Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2016, im Dom Freiberg

Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2016, im Dom Freiberg

29.08.2016

zu Römer 8, 14 - 17 gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Schwestern und Brüder!
Haben sie schon einmal den falschen Treibstoff getankt und Diesel statt Benzin für einen Otto-Motor in den Tank gefüllt? Hoffentlich nicht! Obwohl Diesel ebenso wie Benzin ein Kraftstoff ist, lässt er sich nicht für jeden Antrieb einsetzen. Die Arbeitsweise eines Otto Motors ist eben eine ganz andere, als die eines Dieselmotors.
Natürlich hinken Vergleiche. Aber, soll unser Christsein im Alltäglichen erkennbar sein, benötigen wir den richtigen „Treibstoff“. Das Denken in unseren mitteleuropäischen Breitengraden ist sehr von rechtlichen Beziehungen geprägt. Was muss ich leisten und was kann ich als Gegenleistung erwarten.
Vertragsbeziehungen bestimmen bewusst und auch unbewusst unseren Alltag. Historisch gesehen fußt unser Rechtssystem auf dem antiken römischen Recht.
Wir können dafür dankbar sein, das wir es haben, auch wenn in zunehmendem Maße eine Pervertierung zu erkennen ist.
Dieses Rechtsdenken, so unbedingt nötig es im Zusammenleben von Menschen und Völkern ist, kann aber nicht der richtige „Treibstoff“ für die Beziehung zu Gott, unserem Vater und zu Jesus, unserem Erlöser, sein.
Der zentrale Satz in unserem Predigttext lautet: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Die diesjährige Predigtreihe bereitet mir viel Freude. Besonders die Texte aus dem Römerbrief im Vorjahr des 500 jährigen Reformationsjubiläums sind mir lieb. Weisen sie doch ganz besonders eindrücklich auf die Mitte des im Alltag gelebten Glaubens hin. Luther ging es ja genau um diesen Aspekt in seiner Kritik an der römischen Kirche. Nicht ein tadellos geregeltes religiöses Leben in ständiger Furcht vor Strafe, sondern um ein auf dem Fundament der Liebe Gottes in Dankbarkeit gegründetes Sein waren Anliegen der Reformation. Auch wir brauchen wieder diesen starken Ruf zur Mitte, zu Jesus hin.
Unsere Zeit ist gekennzeichnet von einer weit verbreiteten Beliebigkeit. Auf der anderen Seite faszinieren Einseitigkeit und Extreme viele Menschen. Das Vertrauen in theologische Ansätze, Angebote und Arbeitsweisen der Kirchen minimiert sich immer mehr. Interner Streit, Profillosigkeit, fehlende Sinnstiftung, zu sehr an der politischen Korrektheit orientiert, das sind nur einige der Vorwürfe, die der Kirche wohl zum Teil auch gerechtfertigt gemacht werden. Oft fehlt uns allen auch der Mut, sich zu den eigenen Grundlagen des Glaubens zu bekennen und sie in einer unaufdringlichen Weise zu bekennen.
Auf jeden Fall ist die Zahl der Kirchenaustritte in den letzten Jahren doch sehr hoch.
Können neue Angebote, neue Formate, neue Methoden helfen, anderen Menschen den christlichen Glauben nahe zu bringen? Ganz sicher ja, wenn der Inhalt stimmt! Die Verpackung allein hilft dagegen nicht.
1. Der Heilige Geist als „Treibstoff“ zum Leben
Welche Bedeutung hat der Heilige Geist für uns als „Lutheraner“?
Heiliger Geist, ist das nur eine in liturgischer Form erwähnte Formel bei Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung, Abendmahl, Glaubensbekenntnis, Segnung usw.? Oder ist der Heilige Geist der „Treibstoff“ des alltäglichen Lebens?
Als Erstes stellt er die Verbindung nach „oben“ her. In der alttestamentlichen Lesung haben wir vom ahnungslos schlafenden Jakob gehört. Plötzlich sieht er den Himmel offen. Weder seine Erwartungshaltung noch sein Bemühen verschaffen ihm diese Audienz. Allerdings sagt er auch nicht: das ist ja alles Quatsch, dreht sich rum und schläft weiter. Allein die Achtsamkeit auf die leise innere Stimme des Herzens bringt ihn nahe zu Gott.
Hier handelt es sich nicht um eine Methode oder einen philosophischen Ansatz. Es geht um ein Anteilnehmen an der göttlichen Realität. Dem herrschenden Zeitgeist ist so etwas zu absurd. Die Vernunft kann es nicht fassen. Rechtsbeziehungen liegen auch nicht vor. Für viele bleibt es eine „Spinnerei“, eine große Dummheit oder „Opium fürs Volk“, wie es Karl Marx benennt.
Aber der Heilige Geist ist der „Treibstoff“ für die Beziehungen zu Gott und dem Erlöser Jesus Christus.
Bei ihm werden wir nicht in Sympathische oder Unsympathische, Leistungsstarke oder Leistungsschwache, gesellschaftlich Bedeutende oder am Rande stehende eingeteilt. Bei ihm entscheidet auch nicht Herkunft, Rasse, Nationalität oder Vermögen. Von Gott sind wir alle gleich geliebte Kinder. Der Heilige Geist weist immer vom „ich“ weg zu Jesus und Gott, dem Vater. Selbstdarstellungen jeglicher Art sind ihm fremd. Er lädt uns ein zum Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen. Er nimmt uns die Angst, im Leben zu kurz zu kommen und vermittelt damit Annahme, Geborgenheit und eine tiefe Dankbarkeit in allen Dingen. Er lässt uns aufrecht gehen. Wir haben ein zu Hause, so wie Kinder ein zu Hause bei ihren Eltern haben.
Diese Verbindung nach „oben“ lässt uns auch zuversichtlich und hoffnungsvoll auf das Ziel unseres Lebens zugehen. Ohne ein Ziel verliert sich unser Leben im alltäglichen „klein, klein“. Alles wird schwierig und der Halbzeitwert von Entscheidungen verkürzt sich immer schneller. Im gleichen Maße nehmen die Probleme zu. Das ist nicht nur in der großen Politik oder Wirtschaft so, sondern auch im eigenen kleinen Leben. Wir bekennen es ja jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis: …“die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Ja, da wollen wir hin. Und um zu diesem Ziel zu gelangen brauchen wir den richtigen „Treibstoff“.
2. Der Heilige Geist als „Treibstoff“ des Zusammenlebens
Wenn wir an die Form eines Kreuzes denken, so haben wir jetzt die Senkrechte betrachtet. Das Kreuz hat ja auch noch eine Waagerechte. Ich denke dabei an die Auswirkungen der Beziehungen zu Gott auf die Beziehungen von uns Menschen untereinander. Dabei ist der „Treibstoff“ als erstes ein „Charakterbildner“. Wie gehe ich mit meinem Nächsten um, wie bewältige ich Konfliktsituationen, wie gehe ich mit eigener Schuld und eigenem Versagen um? Wie reagiere ich gegenüber anderen, die mich verletzen und an mir schuldig werden? Darf in den vielen alltäglichen Situationen der Heilige Geist „Treibstoff“ sein?
Gottes Wesen ist die bedingungslose Versöhnungsbereitschaft. Seine grundlose Barmherzigkeit schafft ein immer wieder neues „ja“ zum eigenen Leben und zum oft so eigenartigen Mitmenschen. Wenn da etwas „kaputt“ ist dürfen wir voller Vertrauen zum Vater kommen und um eine „Reparatur“ bitten. Er hat die väterliche Verantwortung für uns übernommen.
Nicht der, der alles richtig macht, macht alles richtig! Die Pharisäer in unserer Bibel haben alles richtig gemacht und doch sind sie von Gott verworfen worden!
Am barmherzigen Umgang mit den eigenen Fehlern und Schwächen, dem Versagen und der Schuld zeigt sich, ob der richtige „Treibstoff“ getankt wurde.
Er will, dass wir unsere Unterschiedlichkeit aushalten und aus in Vielfalt Einheit schaffen. Und das trotz aller  Missverständnisse und Enttäuschungen.
Christen sind zu einer unerschütterlichen Zuversicht und Vertrauen zu den Wegen Gottes im Leben eingeladen. Wie anders könnten die Schwestern und Brüder in der Verfolgung ihrem Glauben treu bleiben! Auf welcher Grundlage schließen sich andere einem Orden oder Kommunität mit Verzicht auf Eigentum an! Was bewegt wieder andere, wenn sie auf berufliche Karriere verzichten und als Entwicklungshelfer, Arzt, Krankenschwester oder Pfarrer in Länder mit einem miserablen Lebensstandard gehen! Dabei soll man auch an all jene mit denken, die für ihr Vermögen nicht unbedingt die renditestärkste Anlage suchen, sondern durch Gebet und finanzielles Opfer die unterstützen, von denen ich eben gesprochen habe. Zu dieser Freiheit sind wir alle, jeder an seinem Platz, jeder mit seiner Biographie, jeder mit seinen Möglichkeiten, berufen. Wer nicht aus Angst vor dem „danach“ von allen irdischen Dingen in knechtischer Abhängigkeit lebt, kann die Verse unseres heutigen Predigttextes froh und dankbar annehmen. Er weiß, dass es nicht das Ergebnis seiner Anstrengungen und guten Taten ist, sondern von Gott inspirierte Gnade. Das gibt Gelassenheit und macht zufrieden.
3. Der Heilige Geist als „Treibstoff“ persönlicher Lebensführung
Der größte und wichtigste „Tank“ des Christen ist die Bibel. In ihr steht alles, was zum Leben und Sterben wichtig ist. Martin Luther hat ja mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche erst die Voraussetzung geschaffen, dass jeder diesen „Tank“ anzapfen kann. Sehr nutzbringend ist es auch, Lebenszeugnisse von Menschen zu betrachten, die ganz offensichtlich durch ihren Glauben nachhaltige Zeichen gesetzt haben (nicht nur Luther, Bonhoeffer, Mutter Theresa u. v. a.). Und ganz zentral gehört die persönliche Kommunikation, das Gebet mit dem himmlischen Vater dazu. Wo Kommunikation fehlt, geschehen Entfremdung und Missverständnisse.
Die „Kraftstoffleitung“ kann auch verstopft sein. Das ist besonders dann der Fall, wenn Unversöhnlichkeit,  Hochmut und Egoismus im Spiel sind.
Verunreinigter oder gar wie eingangs erwähnt, falscher „Treibstoff“ können die Freude und Zuversicht des Glaubens mindern oder gar ganz wegnehmen. Ich denke da an alle Spielchen, die aus der esoterischen Ecke kommen genauso wie alle Ideologien. Sie ziehen Gott aus der Mitte des Lebens weg. Von Menschen erdachte Heilswege haben außer Leid noch nie etwas gebracht.
Lassen wir uns nicht von den Fragen leiten: Macht es mir Spaß, scheint es mir zu helfen oder „das machen ja die anderen auch so“.
Die entscheidende Frage für den Christen lautet: Wird Gott geehrt. Lässt es sich mit der Bitte im „Vater unser“: „dein Reich komme“ und mit dem Glaubensbekenntnis vereinbaren. Wenn nicht, dann Hände weg für den, der als Kind Gottes ein zielgerichtetes Leben führen will.
Bitten wir ernsthaft immer wieder um diesen Geist. Er möge in unserem persönlichen Leben, in der Gemeinde und in unserer Kirche wirken. Alle oft so schwer zu ertragenden Unvollkommenheiten sind kein Problem für ihn. Nicht unsere Anstrengungen, ganz gleich auf welchem Gebiet, bringen uns voran. Auf den passenden Treibstoff kommt es an. Und den gibt es zum Glück umsonst. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

alle Predigten


Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

Felder mit Stern (*) müssen ausgefüllt werden.

nach oben