Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 9. September 2018

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 9. September 2018

09.09.2018

zu Galater 5, 25 - 26; 6, 1 - 3 und 7 - 10; gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Gemeinde,
vor wenigen Wochen stürzte in Genua eine viel befahrene Brücke mit fatalen Folgen plötzlich ein. Neben der Sorge um das Leid der vielen Opfer steht die Frage nach der Ursache bedrückend im Raum.
Lag es am verwendeten Material?
Lag es an der ungenügenden Wartung?
Oder lag von Anbeginn eine falsche Konstruktionsweise vor?
Diese und sicherlich noch viel detailreichere Dinge müssen durch hochkarätige Sachverständige unbedingt gewissenhaft geklärt werden. So ein dramatisches Unglück soll sich ja nicht wiederholen!
Von einem schwerwiegenden geistlichen Unglück ist im Brief des Apostels Paulus an die Galater die Rede:
Wortbegabte Menschen mit einem hohen Autoritätsanspruch und einer faszinierenden Ausstrahlung kommen in diese junge, durch Paulus gegründete Gemeinde. Sie halten die Qualität des „geistlichen Baumaterials“ dort für nicht ausreichend. Allein der Glaube an Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, erscheint ihnen zu wenig. Sie sind der Meinung, dass jeder selbst vor Gott mit seinen Frömmigkeitsleistungen etwas zu seinem Ansehen beitragen muss. Konkret geht es dabei um das Leben nach dem Gesetz das durch Mose gegeben war. Um ein „richtiger“ Christ zu sein, muss man sein Leben an den jüdischen Regeln ausrichten, so die Meinung dieser Leute.
Hier geht es letztlich um das geistliche „Baumaterial“, durch das eine christliche Gemeinde ihre innere wie äußere Gestalt erreichen soll. Und da ist es wie bei der Brücke in Genua: Ungeeignete Baustoffe bergen dramatische Gefahren für den laufenden Betrieb und den praktischen Fortbestand.
Im Brief an die Galater sieht Paulus das Fundament des christlichen Glaubens in Frage gestellt. Nicht die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften sind eine christliche Glaubensbasis, sondern allein der Glaube an die Erlösungstat durch den Tod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung haben den Wert der Unvergänglichkeit.
Auffallend dabei ist, dass Paulus bereits nach einer kurzen Einleitung im ersten Kapitel dieses Briefes ab dem 6. Vers mit harscher, scharfer Kritik beginnt. Sie gipfelt im 3. und 4. Kapitel in den Sätzen: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor Augen gemalt war als der Gekreuzigte?
Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe.“

Was war dort geschehen?
Durch die falschen Lehrer wurde das fromme „ich“ zum Maßstab von Lehre und Leben in dieser Gemeinde erhoben. Einer wollte den anderen an Frömmigkeit überbieten und damit letztlich vor Gott besser dastehen als die übrigen. Nicht die Gnade und Dankbarkeit, sondern die religiöse Leistung steht im Vordergrund.
Paulus setzt dagegen: Wenn ihr Galater wirklich meint, im Geist zu leben, dann passt euer Lebensstil nicht zu dem, wie ihr euch untereinander verhaltet.
Überheblichkeit, Neid und Gerangel um das Ansehen sind keine christlichen Tugenden.
Paulus lehnt derartige Dinge kompromisslos ab. Er sieht dadurch den ganzen „Bau“ Gemeinde in größter Gefahr.
Wir können also festhalten: Das Baumaterial muss geeignet sein, sonst, siehe Brücke in Genua.
Lassen sie uns an dieser Stelle einmal kurz innehalten.
Wie sieht es in dieser Beziehung in unserer Kirche, in unserer Gemeinde vor Ort und im eigenen Leben aus? Wo sehen wir Gefahren und Verwerfungen?
Die Wartung des Bauwerkes
Der Apostel Paulus belässt es nicht bei einer messerscharfen Gesamtkritik am Baustoff. Er benennt an Hand von ganz konkreten Einzelfragen, welche Folgen ein verfälschtes Evangelium für den Bau einer Gemeinde hat und wie der Weg zu positiven Veränderungen aussieht:
Dabei geht es ihm hier um den Umgang mit den Fehltritten anderer. Jedem kann so etwas passieren. Keinem hilft in dieser Situation der „Allesbesserwisser“, der andere klein und sich selbst dadurch groß zu machen versucht. Das „Gesetz Christi“ (Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Mt. 22,37+39) ist das Doppelgebot der Liebe, die allein helfenden und heilenden Charakter hat.
Diese Liebe nimmt den Nächsten in seiner Not hilfreich wahr. Keinen muss die Bürde auf seinen Schultern zu Boden drücken. Der Mitchrist fühlt sich von der Not des anderen mit betroffen und beteiligt sich an der Hilfe für ihn.
Wird diese Praxis nicht angewendet, so kommt es zu folgenschweren Schäden im laufenden Gemeindebetrieb. Es besteht sogar akute Einsturzgefahr. Spätestens an der Schwelle zur Ewigkeit wird sich zeigen, ob der persönliche Glaube aus gutem, brauchbarem „Material“ bestanden hat. Dieses robuste, allen Wettern trotzende „Baumaterial“ kann der einzelne nicht selbst produzieren. Wer das von sich denkt befindet sich in einer Art „Wahnzustand“. Was ein Christ, eine christliche Gemeinde oder eine christliche Kirche als „Baumaterial“ verwenden darf, wird ihr geschenkt. Andere „Baustoffe“ taugen lediglich für die Bildung von Vereinen, Parteien, Initiativen, usw., nicht aber zum Bau der Gemeinde Jesu.
Dietrich Bonhoeffer charakterisiert es folgendermaßen:
„Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung.“
Das Fazit

Paulus ringt mit den Galatern um den richtigen Baustoff, dem Evangelium von Jesus Christus ohne Beimischungen jüdischer Gesetzlichkeit.
Er befürchtet erhebliche Konstruktionsfehler, wenn auf brüchigem „Baugrund“ gearbeitet wird.
Nicht fromme Leistung, so ehrlich sie auch gemeint sein mag, sondern allein der Heilige Geist ist der richtige „Konstrukteur“.
Und er mahnt eine Wartung an, die die bestehenden Defizite in den Blick nimmt und vor dem Totalschaden repariert.
Die Zusammenfassung
Paulus mahnt: Wollt ihr geistlich sein, so zeigt dies doch an euerm Lebensstil.
Wenn es euch gut geht, dann rechnet das nicht eurer Frömmigkeit oder eurem Verdienst zu. Helft lieber anderen, denen es nicht so gut geht. Pflegt nicht einen Heiligenschein. Alle Selbstanmaßung führt letztendlich in die Katastrophe. Denn in dem Moment, wo es der Einzelne aus Krankheits- oder Altersgründen nicht mehr schafft, sein frommes „ich“ zu füttern ist alles aus. Er nimmt seine Frömmigkeit mit ins Grab und gibt sie dort der Verwesung preis. Nur wer ganz allein auf Jesus vertraut hat auch eine Zukunft über den leiblichen Tod hinaus. Das Problem bleibt hierbei: Keiner kann es erst einmal ausprobieren. Das Leben geht für alle ausnahmslos nur in eine Richtung. Deshalb ist es Paulus auch so ernst mit diesem Thema. Nur so lässt sich die durchdringende Schärfe seiner Kritik verstehen. Es geht um nicht weniger als um Leben und Tod. Da gibt es keine Kompromisse.
Ein aktuelles Thema heute
Was könnte uns das heute in unserer Ev.-Luth. Kirche, in unserer Domgemeinde und im eigenen Leben sagen? Es ist doch unübersehbar: Die Zahl der Kirchen-und Gemeindeglieder sinkt stringent von Jahr zu Jahr. Ich habe im letzten Jahr in verschiedenen Gemeinden im ländlichen Raum Dienst getan. Bis auf eine rühmliche Ausnahme in Chemnitz Reichenbrand, wo ca. 150 Gottesdienstbesucher in der Kirche waren, lagen die übrigen Zahlen zwischen 2 und 8. Diesem Schrumpfungsprozess allein mit positivem Vokabular und Strukturveränderungen zu begegnen greift zu kurz. Nur ein vom Geist Gottes initiierter Aufbruch kann da zielführend sein. Dazu sind wir alle eingeladen. Nicht Besitzstände sind zu verteidigen, nicht geliebte Traditionen gilt es hoch zu halten, sondern die Last der fortschreitenden Säkularisierung ist mit zu tragen. Dieser Text heute ist eine Herausforderung an jeden Einzelnen, an die Gemeinden und an die Kirche. Prüfen wir doch einmal ehrlich, ob geistliches Leben auf allen Ebenen auch seinen authentischen Ausdruck im Lebensvollzug erhält. Achten wir auf die Stimme des Guten Hirten im Gewirr der vielen sehr attraktiv erscheinenden „Heilsangebote“ unserer Zeit. Lassen wir uns von der Brücke in Genua warnen. Dort gab es ein „zu spät“.
Amen.

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