Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 19. August 2018

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis, 19. August 2018

19.08.2018

zu Apostelgeschichte 3, 1 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
unaufhörlich prasselt der Regen auf die notdürftig aufgespannte Zeltplane. An viel zu vielen Stellen regnet es auf die paar Habseligkeiten, die die Familie noch hat. Der Boden im Zelt ist aufgeweicht und an den Stellen schlammig, wo es hineinregnet. Die kleinen Kinder klammern sich an die Mutter. Sie haben Hunger. Hilflos schaut der Vater sich die Szene an. Wenn er nur etwas tun könnte! Ist das noch ein Leben? – Der Vater sitzt missmutig am Frühstückstisch. Das frische Brötchen am Sonntagmorgen will ihm nicht so recht schmecken. Am Freitag gab es Kritik von seinem Vorgesetzten. Außerdem kam gestern Post: Wieder muss er mehr bezahlen als bisher. Die Kinder streiten sich um das Nutellaglas. Die Mutter sieht in ihr Smartphone. Keine Antwort von der besten Freundin auf ihre Anfrage. Als sie das Handy genervt wieder aus der Hand legt, stößt sie versehentlich die Kaffeetasse um. Der Inhalt fließt über den ganzen Tisch. „So eine Schweinerei“, schimpft ihr Mann. „Ich habe es manchmal so satt! Das ist doch kein Leben, was wir hier führen!“
Liebe Gemeinde, die erste Szene mag sich gerade jetzt irgendwo in der Welt in einem Flüchtlingslager abspielen. Die zweite vielleicht irgendwo in Deutschland so ähnlich – gerade jetzt, wo wir hier Gottesdienst feiern. Welche Familie hat mehr Anlass, ihr Leben in Frage zu stellen?
Anlass, sein Leben nicht mehr lebenswert zu finden, hat jedenfalls der Gelähmte von dem Tor des Tempels ausreichend gehabt. Da es kein soziales Sicherungssystem gab, wie wir es kennen, war ein arbeitsunfähiger Mann darauf angewiesen zu betteln. Heute stehen ja auch immer mal Bettler vor der Domtür und hoffen auf die Mildtätigkeit der Gottesdienstbesucher. Die sind allerdings vermutlich eher gewerbsmäßig unterwegs. Damals war das Betteln eine der wenigen Möglichkeiten, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten und seiner Familie nicht mehr als nötig auf der Tasche zu liegen.
Der Kranke vor der Tempeltreppe hat bei seinem Betteln schon eine gewisse Routine entwickelt. Wenn Menschen an ihm vorbeikommen, hebt er seine Hände und bittet um ein Almosen. Er sieht sie dabei nicht an. Das würden die als ungehörig empfinden. Ein Bettler hat verschämt die Augen auf den Boden zu richten. Umgekehrt sehen auch die Tempelbesucher nicht richtig hin. Man muss einen Bettler nicht mehr beachten als notwendig.
Dann kommen Petrus und Johannes vorbei. Eigentlich wie an jedem Tag. Eigentlich hat der Gelähmte auch schon vorher dort gesessen. Manchmal geht man an jemanden vorbei, ohne ihn zu sehen. Mir geht das leider auch manchmal so. Aber dieses Mal sehen sie ihn. Sie könnten ihm eine kleine Münze in die Hand legen und dann weitergehen. Aber da machen sie nicht. Sie bleiben stehen und sehen ihn an. Es ist ein Mensch mit der von Gott gegebenen Würde eines Menschen. Er verdient es, dass man ihn ansieht. Aber er kann das natürlich nicht sehen, hat er doch wie gewohnt die Augen auf den Boden gerichtet. Da fordert ihn Petrus auf, sie anzusehen. Warum schenken diese beiden Männer ihm, dem Bettler ihre Aufmerksamkeit? Dann spricht Petrus ihn sogar noch an. „Ich kann Dir kein Geld geben, das Dir wirklich helfen würde. Mit einem Almosen will ich Dich nicht abspeisen. Aber ich kann in der Kraft Jesu, in seinem Namen, dein Leben verändern.“ Petrus reicht dem Gelähmten die Hand. Was für eine Geste allein schon das! Man gibt sich mit einem Bettler nicht ab. Schon gar nicht fasst man ihn an. Da macht man sich ja schmutzig – und das vor dem Tempelbesuch! Petrus zieht ihn hoch, er lässt ihn aufstehen – man könnte übrigens auch übersetzen: er lässt ihn auferstehen. Denn er schenkt ihm in Jesu Namen und in seiner Kraft wirklich ein neues Leben: Der Gelähmte kann wieder gehen. Er wird wieder einer Arbeit nachgehen können. Er wird wieder in die soziale Gemeinschaft aufgenommen. Er braucht sich nicht an jedem Tag unzählige Male demütigen zu lassen, nur um ein paar kleine Münzen zu bekommen.
Der Bettler ist außer sich vor Freude. Erstmals überhaupt in seinem Leben ist es ihm erlaubt, den Tempel zu betreten und hat er physisch überhaupt die Möglichkeit dazu. Erstmals in seinem Leben sind die Stufen zum Tempel kein unüberwindbares Hindernis. So preist und lobt er Gott dort über alle Maßen und so unaufhörlich, dass alle anderen Tempelbesucher es mitbekommen und sehr über dieses Wunder staunen.
Liebe Gemeinde, was könnte das Leben der beiden Familien, die ich Ihnen eingangs in einer kleinen Szene vorgestellt habe, in einer ähnlichen Weise verändern? Die erste Familie brauchte Menschen, die so wie Petrus und Johannes hinsehen. Die sehen, dass es überall auf der Welt Menschen gibt, die unter für uns unvorstellbaren Umständen leben müssen; für die es auch keine Fluchtmöglichkeit gibt. Denn oft genug sind sie bereits geflüchtet – vor Krieg, Terror oder anderen Formen der Gewalt. Es brauchte Menschen, die versuchen, ihnen ihre Menschenwürde zurückzugeben. So wie Petrus und Johannes es mit dem Gelähmten getan haben. Nun können wir nicht die ganze Welt retten. Auch Petrus und Johannes haben sicherlich nicht alle Bettler geheilt und jedenfalls nicht alle Kranken, die es damals in Israel gab. Aber diesem einen haben sie sich zugewendet und ihm im Namen Jesu geholfen. Nun haben wir in der Regel nicht die Möglichkeit, in eines der Flüchtlingslager in der Welt zu fahren und dort den Menschen zu helfen. Aber wir können diejenigen unterstützen, die es tun. Jede und jeder von uns mit dem ihr oder ihm eigenen Möglichkeiten. – Wir können uns aber auch unmittelbar so wie Petrus und Johannes den Menschen hier gegenüber verhalten. Wie viele Menschen unter uns hungern danach, dass jemand sich ihnen zuwendet, sie als Mensch betrachtet, ihnen ihre Würde schenkt durch einen kleinen Augenblick der Aufmerksamkeit und Zuwendung. Ich habe beispielsweise manchmal bei meinen Altenheimgottesdiensten den Eindruck, dass das ein ganz wichtiger Aspekt dieses Dienstes ist: dass sich ein Pfarrer Zeit nimmt, mit den alten Menschen Gottesdienst zu feiern; dass sie sehen, sie sind wichtig und nicht vergessen. Wir können uns anderen Menschen freundlich, vielleicht liebevoll zuwenden, gerade auch denen, die sonst vielleicht niemanden haben, der es tut. Das ist sehr, sehr viel wert! Und was wir auch nicht unterschätzen sollten: Wir können auch für die Menschen in Not bei uns und in der Welt beten. In Jesu Namen ereignen sich oft genug Wunder mitten unter uns. Wir beachten sie nur zu wenig.
Wie aber könnte der zweiten Familie ein Neuanfang geschenkt werden? Ihre Alltagsprobleme sind ja vergleichsweise klein. Im Grunde geht es ihnen doch gut. Was dieser zweiten Familie fehlt, ist die Dankbarkeit. Wenn die erste Familie an diesem sonntäglichen Frühstückstisch sitzen dürfte, sie könnten vermutlich auch nicht aufhören Gott zu loben. Dankbarkeit ist das Geheimnis eines erfüllten Lebens, eines Leben in Frieden. Es gibt so viele Dinge, die Gott uns schenkt. Menschen, die für uns da sind und denen wir wichtig sind. Kinder, deren Weg wir begleiten dürfen. Partner, die ihr Leben mit uns teilen. Freunde und Nachbarn, denen wir nicht egal sind und die uns nicht egal sind. Heilung nach langer Krankheit. Ein Sonnenuntergang an einem langen Sommerabend. Den anerkennenden Blick des Kollegen nach Abschluss einer guten Arbeit. Den Duft des Brotes, der das ganze Auto erfüllt, wenn wir vom Supermarkt nach Hause fahren. Ein Dach über dem Kopf. Die Krankenversicherungskarte in der Brieftasche. Ein Lächeln beim Gruß am Morgen. Für jeden sieht diese Liste anders aus, aber jede von uns hat Grund zur Dankbarkeit. Eines will ich noch anfügen, weil es nicht fehlen darf: Wir haben das Vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint, egal, was mit unserem Leben passiert. Und wir haben die Gemeinde Jesu, wo wir uns versammeln, sein Wort hören und dankbar in das Gotteslob einstimmen.
Petrus und Johannes haben sich in Jesu Namen einem anderen Menschen zugewandt und ihm so seine Würde zurückgegeben. Er wiederum war Gott so über alle Maßen dankbar, dass er nicht aufhören konnte ihn zu loben. Beides zusammen – Dankbarkeit und Gotteslob einerseits und die Zuwendung zu unseren Mitmenschen andererseits – sind der Schlüssel für ein Leben in Fülle, wie Gott es uns zeichenhaft schon in dieser Welt verheißen hat und wie wir es zeichenhaft schon in dieser Welt erleben. Gott sei Lob und Dank.
Amen.

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