Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 5. August 2018

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 5. August 2018

05.08.2018

zu Jesaja 62, 6 - 12; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
was soll aus dieser Welt nur werden? Fragen Sie sich das auch manchmal?
Da stürzt ein US-amerikanischer Präsident mit seinen wirren Ansichten die Welt ins Chaos, verkündet seine Botschaften über Twitter und ändert seine Meinungen stündlich. In Europa findet er in allen Ländern Menschen, die seine Ansichten in einem Besorgnis erregenden Ausmaß teilen. Das Klima ändert sich in erschreckendem Maße schon jetzt, dabei stehen wir noch am Anfang der Veränderungen. Wie werden die Sommer sein, die meine Enkelkinder erleben werden? frage ich mich. Die Technik verändert die Welt, uns Menschen, unser Leben in einem Tempo, dass man kaum mithalten kann. Mit solchen Begleiterscheinungen, dass man Mütter beobachten kann, die ihre Kinderwagen schieben und gleichzeitig in ihr Smartphone sehen, anstatt mit ihrem Kind Blickkontakt zu halten. Wohin geht die Reise mit unserer Welt, unserem Land, unserem Leben?
Diese Frage haben sich Menschen zu allen Zeiten gestellt. Als in Europa die Pest herrschte, gab es ähnliche Ängste vor einem unheilvollen Ende. Auch zurzeit des Propheten vor rund zweieinhalbtausend Jahren blickten Menschen sorgenvoll in die Zukunft. Die Judäer waren aus dem Exil in Babylonien heimgekehrt. Ein Schüler des Propheten Jesaja hatte eine triumphale Rückkehr angekündigt. Ganz so, wie er es angekündigt hatte, war es nicht gekommen. Aber sie hatten zurückkehren dürfen in das Land der Väter; in das Land, in dem in Jerusalem der Tempel Gottes gestanden hatte. Aber der Neuanfang war schwer – wie aller Neuanfang. Staatliche Strukturen mussten erst wieder entstehen. Die Bauern waren schutzlos feindlichen Überfällen ausgesetzt. Immer kamen Banden nach der Ernte und plünderten die mühsam erarbeiteten Vorräte an Wein und Korn. Hunger und Not waren daher ständige Begleiter. Aber auch der Wiederaufbau des Tempels schleppte sich dahin.
In diese Situation hinein spricht der Prophet. Als Erstes setzt er Wächter ein. Das sind vermutlich fromme Männer, die Gott an seine Verheißungen erinnern sollen. Wir haben, so sieht es der Prophet, keinen unnahbaren Gott. Im Gegenteil: Gott hört unsere Gebete. Er erhört sie auch. Nicht immer so, wie wir es uns vorstellen. Die Rückkehr aus dem Exil war weniger spektakulär als erhofft. Aber Gott hatte das Flehen seines Volks erhört. So soll es auch dieses Mal sein, verkündigt der Prophet. Es wird die Zeit kommen, in der Israel sicher wohnen soll. Die Feinde werden die Vorräte nicht mehr plündern; es wird möglich sein, davon zu leben. Mehr aber noch wird Gott seinem Volk spürbar nahe sein. Er wird sie wie ein guter Hirte führen und leiten. Gott wird Israel behandeln wie ein Viehzüchter die Herde, die er aufgezogen hat. Die Nähe Gottes wird so deutlich zu erfahren sein, dass nicht nur Israel es spüren wird. Die Völker der Welt werden den Segen erblicken, der über dem Volk Gottes liegt. Sie werden es darum das „Heilige Volk“ nennen. Jerusalem wird keine gottverlassene Stadt mehr sein, sondern die gottbegnadete Stadt.
Für unterschiedliche Interpretationen offen ist in diesem Text die Passage, in der die Judäer aufgefordert werden, dem Herrn den Weg zu bereiten. Ich verstehe das so, dass der Prophet aus der Schule des Jesaja auf die Verkündigung seines Vorgängers zurückgreift. Er hatte im Exil die Rückkehr in Gottes Namen verheißen. So war es gekommen. „So, wie sich die Verheißung des zweiten Jesaja erfüllt hat“, spricht nun dessen Schüler, „so wird sich auch die Verheißung erfüllen, die Gott heute durch mich ausrichten lässt. Der Friede Gottes wird unmittelbar mit seinem Volk Israel sein.“
Liebe Gemeinde, was für ein Text im Angesicht von düsteren Zukunftsperspektiven auch in unserer heutigen Zeit. Ich will einige Aspekte herausgreifen, die für uns in besonderer Weise von Bedeutung sind.
Da sind einmal diese Wächter, die Gott an seine Verheißungen erinnern. Im Frühjahr des vergangenen Jahres hörten wir im Rahmen der Fastenzeitreihe einen Theologieprofessor, der das Leid in der Welt zu deuten versuchte. Seiner Auffassung nach hat Gott die Welt und ihre Gesetzlichkeiten erschaffen und lässt sie nun laufen, wie sie ist. Er will und er kann in den Lauf der Geschichte nicht eingreifen. Das würde manches Leid auf der Welt erklären. Aber so einfach ist es mit Gott nicht. Der Prophet jedenfalls sagt – ähnlich wie ein halbes Jahrhundert später Jesus –, dass wir Gott in den Ohren liegen sollen. Gott will, dass wir zu ihm kommen, mit dem, was uns bewegt. Ihm ist es nicht egal, was wir beten und ob wir überhaupt beten. Gott ist nicht taub und gefühllos. Er ist ein lebendiger Adressat unserer Gebete. Es ist also wichtig, alles, was uns bewegt, ihm anzuvertrauen. In seinen Händen ist es gut aufgehoben. Auch wenn sein Weg mit uns manchmal anders verläuft, als wir es gut fänden.
Dann ist das die Ankündigung eines Friedens schon auf Erden, ähnlich wie die Engel ihn bei der Geburt Jesu angekündigt haben. Der Prophet verspricht, dass die Menschen in Frieden, in Würde und ohne Not leben sollen. Für Israel hat sich das bewahrheitet. Die Lage stabilisierte sich im Land. Die Bauern konnten tatsächlich ohne Angst vor Überfällen ihre Ernten einbringen. In den Jahrhunderten danach ist Gott seinem erwählten Volk nicht von der Seite gewichen, hat es durch die Katastrophe der Nazizeit hindurchgeführt und es in der Heimat der Vorfahren eine neue Heimat finden lassen. Auch wenn der Friede dort brüchig ist – woran auch der Staat Israel einen Anteil hat – so hat das jüdische Volk doch jetzt eine sichere Heimstatt, einen Zufluchtsort für Juden überall auf der Welt. Die Verheißungen des Propheten haben sich sichtbar und spürbar erfüllt, wenn auch noch nicht in jeder Hinsicht. Beten wir darum für den Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn.
Aber die Verheißungen der Propheten gehen ja noch viel weiter. Der letzte der Propheten, der Seher Johannes, hat eine neue Erde unter einem neuen Himmel angekündigt hat. Uns ist ein ewiger Friede verheißen. Diese Verheißungen sind noch offen und in dieser Form unerfüllt. Heute am Israel-Sonntag ist wieder einmal darauf hinzuweisen, dass sie als Erste dem Volk Israel verkündigt worden sind. Israel ist und bleibt das Volk Gottes. Auch wenn die Juden Jesus zu seiner Zeit und später dann zur Zeit der ersten jüdischen Christen in ihrer Mehrheit nicht als ihren Messias erkannt und anerkannt haben. Die Verheißungen sind zuerst zu Israel gesagt und gelten Israel noch immer. Es war ein tragischer Irrtum der Kirchengeschichte, davon auszugehen, dass die Kirche Israel als Gottesvolk abgelöst habe. Das wurde am 10. Sonntag nach Trinitatis in früheren Zeiten sicherlich auch von dieser Kanzel verkündigt. Der erste Adressat der Verheißungen ist Israel. Wir Heiden sind erst hinzugekommen. Und wenn sich die Verheißungen erfüllen werden, dann auch und zuerst am jüdischen Volk. Dann wird Israel erkennen, dass Jesus der Christus, der Messias Israels war und ist. So hat es der Apostel Paulus angekündigt.
Gott verspricht uns einen neuen Himmel über einer neuen Erde. Es wird eine für uns völlig unvorstellbare ewige Welt geben. Dort werden wir in Frieden leben. Es wird dort keine Not und keine Sorgen geben. Wir werden ganz und gar erfüllt sein von dem Licht der Liebe Gottes. – Ist es realistisch das zu glauben? Nein, realistisch ist das nicht. Alles, was mit Gott zu tun hat, ist nicht von dieser Welt – mit Ausnahme Jesu Christi. Gottes Sohn war als Mensch auch ein Teil dieser Welt. Dennoch ist es kein blinder Traum, auf eine bessere und nicht mehr im Schatten von Tod und Vernichtung stehende Welt zu hoffen. Die Verheißungen werden in Erfüllung gehen. Dafür haben wir ein Zeichen: Gott hat immer wieder gezeigt, dass er seine Verheißungen für diese Welt Wirklichkeit werden lässt. Er hat Israel aus dem Exil herausgeführt. Er hat das Volk der Juden seine alte Heimat nach den Schrecken des Naziterrors wieder neu finden lassen. Er hat in unserem eigenen persönlichen Leben immer wieder etwas von seinem Segen und seiner Begleitung spürbar werden lassen. Er spricht zu uns durch sein Wort und Sakrament. Immer wieder erfahren wir, dass er lebendig und nahe ist; dass er unsere Gebete hört. Das soll uns ein Zeichen sein, dass es ihm nicht egal ist, was aus uns und unserer Welt wird. Gott wird mit uns in die Zukunft gehen. Und wie auch immer sein Weg mit uns aussehen mag: letztlich liegt diese Zukunft in seinem Licht – für uns Christen und nicht weniger für sein geliebtes Volk Israel.
Amen.

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