Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2016, im Dom Freiberg

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, 18. September 2016, im Dom Freiberg

20.09.2016

zu Römer 10,9-17(18) gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Schwestern und Brüder,
am 1. Januar 2017 beginnt das 500 jährige Reformationsjubiläum. Die Vorbereitungen laufen schon lange auf Hochtouren. Auch der Markt boomt: Da gibt es „Lutherbiere“ und Lutherbonbons, kleine Playmobil Lutherfiguren und vieles andere mehr.
Auch der Büchermarkt reagiert überreich. Was man da alles nach 500 Jahren so genau wissen will verwundert schon ein wenig. Dazu kommen die unzähligen Nachstellungen historischer Ereignisse und Legenden.
Es bleibt zu hoffen, dass das Eigentliche der Reformation mit seinen weltweiten Auswirkungen nicht zu einem Lutherkult verkommt.
Durch unseren heutigen Predigttext können wir ganz wesentliche Gedankengänge der Reformation im Leben von Martin Luther mit- und nachvollziehen.
Da ist zunächst dieses tiefe, ehrliche, ja existentielle Fragen nach dem lebendigen Gott und seiner Bedeutung für das eigene Leben. Es führt bei Luther zu der Erkenntnis, dass alle seine bis ins asketisch gehenden Anstrengungen ihm Gott nicht näher gebracht haben. Dabei weiß er zutiefst um die Notwendigkeit, mit Gott im „Reinen“ zu sein. Das Christentum kennt nicht den „Aufstieg“ durch Leistung von unten nach oben. Aus dieser Erkenntnis resultiert das reformatorische „sola vide“, allein aus Glauben.
Der Apostel sagt: „Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht“. Das heißt, nur durch Glauben ist die richtige Beziehung zu Gott möglich. Umgangssprachlich wird heute das Wort „Glauben“ eher im Sinne von „nicht genau wissen“, etwas für möglich halten gebraucht. Paulus meint aber damit eine tiefe im Innersten des Menschen wurzelnde Überzeugung. Sie ist nicht das Resultat des eigenen Nachdenkens. Auch die menschliche Intelligenz spielt dabei keine Rolle. Es ist eine Wirkung des Heiligen Geistes, die jeder ehrlich nach Gott Fragende mühelos empfangen kann. Diese existenzielle Erfahrung des „Herzensglaubens“ hat Martin Luther gemacht und nicht für sich behalten. „Wes des Herz voll ist, dem geht der Mund über“, so sagt es das Sprichwort.
Es mutet schon eigenartig an, dass eine Kirche die die beste Botschaft der Welt hat, durch das Bekennen eines Mönches sich angegriffen fühlt.
Luther wusste sehr wohl, wie man zu seiner Zeit mit Abweichlern in der Kirche umging. Jan Hus, der böhmische Reformator, landete 1415 auf dem Scheiterhaufen. Dennoch trieb die Kraft des „Herzensglaubens“ Martin Luther zum „Bekennen mit dem Munde“ an. Dabei ging es ihm wohl zu allererst um seine eigene Errettung zum ewigen Leben und nicht um das Aufbegehren gegen die herrschende kirchliche Ordnung und Struktur. Diese hielt Menschen durch Angst vor dem Gericht in ihrer Abhängigkeit. Aber, der Heilige Geist ist ein Geist der Wahrheit. Durch ihn sieht der junge Luther, wie die Kirche seiner Zeit die Wahrheit verdunkelt und nicht Jesus als alleinigen Retter von der Verdammnis verkündigt.
Das Geschäft mit dem Ablass lief ja sehr gewinnbringend. Durch Martin Luthers Herzensglauben und sein mutiges Bekenntnis kam die bereits schon lange vor ihm keimende reformatorische Bewegung in Fahrt. Das dabei politische Konstellationen und Fürstenhäuser eine große Rollen spielten sei hier am Rande vermerkt. Nebenbei bemerkt: Auch die Geburt Jesu im prophezeiten Bethlehem war Ergebnis einer politisch, wirtschaftlichen Entscheidung des römischen Kaisers.
Wir nennen uns „Evangelisch Lutherische Kirche“. Damit nehmen wir die Tradition Luthers und der Reformation in Anspruch.
Welche Rolle spielen unsere Gedanken über den „Herzensglauben“, über das „Bekenntnis mit dem Munde“ und über die Errettung vor dem ewigen Tod?
Baut unser Glaube, unser Bekenntnis und unsere Hoffnung allein auf Jesus, seine Lehre, seinen Tod und seine Auferstehung? Oder werden diese zentralen Fundamente christlichen Glaubens durch den Zeitgeist und das Alltagsgeschehen relativiert oder gar verdrängt?
Die Ratgeberzeitschriften sind ja voll von Anleitungen zur immerwährenden Gesundheit und Fitness, zu innerem Frieden, zum Leben im Einklang mit der Natur zur Pflege des Wohlstandes usw. Einmal kommen diese „Anleitungen“ in einer christlichen Verpackung, ein andermal unter fernöstlichen oder esoterischen Vorzeichen daher.
Wo alles relativiert und dem herrschenden Zeitgeist angepasst wird, hat es der Glaube eines Martin Luthers sehr schwer, sich Gehör zu verschaffen.
Mit einer falsch verstandenen Toleranz wäre bei ihm jeder reformatorischer Gedanke bereits im Ansatz relativiert worden. Das hätte ihm zwar viel Ärger erspart, aber auch der Welt das Kostbarste, das Evangelium vorenthalten.
Sola vide, allein aus Glauben, dass ist das Fundament des Christentums. Jesus selbst hat es in der Auseinandersetzung mit den religiösen Führern seiner Zeit auf den Punkt gebracht: Nicht Äußerlichkeiten, nicht die sichtbare Befolgung strenger Regeln stimmen Gott gnädig, mögen sie noch so edel und hingebungsvoll daher kommen. Das Innerste, das was ein Leben ausmacht entscheidet über die Ewigkeit. Paulus drückt es mit dem aus Joel 3,5 zitierten Satz aus: „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden“. Damit führt er alle Versuche von Selbsterlösung ad absurdum und beschreibt in einem zweiten wesentlichen Gedanken den Entstehungsweg des Glaubens:
Jesus muss bekannt gemacht werden. Was er für uns tat will gehört, will aufgenommen werden. Wenn wir dann zum Abendmahl eingeladen sind heißt es: Kommt, es ist alles bereit. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“.
Ich kann mich noch sehr gut an die biblische Unterweisung zuerst in der Kinderstunde, dann im Kindergottesdienst, der Christenlehre bis hin zum Konfirmandenunterricht erinnern. Trotz oft großer disziplinarischer Schwierigkeiten wich die Katechetin nicht von der Vermittlung biblischer Inhalte ab. Sicher hätte sie es sich leichter machen können, indem sie auf „beliebtere“ Themen eingegangen wäre. Ich bin ihr und meinem Konfirmator für die Beharrlichkeit dankbar, auch wenn ich in der Zeit nach der Konfirmation 1965 bis zu meiner schweren Erkrankung 1979 an Mumps und Meningitis vierzehn Jahre ohne großes Verlangen nach Glauben und Kirche gelebt habe. Im Unterbewusstsein hatte sich vieles abgespeichert. Und als ich dann mehrere Tage im Krankenhaus lag, immer am Rande der Bewusstlosigkeit, da begleiteten mich fortwährend Worte, die wir bei jeder Abendmahlsfeier hören und mit beten: „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht da er verraten ward nahm der das Brot, danke und brachs und gab es seinen Jüngern und sprach:….“
Und plötzlich tauchte die in der Kindheit vermittelte Botschaft des christlichen Glaubens wieder auf und wurde in der Folge ganz persönlich.
Ja, „Der Glaube kommt aus der Predigt…“ Man kann auch besser sagen: Der Glaube kommt aus dem Gehörten, aus dem persönlich Wahrgenommenen, aus dem, wo Gott sich in seiner Barmherzigkeit einem mitteilt. Das muss nicht immer sofort sein, das muss auch nicht die klassische Form der dreigeteilten 20 Minuten Predigt am Sonntagvormittag sein.
Wie gut, dass es in unserer Gemeinde Krabbelgottesdienste, Kinderchor, Kurrende, Christenlehreunterricht und darüber hinaus Religionsunterricht in den Schulen gibt. Dort geschieht eine Hoffnungssaat, die sich jeglicher kaufmännischer Berechnung entzieht. Vielleicht wird der eine oder andere unter uns angesprochen, für den Verkündigungsdienst unserer Gemeindepädagogin, unseres Kantors und unseres Pfarrers zu beten, besonders wenn sie bei Kindern und Jugendlichen sind. Das Kirchennachrichtenblatt kann dazu als „Gebetshilfe“ dienen.
Es gibt noch andere Ebenen der Verkündigung:
Unser Dom als Bauwerk, seine vielen wertvollen Kunstschätze und die wundervollen Orgeln predigen auf ihre Weise. Bei dieser Architektur kann man an das Psalm Wort „Der Herr ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unerforschlich“ Ps. 145,3 denken. Die Erbauer haben der Funktionalität dieses Gebäudes keinen besonderen Wert zugemessen. Die Bestimmung dieses Bauwerkes dient der Vermittlung von Gottes Größe und Unverfügbarkeit.
Ebenso hat die Musik eine Botschaft, nicht nur die gesungenen Choräle. Auch Vor- und Nachspiele, sowie die Liturgie sind Verkündigung. Dazu kommen die Aufführungen großer geistlicher Chor- und Orchesterwerke. Welch ein Reichtum der Botschaft!
Es gibt Gemeinden, in denen wurde die Liturgie weitgehend abgeschafft oder ins rein floskelhafte abgewertet. Bei Vor- und Nachspiel der Orgel schwillt die Lautstärke der über mehrere Bankreihen geführten Gespräche enorm an. Ansonsten läuft dort alles auf der verbalen Ebene.
Nehmen wir diesen Reichtum an Verkündigung hier bei uns noch wirklich wahr? Erkennen wir die Kraft des Evangeliums darin?
Wir sind hier zusammen weil sich Jesus vor 2000 Jahren ans Kreuz schlagen ließ. Seitdem ist jeder Mensch, egal aus welcher Nation oder Kulturkreis er kommt zum Glauben eingeladen. Diese Botschaft will uns ganz ausfüllen. Da sind der Verstand, das Temperament und Gefühl eingeschlossen. Ganz wunderschön kommt dies in dem Lied „Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst“ zum Ausdruck.
Martin Luther konnte dieses Paul Gerhard Lied noch nicht kennen. Sein Leben war dennoch von der Kraft des Evangeliums bestimmt. Damit konnte er dem Zeitgeist widerstehen und mutig seinen Weg gehen. Auf der gleichen Basis können wir als Lutherische Christen unseren Weg gehen bis Jesus einst kommen wird in Herrlichkeit. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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