Als der scheinbar von Gott Verfluchte und von Gott Verlassene des Karfreitags wurde der Auferstandene zum Heil der ganzen Welt.

Unbekannter Knecht Gottes, wer auch immer Du warst,
in Deinen Worten oder in den Worten über Dich
erkennen wir unseren Herrn,
finden wir zugleich die Wahrheit unseres Lebens,
sehen wir das Licht.

Amen.

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