Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 24. September 2017

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis, 24. September 2017

24.09.2017

zu Lukas 18, 28 - 30; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein kleines Mädchen geht mit seiner Mutter spazieren. Im anderen Arm hat sie ihren Teddy. Den nimmt sie überallhin mit. Ihr bester Freund darf niemals fehlen. – Sie gehen unter herrlichen alten Bäumen entlang. Plötzlich liegt da auf dem Weg ein wunder­schönes buntes Blatt. Gern würde sie das Blatt aufheben. Aber wie soll sie das machen? „Gib mir doch den Teddy!“ sagt die Mutter. Ihren Teddy hergeben und sei es für eine kurze Zeit? Aber das Blatt leuchtet so schön gelb und rot und grün. Man kann ihr richtig ansehen, wie sie hin- und hergerissen ist. Die Mutter streckt ihr die Hand hin. Da gibt sie ihr den Teddy und bückt sich, um das Blatt aufzuheben. Wie schön leuchtet es in der Sonne. Voller Freude schwenkt sie das Blatt hin und her.
Manchmal ist es ganz schön schwer, etwas loszulassen. Zu Jesus ist einmal ein junger Mann gekommen, der war ganz fasziniert von dem, was Jesus predigte. Er suchte die Nähe Jesu. Da ging so viel aus von diesem Mann. So viel Leben. So viel Hoffnung. Solch eine Nähe zu dem lebendigen Gott. Aber Jesus spürte, dass er innerlich nicht frei war, mit ihm mitzugehen. Der junge Mann stammte aus einer wohlhabenden Familie. Eine glänzende Karriere stand ihm bevor. Vermutlich wartete auch schon ein Mädchen aus gutem Haus darauf, von ihm geheiratet zu werden. „Eines fehlt Dir zu einem Leben mit Gott“, sagte Jesus zu ihm. „Verkaufe alles, was Du hast, und schließe dich uns an. Dann wirst du das Leben gewinnen.“ Der junge Mann aber ging traurig nach Hause, lesen wir bei Lukas, denn er hatte viele Güter. Sein bisheriges Leben konnte er nicht loslassen.
Vielen jungen Menschen geht es heute so, wenn sie in das Alter kommen, eine Familie zu gründen. Sie scheuen sich, ihre Freiheit aufzugeben und zu heiraten. Sich an einen einzigen Menschen zu binden, hieße ja, all die Möglichkeiten, noch jemand anderen ken­nen zu lernen, zu verlieren. Und ebenso scheuen sich viele junge Leute, Kindern ein Zuhause zu geben. Auch das hieße ja, vieles loszulassen. All die Mittel, die die Zeit und die Kraft, die ein Kind braucht. Und nicht zuletzt die Freiheit, sein Leben unabhängig gestalten zu können.
Oftmals werden wir im Leben vor die Frage gestellt, ob wir bereit sind, etwas hinter uns zulassen. Mit einem Leben im Glauben ist es nicht anders. Im Glauben zu leben, bedeutet auch und manchmal besonders, loszulassen, aufzubrechen, etwas Neues anzufangen, manchmal sogar Opfer zu bringen. Wer unter uns zu DDR-Zeiten vor der Frage gestanden hat, sich konfirmieren zu lassen mit all den Konsequenzen, die das damals hatte, kennt das. Viele haben Nachteile in Kauf genommen, weil sie Jesus Christus treu bleiben wollten. Und noch heute gehört etwas dazu, in der Schule, am Arbeitsplatz oder unter Vereinkameraden zu sagen: Ich glaube an Jesus Christus; ich gehöre zur Kirche.
„Petrus sprach zu Jesus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlas­sen und sind dir nachgefolgt.“ Petrus und seine Freunde haben es anders als der wohlhabende junge Mann gemacht. Sie haben ihr altes Leben radikal hinter sich gelassen. Sie haben ihre Fischer­netze liegen lassen. Sie haben ihre Frauen der Obhut ihrer Fa­milien anvertraut. Sie sind aufgebrochen in eine unbekannte Zu­kunft. In ein Leben ohne Sicherheiten. In ein Leben ohne ein Dach über dem Kopf. Ohne Familie. Ohne ein Einkommen. – „Ja“ sagt Jesus. „Aber hat Gott euch denn fallen lassen? Habt ihr nicht im Kreis meiner Jünger eine neue Familie gefunden? Hat es nicht im­mer jemanden gegeben, der uns aufgenommen hat, wenn wir nicht draußen schlafen konnten. Haben wir nicht immer wieder nach Zeiten des Hungers auch wieder mehr als genug zu essen gehabt. Und hat es sich nicht gelohnt, mit mir zusammen von der künf­tigen Welt Gottes zu erzählen? Ist es nicht wunderbar, anzusehen, wie Gottes Reich unter uns wächst – und die Hoffnung zu haben, dass dies erst der Anfang ist?“ – Oder wie es bei Lukas heißt: „Er aber sprach zu ihnen. Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wiederempfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“
Es lohnt sich loszulassen, sagt Jesus. Die Erfahrung machen wir schon im ganz normalen Leben. Wer es gewagt hat, die Jugend hinter sich zu lassen, erwachsen zu werden, Kinder zu bekommen, der weiß auch, was für ein Reich­tum das ist. Ein friedlich schlafendes Kind in seinem Bett liegen zu sehen; bei einem Jugendlichen zu erleben, dass trotz aller Abgrenzungsversuche die Familie doch prägend war; im Alter die Unterstützung seiner Kinder zu finden, das ist oft der Lohn für all die Mühen.
In gleicher Weise gilt das für das Leben im Glauben. Wer vor der Wende Nachteile für seinen Glauben in Kauf genommen hat, der hat oft auch erlebt, dass es nicht nur ein Opfer war. Manche haben die Erfahrung gemacht, von Gott nicht fallen gelassen zu werden; Kraft geschenkt zu bekommen in schwierigen Situationen. Wenn die Lehrerin einen drangsaliert hat und plötzlich die richtige Antwort zur Verfügung stand. Manche haben es erlebt, dass sich ein anderer Weg eröffnet hat, wenn wegen der Zugehörigkeit zur Kirche Türen verschlossen blieben. Jemand konnte sich in seinem Beruf weiter qualifizieren. Einer wurde es ermöglicht, das Abitur an der Abendschule zu machen und dann doch noch zu studieren. Ein anderer hat sogar in dem erst ungeliebten Beruf seine eigentliche Berufung und die Erfüllung für das Berufsleben gefunden.
An Jesus Christus zu glauben, ihm nachzufolgen, heißt auch heute noch etwas loszulassen – Zeit oder Kraft oder Geld. Die Dienste der Diakonie und christlicher Hilfsorganisationen wären undenkbar ohne die Vielzahl der Spender. Unsere Gemeinden würden nicht lebendig sein ohne die Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Einige tun dies über alle Maßen. Sie setzen viel an Zeit und Kraft ein, die sie auch für sich behalten könnten. Aber zu sehen, wie es alle zwei Monate einen schönen neuen Gemeindebrief gibt, der auch durch die eigenen Hände gegangen ist, oder die Freude der Gemeindeglieder zu erleben, die einen Besuch bekommen, oder die Erfahrung zu machen, wie man in den Ausschüssen des Kirchenvorstands etwas voranbringen kann, das entschädigt einen doch für Vieles; das macht vor allem Freude und es gibt dem Leben einen Sinn. Sonst würden es die ehrenamtlichen Mitarbeiter sicherlich auch nicht machen.
Der Weg der Nachfolge ist immer auch mit Mühen verbunden. Aber es lohnt sich. Vor allem aber ist es ein Weg mit einem großen Ziel. Alle Lebenswege enden eines Tages. Als Nachfolger Jesu sind wir aber zuversichtlich und gewiss: Dieser Weg wird nicht im Nichts enden. Im Gegenteil, er endet im Licht – bei Gott, in der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen, dem wir in dieser Welt nachgefolgt sind. Welchen Weg sollten wir insofern sonst gehen? Auch wenn er manchmal mit Loslassen verbunden ist.
Im Glauben zu leben, Jesus Christus nachzufolgen, das ist nicht möglich, ohne neu aufzubrechen, manch­mal auch Opfer zu bringen. Aber:
- Es ist niemand, der Jesus nachfolgt, der auf diesem Weg nicht spürt, dass er begleitet und gehalten wird.
- Es ist niemand, der Jesus nachfolgt, der nicht auch zumindest ein wenig zu spüren bekommt, dass es sich gelohnt hat.
- Es ist niemand, der Jesus nachfolgt, der nicht das Leben gewinnt.
Die Tür geht auf und herein kommt der Vater. „Guck mal, Papa, was ich Schönes gefunden habe“, sagt das kleine Mädchen und hält das bunte Blatt freudestrahlend dem Vater hin. „Ich habe es mir übrigens überlegt“, sagt die Mutter. „Ich bin einverstanden, dass Julia getauft wird und ich gehe auch zu dem Glaubenskurs, den uns der Pfarrer angeboten hat. Vielleicht ist meine Auffassung der Religion gegenüber wirklich etwas, das ich hinter mir lassen sollte.“ „Woher denn der Sinneswandel?“, fragt der Vater verwundert. „Es hat etwas mit diesem Blatt zu tun“, antwortet seine Frau. „Ich habe von Julia gelernt: Manchmal muss man loslassen, um etwas Schönes zu finden.“
Amen.

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