Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2017

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2017

12.09.2017

zu Markus 3, 31 - 35; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,

wenn ein Mensch in eine Sekte hineingerät, bedeutet das in der Regel den Bruch mit der Familie. Eine Sekte versucht, ihre Anhänger aus deren Familien herauszulösen, um sie deren Einfluss zu entziehen. Die Familien sind eine wichtige Brücke zur Welt. Da Sekten ihre Mitglieder meistens in eine eigene Realität hineinführen wollen, muss diese Brücke abgebrochen werden. Für die betroffenen Familien bedeutet dass oft, das Jugendliche einfach verschwinden und die Eltern nie wieder etwas von ihnen hören. Junge Erwachsene brechen einfach den Kontakt ab.
Die Worte Jesu über seine eigene Familie mögen einen an solche Vorgänge erinnern. Man kann in diesem Zusammenhang auch an die Jüngerberufungen denken. Diese Männer, die Jesus am Ufer des Sees Genezareth in seinen Jüngerkreis berief, waren ja in der Regel Mitglieder einer Familie. Sie ließen ihre Frauen und Kinder, oft auch ihre Eltern zurück. Sicherlich mögen die noch von der Großfamilie aufgefangen worden sein, aber dennoch war es ein Bruch mit allen Regeln, wie man sich seiner Familie gegenüber verhielt. Diese Regeln hatten damals einen hohen Stellenwert. Mit ihnen zu brechen, das bedeutete etwas.
Dennoch war die Jesusbewegung keine Sekte und Jesus kein Sektenführer. Jesus hat ja seine Jünger nicht zu einem Bruch mit ihren Familien bewegt. Im Gegenteil, die Ehe hat er als von Gott gestiftet und unauflöslich angesehen. Sich von seiner Frau zu trennen, das widersprach in seinen Augen dem guten Willen Gottes für unser Leben. Was aber Jesus gemacht hat: Er hat die Prioritäten in deutlicher Weise für sich und seine Anhänger verschoben.
Seine Mission war es, die anbrechende Herrschaft der Liebe Gottes zu predigen. Seine Mission war es, die Menschen zur Umkehr zu bewegen – weg von allem, was von Gott trennt; hin zu Gott und seinem Willen für unser Leben. Was ihn an dieser Mission Gottes hinderte, das sollte zurückstehen. Der Familienverband wurde damals geradezu als heilig angesehen. Das Wort des Familienoberhaupts galt auch für erwachsene Kinder. Niemals hätten die Familien es zugelassen, dass ihre jungen Männer durch das Land zogen und anfingen zu predigen. Das galt auch für die Familie Jesu, die offenbar wenig Verständnis für seine Mission hatte. Offenbar ohne ihr Einverständnis verließ er Nazareth und begann, von Gottes Reich zu predigen. Jesus musste die Verpflichtungen gegenüber der Familie zurückstellen, um den Auftrag Gottes zu erfüllen. Er musste dem himmlischen Vater mehr gehorchen als seiner Familie. Das galt in ähnlicher Weise auch für seine Jünger.
Es ging Jesus also nicht darum, den Stellenwert der Familie zu schmälern. Das würde auch nicht zu der dem Leben dienenden Verkündigung Jesu passen. Denn wir alle wissen, wie wichtig es ist, eine Familie zu haben. Unsere innere Geborgenheit finden wir am ehesten in der Familie. Um Hilfe und Unterstützung kann man am ehesten Verwandte bitten. Wenn es darauf ankommt, dann ist es die Familie, auf die man sich verlassen kann.
Aber die Familie kann einen auch einengen und von Gott abbringen. In einem solchen Fall darf die Familie für einen Christen nicht die oberste Priorität haben. Das können wir aus den Worten Jesu lernen. Die oberste Priorität muss letztlich immer Gott haben. Nun gibt es ja nicht viele Dinge, wo sich das ausschließt. Luther hat die Familie als eine Hausgemeinde angesehen; sozusagen als kleinste Einheit der Kirche. Wenn es so ist, gibt es keine Konflikte. Aber manchmal ist es dann eben doch so, dass die Familie wichtiger wird als die Nachfolge Jesu. Wenn beispielsweise Familien nie in den Gottesdienst kommen. Wenn das Frühstück der Familie am Sonntagmorgen immer heiliger ist als Gott, haben sich die Prioritäten in unguter Weise verschoben. In diesem Gottesdienst haben wir eben erlebt, wie ein Kind durch die Taufe als Kind Gottes angenommen und in die Gemeinde Jesu Christi aufgenommen wurde. Hier in dieser Kirche/in unserem Dom in Anwesenheit der Gemeinde hat die Taufe ihren guten Ort. Ein Verein wie die Bergparade nimmt neue Mitglieder bei der Mitgliederversammlung auf. Sollte es bei uns anders sein? Aber in vielen Fällen wollen Familien lieber unter sich bleiben. Da wird plötzlich aus der Eingliederung in den Leib Christi eine Familienfeier mit kirchlicher Zeremonie. Da wird die Familie wichtiger als der Glaube.
Einer solchen Prioritätenverschiebung hat Jesus wehren wollen. Auch für seine eigene Person.
„Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Mit diesen Worten grenzt sich Jesus aber nicht nur von seiner Familie ab. Er öffnet zugleich den Kreis derer, die seine Familie sind, in einer völlig neuen Weise. Die Familie Jesu sind nach seinen Worten die, die Gottes Willen tun. Die, die ihm nachfolgen und das Wort Gottes verkünden, sind seine Familie. Die, die auf Gottes Vergebung vertrauen und ihren Nächsten lieben, sind seine Familie. Vielleicht haben die einen oder anderen noch das Lied unserer afrikanischen Freunde im Ohr, in dem es hieß: We are one familiy – Wir sind eine Familie. Das gilt über alle Grenzen von Sprache, Kultur oder Hautfarbe hinweg. Wir alle, die wir durch unsere Taufe und unsere Glauben verbunden sind mit Christus und durch ihn untereinander, wir sind eine Familie. In diese Familie ist unser Täufling eben hineingetauft worden. Er hat also zwei Familien: eine leibliche und zudem noch eine viel größere geistliche. Ich las mal eine T-Shirt-Aufschrift: „Ich habe mehr Geschwister als du Freunde bei Facebook.“ Wer an Jesus Christus glaubt, gehört zur Familie Jesu. Alle Glieder der Gemeinde sind seine oder ihre Geschwister. Eigentlich alle Christen auf der Welt.
Das ist etwas, liebe Gemeinde, was wir uns vermutlich zu wenig bewusst machen. Haben Sie, als Sie sich in die Kirchenbank setzten, beispielsweise ihren Banknachbarn wie einen Bruder oder eine Schwester begrüßt? Sie müssen es ja nicht mit einer Umarmung getan haben, aber gab es einen Händedruck? Auch wenn der Nachbar oder die Nachbarin am anderen Ende der Bank sitzen? Sicherlich haben Sie das getan; zur Not holen sie es noch nach.
Wir sind eine Familie. Wir sind Brüder und Schwestern Jesu und damit auch untereinander. Um das Bewusstsein dafür wachsen zu lassen, laden wir regelmäßig zum Kirchenkaffee ein. Er ist ein guter Ort, zueinander zu kommen; miteinander ins Gespräch zu kommen. Darum möchte ich noch einmal Werbung machen für den Kirchenkaffee. Noch eine viertel oder halbe Stunde nach dem Gottesdienst sollte sich mit dem Mittagessen vereinbaren lassen. Die Familie Christi ist es wert. – Ich möchte auch noch mal Werbung für das Kirchenkaffeeteam machen. Werden Sie Ihren Brüder und Schwestern in Christus ein guter Gastgeber. So wie Sie es für Ihre leiblichen Geschwister auch machen würden.
„Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“
Amen.

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