Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis, 16. September 2018

Predigt am 16. Sonntag nach Trinitatis, 16. September 2018

16.09.2018

zu Apostelgeschichte 12, 1 - 11; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in der vergangenen Woche wurde ich an ein Krankenbett gerufen. Die alte Frau sieht ihren Tod kommen. „Am Ende werde ich wohl noch ein Tränchen verdrücken“, sagte sie, „aber ich bin vorbereitet.“ Wir haben miteinander gebetet. Ich habe ihr einen Segen zugesprochen. Vielleicht war es schon ein Sterbesegen. In jedem Fall wird es für sie ein gesegnetes Sterben sein. Weil sie auf Gott vertrauen kann. Weil sie ihr Leben in der Hand des lebendigen und Leben erschaffenden Gottes weiß.
„Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ So hörten wir es eben in der Epistel. Durch das Evangelium? Müsste es nicht eigentlich heißen: „weil Gott ihn von den Toten auferweckt hat, wovon das Evangelium uns erzählt“? So aber ahnen wir: Das Evangelium, das froh machende Wort Gottes hat Anteil hat an der schöpferischen, den Tod überwindenden Kraft Gottes.
Die Erzählung von der Errettung des Petrus ist Teil dieses Evangeliums. Sie hat Anteil hat an der schöpferischen, den Tod überwindenden Kraft Gottes. Denn sie erzählt uns von unserem Gott, der mitten in diesem Leben den Tod überwindet, mitten in diesem Leben aus Todeserfahrungen befreit und errettet.
Auf den ersten Blick ist es eine Gethsemane- oder Passionsgeschichte. „In jener Nacht“, das ist dieselbe Nacht von der wir gleich zum Abendmahl hören werden: „“Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward.“ Petrus befindet sich wie Jesus in der Passionsgeschichte an der Schwelle des Todes. Jakobus ist bereits getötet worden; nun steht Petrus auf der Liste der Opfer des Königs. Der will durch Gewalt gegenüber den Christen bei den Rechtgläubigen Punkte sammeln. Anders aber als Petrus selbst es in jener Nacht gehandhabt hat, können die Seinen nicht schlafen. Unablässig beten sie zu Gott. Er selbst konnte damals schlafen, als Jesus im Garten Gethsemane mit der Todesangst rang. Die Gemeinde kann es nicht. Sie betet. Petrus allerdings kann sogar jetzt schlafen. Hier gilt wirklich: Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf.
Er gibt es dem Petrus im Schlaf, indem er einen Boten schickt. Eine himmlische, überirdische Erscheinung? Oder eher ein bestochener Wächter oder einer der Wachen, der heimlich mit dem Glauben an Christus sympathisiert? In dem Fall würde er dafür Kopf und Kragen riskieren, dass er Petrus entkommen lässt. Was für ein Engel es ist, mag jede und jeder von uns so verstehen, wie es ihm oder ihr entspricht. Petrus selbst nimmt das ganze Geschehen wie im Traum wahr. Erst als er gerettet worden ist, begreift er, was sich ereignet hat: Gott hat ihn aus der Hand des Herodes errettet. Gottes schöpferische Kraft hat ihn dem Tod entrissen und ihm das Leben geschenkt.
So wird uns diese Geschichte zum Evangelium. Sie macht uns gewiss, dass unser Gott stärker ist als alle Todeserfahrungen.
Die junge Frau ist auf dem Weg zu Ihrer Arbeit. Sie fährt am Rande der Stadt in den Tunnel ein, hinter dessen anderem Ende ihr Arbeitsplatz liegt. Da kommt ihr ein Laster auf ihrer Spur entgegen – schleudernd. Der Fahrer hat die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. In letzter Minute versucht sie auszuweichen, aber es geht nicht. Zwischen dem Kleinlaster und der Tunnelwand ist kein Platz mehr. Später wird man ihr Auto an die rechte Wand des Tunnels gedrückt finden. Dann wird alles schwarz. Beim Aufprall wird der ganze Motorblock auf wenige Zentimeter zusammengeschoben. Wie durch ein Wunder – oder besser: durch das wunderbare Eingreifen des schöpferischen Gottes, der den Tod überwindet – überlebt sie. Eine Bekannte kommt zufällig – oder besser als ein Engel des Herrn – vorüber und ruft sofort den Notarzt. Mehrere Knochenbrüche hat sie erlitten. Eine gebrochene Rippe hat einen der beiden Lungenflügel zusammenfallen lassen. Im Krankenhaus wird sie sofort notoperiert. Aber sie überlebt.
„Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Gott hat sein Volk besucht“ lesen wir in einem anderen Text für den heutigen Sonntag.
„Wir haben einen Gott, der da hilft und den Herrn, der vom Tode errettet“. Immer wieder erleben wir, was Petrus im Gefängnis erleben durfte. Ja, es gibt auch andere Erfahrungen. Dann stehen wir ratlos da, voller Schmerz und Trauer. Wir fragen: Warum? Warum, so frage ich mich beispielsweise, musste vor sieben Jahren ein junger Mann in der Woche vor seinem 18. Geburtstag sterben? An seinem ersten Geburtstag hatte ich ihn getauft. Darum fragten mich seine Eltern, ob ich die Trauerfeier in Vertretung der Gemeindepfarrerin halten würde. Warum musste er gehen? Mich hat diese Frage seitdem nicht mehr losgelassen. – Aber ist es nicht die Frage, die sich auch Jesus gestellt hat? Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Am Ostermorgen gab es dann die Antwort darauf. Gott hatte ihn nicht verlassen. In diesem Leben konnte es für Jesus keinen anderen Weg als in das Sterben und den Tod hinein geben. Aber Gott ist diesen Weg mit ihm gegangen und hat ihn der Macht des Todes entrissen. Die Jünger Jesu konnten darum dem Auferstandenen begegnen.
Die Kraft unseres Gottes ist stärker als die Macht der Vergänglichkeit, der wir in dieser Welt unterworfen sind. Er ist der lebengebende Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Darum führen unsere Wege letztlich alle in die Finsternis des Todes. Aber niemals enden sie dort. Immer werden sie in seinem Licht enden. In dem Licht, das am Ostermorgen für die Jünger sichtbar wurde.
Erfahrungen der Errettung und Bewahrung in diesem Leben machen uns gewiss, dass es so ist. Über meinem eigenen Leben beispielsweise ist immer wieder eine Hand gewesen, die mich beschützt hat. Mich gibt es überhaupt nur, weil Gott mein Leben gewollt hat. Meine Eltern wollten zu diesem Zeitpunkt kein Kind. Dann gibt es in meinem Leben so viele Situationen, wo auch mein Leben ein schnelles Ende auf der Straße hätte finden können. Aber da war da offenbar immer der schöpferische Gott, der mein Leben wollte.
Jesus Christus begleitet uns in diesem Leben durch die finsteren Täler und oft genug führt er uns aus ihnen wieder heraus. Das stärkt die Hoffnung, dass er uns auch durch das finstere Tal des Sterbens und des Todes hindurch zu dem ewigen Licht seiner unvergänglichen Welt begleiten wird. Wie wir es eben im Evangelium gehört haben: Jesus Christus spricht: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“
Am Freitagabend telefonierte ich mit meiner Schwester. Sie ist übrigens die junge Frau, die den furchtbaren Unfall im Tunnel überlebt hat. Sie erzählt mir von einem Klettergarten, den sie als Teil einer Gruppe von insgesamt zwei Familien durchquert hat. Sie berichtete von Grenzerfahrungen, wo sie körperlich nicht mehr konnte und mental einfach nur noch Angst hatte. Aber dann war da einer der Teilnehmer an der schwierigsten Stelle in der Nähe und sagte: Ich bleibe bei dir. Und sie sagte, da sei er wie ein Engel für sie gewesen. Dann habe sie sich darauf besonnen, dass sie doch an dem Seil gesichert sei und ihr doch eigentlich nichts passieren konnte. Dann ging es wieder, erzählte sie. Das war für mich wie ein spirituelles Erlebnis, sagte sie mir am Telefon. Ich erkannte plötzlich, dass es doch mit unserem Leben genauso ist. Immer wieder haben wir einen Engel Gottes an unserer Seite. Und egal, was geschehen mag: Wir werden gehalten. Wir sind wie durch das Seil gesichert. Tiefer als in die Hand Gottes können wir nicht fallen.
Das ist die frohe Botschaft, die wir mit der Petrus-Geschichte hören. Wir haben einen Gott, der schon mitten in diesem Leben den Tod überwindet. Darum haben wir ganz gewiss auch einen Gott, der uns an der Grenze des Lebens nicht loslässt. Seine schöpferische Liebe ist stärker als der Tod. Sie wird uns das Leben schenken. In alle Ewigkeit.
Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben