Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2017

Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2017

20.08.2017

zu 2. Mose 19, 1 - 6; gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Gemeinde,
es ist in unserer Ev.-Luth. Landeskirche üblich, dass für jeden einzelnen Sonntag ein Themenschwerpunkt durch entsprechende Auswahl von Bibeltextstellen vorgegeben ist. Und das ist gut so! Damit bekommen auch die sogenannten „Zählsonntage“ nach dem Trinitatisfest ihre ganz eigene Prägung. Unser Glaube ist vielschichtig. Ihm wird damit Rechnung getragen. Außerdem werden dadurch die Prediger vor dem übermäßigen Gebrauch von Lieblingsthemen und den dadurch entstehenden Einseitigkeiten bewahrt. Wir alle sind zur Auseinandersetzung mit der ganzen Dimension unseres christlichen Glaubens gerufen.
Heute geht es um das Volk Israel. Im Mittelpunkt steht seine Berufung durch Gott, seine heilsgeschichtliche Bedeutung, sein Auftrag und letztlich auch seine leidvollen Geschichte. Im Jahr 70 nach Christus wurde der herodianische Tempel durch den römischen Feldherrn Titus zerstört. Damit verlor das Judentum seine geistliche Mitte. Der zentrale Ort der Religionspraxis wurde ihm genommen. Die einzigartige Einheit von Gott, Land und Volk war damit zunächst zerstört.
Fortan befand sich Gottes auserwähltes Volk in der Diaspora, verstreut in alle Welt. Das Christentum trat ca. 300 Jahre später seinen Siegeszug durch die Welt an. Es war zumindest von diesem Zeitpunkt an nicht frei von Irrtümern und Fehleinschätzungen gegenüber dem alten Bundesvolk Gottes.
Ich halte es für einen schweren Fehler, wenn wir  Christen die Texte des Alten Testaments als allein und direkt an uns gerichtet lesen. Die ursprünglichen Adressaten sollten wir nicht einfach ausblenden. Es entsteht die Gefahr von Überheblichkeit und Heilsegoismus bis hin zur Substitutionslehre (Enterbungslehre). Gott ist mit seinem alten Bundesvolk im Jahr 70 nicht zu Ende gewesen. Und er ist es auch heute noch nicht, ganz gleich wie der Einzelne die politischen Entscheidungen des am 3. Mai 1948 gegründeten Staates Israel bewertet. In diesem Zusammenhang ist es sehr empfehlenswert, einmal die 33 Artikel der palästinensischen Nationalcharta vom 17.Juli 1968 und die Neufassung der PLO-Charta vom August 1996 zu lesen. Die politischen und militärischen Entscheidungen des Staates Israel stehen in einem unlösbaren Zusammenhang dazu. Die nationale Bedrohungslage dieses leidgeprüften Volkes lässt sich nicht leugnen, ist sie doch einmalig auf dieser Erde. Ob da die oft ehrlich und gut gemeinten Ratschläge von Politikern und Kirchenführern, die in stabiler Sicherheit leben immer angemessen sind, lässt sich durchaus bezweifeln.
Unser christlicher Glaube hat seine Wurzeln in den Verheißungen des Alten Testaments. Die Person Jesus Christus ist, wenn auch von den meisten Juden nicht anerkannt, die Erfüllung der Heilszusagen Gottes an die ganze Welt. Trotzdem gilt es, erst einmal den existentiellen Sinn des Verhältnisses von Gott zu seinem Volk zu erfassen und nicht gleich leichtfertig sich der Aussagen zu bemächtigen, die uns gefallen können.
Denn wie sagt es der Apostel Paulus im Brief an die Römer:
Röm. 11,18 „So rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“
Nehmen wir dieses Wort aus dem Römerbrief ernst, so ist tiefe Demut und Dankbarkeit eine angemessene Reaktion darauf. In diesem Geist dürfen wir uns hineinnehmen lassen in die Anfänge des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes mit seinem Volk Israel und dieser Welt.
Hintergrund unseres Bibeltextes ist die Entstehung eines Volkes aus den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs in Ägypten. Diese Hebräer wurden dort in zunehmendem Maße als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen. Mit sich verstärkender Härte behandelte man sie als Arbeitssklaven. Prägend für das Leben unter der ägyptischen Herrschaft waren Verachtung und Unterdrückung.
Gott selbst befreit sie durch eine dramatische Aktion aus dieser menschenfeindlichen Situation.
Die Flucht hat aber nicht eine bessere Welt, eine Art Schlaraffenland zum Ziel. So etwas versprechen die meisten Ideologien. Das erste Zwischenziel dieser Flucht ist die Wüste nahe dem „Berg Gottes“. Die drei Begriffe Ägypten, Wüste und Berg sind in diesem Zusammenhang mehr als geographische Angaben. Sie stehen als Synonyme für Unfreiheit in der Vergangenheit, Hilflosigkeit in der Gegenwart und Rettung beim Gang in die Zukunft. Ägypten ist gekennzeichnet durch die Sklaverei. Sie liegt in einem angemessenen Abstand hinter ihnen. In der Wüste befinden sie sich. Aber auch die Wüste ist ein lebensfeindlicher Ort. So können sie die Zukunft nur vom Berg, ja von Gott selbst erwarten. Aus diesem Grund hat es Mose auch so eilig, um auf diesen Berg zu kommen. Ein Volk ohne Zukunft versinkt sonst im Chaos.
Zwei Aussagen sind dabei wichtige Eckpunkte:
1. Gott spricht: „Die ganze Erde ist mein“

Alle Autorität geht von Gott aus. Sie gilt, ob erkannt, anerkannt oder geleugnet. Sie ist allumfassend in Raum, Zeit und Ewigkeit. Es gibt geistlich gesehen kein exklusives Plätzchen auf dieser ach so bösen Welt. Alle Visionen von himmlischem Wohlstand und grenzenlosem Wohlergehen sind leere Versprechen. Besonders religiöse Sondergemeinschaften leben und missionieren oft mit solchem oder ganz ähnlichem Gedankengut.
Mit der Berufung des Volkes Israel sichert sich Gott nicht für ein paar Leute ein Fleckchen heile Welt zum Experimentieren. In dem Satz: „Die ganze Erde ist mein“ zeigt sich Gott in seiner absoluten Souveränität als Herr über alle Dinge. Das muss nicht jedem gefallen.
Kürzlich las ich einen lustigen, aber doch tiefgründigen Satz eines unbekannten Autors:
„Gott spricht: Mir gehört das Universum, und ich habe einen Plan damit. Vielleicht hast du, Mensch, einen besseren Plan, aber dir gehört nicht das Universum“.

Theologisch reflektiert hat Dietrich Bonhoeffer ganz nüchtern ähnliches gesagt:
„Große Programme führen uns immer nur dort hin, wo wir selbst sind; wir aber sollten uns nur dort finden lassen, wo Er ist.“

Gott sagt: „Die ganze Erde ist mein“.

Deshalb verbieten sich alle Spielarten von menschlicher Überlegenheit durch Religion, Ideologie Abstammung oder Hautfarbe. „Die ganze Erde ist mein“, von dieser Grundhaltung gingen auch die Väter unseres Grundgesetzes aus wenn sie festschrieben: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Auf diesem Hintergrund ist das Volk Israel in seinem besonderen Verhältnis zu Gott zu verstehen.
Was ist nun aber das Besondere an ihm?
2. Es ist die Erwählung zu einem besonderen Auftrag.

Es bekommt zugesagt: „Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern“.
„Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Das klingt recht elitär. Es ist der besondere Auftrag der Erwählung. Dieses kleine Volk in der Wüste bekommt damit eine menschlich gesehen unlösbare Aufgabe übertragen. Gab es doch zu dieser Zeit große, bedeutende Völker mit hochentwickelten Staatsformen und Kulturen. Es erscheint fast grotesk, dass dieser Auftrag so leichtfertig angenommen wird. Denn im Vers 8 heißt es:
„Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun.“

So naiv können eigentlich nur Kinder sein. Sie realisieren nicht ihre eigene Schwachheit. Kinder vertrauen ihren Eltern! Israel sagt zu seinem Auftrag ja. Es will den einen wahren, lebendigen und unsichtbaren Gott mit seinem Denken, Reden und Handeln bezeugen und damit in dieser Welt bekannt machen. Das ist der priesterliche Dienst. Es geht also nicht um die Umsetzung eigener Pläne, sondern um die Unterordnung unter den Herrn des Universums.
In diesen priesterlichen Dienst sind auch wir hineingenommen. Durch den Juden Jesus von Nazareth und seine Nachfolgern sind wir zu Menschen geworden, die Gott kennenlernen durften. Unter seinem Zuspruch und Anspruch leben wir.
1. Petrus 2,9 „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“.
Diese Stelle nimmt direkt Bezug auf den Auftrag Israels.
Wir sind berufen heilig zu sein, indem wir diesem einzigartigen Gott durch die Taufe in besonderer Weise angehören.
Von unseren geistlichen Genen her dürfen wir in königlicher Würde diesen priesterlichen Dienst tun.
An unserem Leben sollen andere Menschen das Wesen von Jesus Christus „ablesen“ können. Stehen wir aber damit nicht genauso wie einst Israel da? Mit unserer Botschaft von einem vor 2000 Jahren gekreuzigten Juden können wir doch nicht diese waffenstarrende, von Gier und Macht gekennzeichnete Welt überzeugen. Wo sind unsere beweisfähigen Fakten? Wir haben sie nicht. Und das ist auch gut so. Wenn wir diese Tatsache in Demut anerkennen, dann merken wir recht schnell, dass wir so einen hohen Anspruch nicht aus eigener Kraft und Weisheit erfüllen können. Wir brauchen dazu den Heiligen Geist, die dritte Person unseres Glaubensbekenntnisses.
„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen der auf euch kommen wird, und meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“
Apg.1,8
Das ist die Berufung der weltweiten Kirche. Sie soll in Wort und Tat Jesus Christus als den gekreuzigten und auferstandenen Herrn bezeugen. Ebenso ist es die Berufung der Gemeinde vor Ort, wie die, jedes einzelnen Christen in seinem Umfeld. Gott hat trotz der Treuelosigkeit seines Volkes Israel seine Berufung nicht aufgekündigt. Er hält auch im Angesicht schlimmer Verfehlungen an seiner Kirche fest. Seine Retterliebe zu bezeugen ist Auftrag und Berufung für alle seine Nachfolger.
Besinnen wir uns in dieser glaubensmüden Zeit mit allen ihren negativen Konsequenzen im Denken, Beten und Handeln auf den Auftrag, den wir mit Taufe und Konfirmation erhalten haben.
Amen.

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