Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 12. August 2018

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 12. August 2018

13.08.2018

zu Galater 2, 16 - 21; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
vor einiger Zeit sagte der Vorsitzende einer für Deutschland alternativen Partei, dass niemand den Fußballspieler Jerome Boateng zum Nachbarn haben wollte. Die Frage für mich war damals: Warum eigentlich? Der Mann hat eine deutsche Mutter, man hört an seiner Sprache deutlich, dass er in Berlin aufgewachsen ist. Lediglich seine Hautfarbe, die er von seinem ghanaischen Vater ererbt hat, unterscheidet ihn von den meisten Deutschen. Ist das ein Hindernis, ihn zum Nachbarn zu haben?
Aber nicht nur dieser Politiker unterscheidet gern zwischen denen, die dazugehören, und denen, die es nicht tun. Je unsicherer wir uns fühlen, desto größer ist die Versuchung, uns abzugrenzen; zu definieren, wer dabei sein darf und wer nicht. Wenn das Kriterium allerdings etwas ist, woran man nichts ändern kann wie die Hautfarbe, dann wird es besonders problematisch.
Wer denn dazu gehört und wer nicht, war auch in den Anfängen der Kirche eine wichtige Frage. Jesus hatte sich anfangs allein zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt gesehen. Erst die Begegnung mit der kanaanäischen Frau öffnete ihm die Augen, dass seine Mission die Grenzen Israels überschritt. Der Apostel Paulus wandte sich in den Orten außerhalb des Heiligen Landes, in die er auf seiner Missionsreise kam, zwar immer als Erstes an die Mitglieder der jüdischen Synagoge. Aber fast nur unter den heidnischen Sympathisanten des Judentums fanden sich solche, die sich zu Christus bekehrten und von Paulus taufen ließen. So gab es erstmals Christen aus dem jüdischen Volk und solche aus den Heidenvölkern.
Die Frage war dann: Wie gehen Juden- und Heidenchristen miteinander um? Welche Rolle soll vor allem für die Heiden das jüdische Gesetz spielen? Sollen sich auch die Heiden, sofern männlich, beschneiden lassen? Sollen auch die Heiden den Sabbat halten? Sollen auch sie die Speisegebote des Alten Testaments befolgen?
Für die Judenchristen um die Apostel Jakobus und Petrus war es klar: Wenn die Heiden dazu gehören wollen, dann müssen sie nicht nur an Christus glauben und sich taufen lassen. Sie müssen dann auch das jüdische Gesetz, die Thora, zumindest in einem Grundbestand einhalten – wie es sich für fromme Menschen aus ihrer Tradition gehörte. „Wenn ihr Gottes Kinder sein wollt, dann müsst ihr so werden wie wir und das Gesetz beachten“, war die Maxime. Leute solchen Schlages waren auch nach Galatien gekommen und hatten die Galater davon überzeugt, dass ihnen noch etwas fehlte. Ohne das Befolgen der Thora würden sie von Gott nicht akzeptiert werden. Sie forderten daher die Männer aus der Gemeinde in Galatien auf, sich beschneiden zu lassen.
Paulus lief dagegen Sturm. Er wandte sich vehement dagegen, die Beachtung der Gebote den Heiden aufzuerlegen. Ihm ging es nicht allein darum, dass die Heiden so bleiben können sollten, wie sie waren. Ihm ging es nicht allein darum, dass die Heiden sich in ihrer Umgebung vollkommen isoliert hätten, wenn sie die jüdischen Traditionen hätten übernehmen sollen. Er sprach der Thora vor allem jegliche Heilsfunktion ab. Er selbst hatte sie ja befolgt und war gerade dadurch völlig in die Irre gegangen: Er hatte die christliche Gemeinde verfolgt; er hatte den Gekreuzigten für einen Gotteslästerer und für einen Verfluchten gehalten. „Verflucht ist, wer am Holze hängt“, sagt die Thora. Erst Christus hatte Paulus davon abgebracht, als er ihm auf dem Weg nach Damaskus erschien. Darum kann der Apostel schreiben: „Ich bin dem Gesetz gestorben“. Es hat keine Bedeutung mehr für mich. Christus hat mir gezeigt: Das Gesetz ist kein Weg zu Gott. An Gott zu glauben, das allein ist der Weg zum Heil.
Insofern lehnte der Apostel es grundsätzlich ab, dass eine Grenze gezogen werden sollte zwischen denen, die das Gesetz lebten, und denen, die es nicht taten, oder dass die ausgegrenzt werden sollten, die sich beispielsweise nicht beschneiden lassen wollten.
Haben die Gebote denn überhaupt keine Bedeutung mehr? wurde Paulus gefragt. Seine Antwort war: Wer an Christus glaubt und mit ihm durch die Taufe verbunden ist, dessen Leben steht unter dem Vorzeichen der Liebe und Hingabe Christi. Das Leben eines Christen wird geprägt und geradezu überformt durch Christus. Der Wille Christi und der Wille eines Christen werden eins. Darum wird ein Christ anderen Menschen immer in Liebe begegnen und sich der Liebe Christi entsprechend verhalten. In gleicher Weise hatte schon Jesus gesagt, dass die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die entscheidenden Gebote sind. Aber ihre Beachtung ist kein Weg zu Gott. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer Gottes Liebe erfahren hat, wird ihm vertrauen und die Liebe zum Mitmenschen leben.
Ein alter Streit, liebe Gemeinde! Hat er noch etwas mit uns zu tun?
Ich denke schon. Nicht nur Alternative für Deutschland ziehen Grenzen. Mir hat sich die Frage aufgedrängt, ob nicht auch wir das tun – innerhalb und außerhalb der Kirche. Ich musste in diesem Zusammenhang an Diskussionen denken, die wir in den letzten Jahren in unserer Landeskirche hatten und die auch in den Gemeinden immer wieder aufbrechen. Eine von denen war die um das Abendmahl mit Kindern. Vor einigen Wochen wurde das auch bei uns wieder eine aktuelle Frage. Schulpfarrer Uhlig wurde verabschiedet und spendete das Abendmahl mit aus. Dann standen in der Runde Eltern mit ihren Kindern und erwarteten, dass er den Kindern auch das Abendmahl ausspendete. Offenbar stammten sie aus einer Gemeinde, in der das so üblich ist. In unserer Landeskirche sind ja alle Gemeinden aufgefordert, zu überprüfen, ob sie nicht das Abendmahl mit Kindern ab dem Schulalter einführen wollen. Pfarrer Uhlig ließ diese Kinder am Abendmahl teilnehmen. Ich habe ihn im Anschluss dafür kritisiert, weil die Beschlusslage des Kirchenvorstands der Domgemeinde eine andere ist und er das einfach ignoriert hat. Dabei hatte ich vor dem Abendmahl extra auf den Umgang mit Kindern hingewiesen. Aber mir stellt sich von den Worten des Apostels her schon noch einmal die Frage: Ist nicht ein getauftes Kind, das auf Christus vertraut, ein Kind Gottes? Kann es dann von der Tischgemeinschaft mit Christus wirklich ausgeschlossen werden? Steht unsere Tradition hier vielleicht auch dem Evangelium im Wege wie die Forderung nach einer Beschneidung von Heidenchristen damals? Viele Eltern beantworten diese Frage für sich übrigens ganz deutlich, indem sie ihren Kindern einfach etwas von der Hostie abgeben, was allerdings nicht unproblematisch ist, wenn man das so individuell für sich entscheidet.
Eine Diskussion, die unsere Landeskirche fast zerrissen hat, war die um die Homosexualität. Die Gebote im Alten Testament verbieten es, eine Beziehung zu einem Menschen des eigenen Geschlechts zu haben. Bei etlichen Christen wird dieses Gebot der Thora zur Bekenntnisfrage. Aus diesem Grund hat der – bis zu seinem „Outing“ nach langem inneren Ringen mit sich selbst – sehr anerkannte Auer Jugendwart unsere Landeskirche verlassen, wie vor ihm so manch anderer Mitarbeiter im Verkündigungsdienst. Im Sonntag hat das ja unlängst Schlagzeilen gemacht. Aber wenn man den Apostel Paulus mit seiner Verkündigung ernst nimmt, dass das alttestamentliche Gesetz für einen Christen keine Bedeutung hat und dass allein ein Leben aus der Liebe Christi heraus zählt, ein Leben in der Liebe zum Mitmenschen, darf man dann solche Christen ausgrenzen?
Es ist schwer, solche Grenzen nicht zu ziehen. Es ist sogar sehr schwer, das Gewohnte in Frage zu stellen, die eigene Kultur, die eigenen Gewohnheiten nicht mit dem Heilsnotwendigen zu verwechseln. Manchmal muss man auch Grenzen ziehen, denn „wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein“. Aber wenn man den Apostel ernst nimmt, ernster als er sich an manchen Punkten selbst genommen hat, dann ist nur eines heilsnotwendig: der Glaube an die Vergebung und an die Liebe Jesu Christi zu uns verlorenen Menschen. Wer glaubt, ist ein Kind Gottes – ohne Ansehen der Person.
Durchdrungen von der Liebe Christi werden wir also sehr vorsichtig sein mit Grenzziehungen – in und dann auch außerhalb der Kirche. Natürlich hat alles seine Grenzen – auch im Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Aber als Christen werden wir all den Menschen bei uns mit Respekt begegnen, die sich an unsere Gesetze halten und ihren Beitrag zu einem guten Zusammenleben leisten – auch wenn sie eine andere kulturelle Prägung haben. Ihre Hautfarbe darf dabei wirklich keine Rolle spielen.
Meinen früheren Hauskreis, den ich in Dresden gegründet hatte, besuchte ein wirklich schillernder Vogel: ein alleinstehender Mann mittleren Alters, mit manchmal durchaus wirren Ansichten, Verhaltensformen und Äußerungen. Manchmal war es etwas mühsam mit ihm. Einzelne hätten es gern gesehen, wenn er fortgeblieben wäre. Aber letztlich haben wir ihn akzeptiert. Wir haben nicht erwartet, dass er so wird wie wir, damit er einer von uns sein kann. So wie Paulus nicht forderte, dass aus Heiden erst Juden werden, um Christen sein zu können.
Amen.

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