Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juni 2017

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 18. Juni 2017

17.06.2017

zu Matthäus 20, 1 - 16; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer zum Familiengottesdienst zum Beginn des Gemeindefestes der Schwesterkirchgemeinden

Liebe Kinder, liebe Erwachsenen, liebe Gemeinde,
ein komischer Weinbergbesitzer. In unserer heutigen Zeit würde er vermutlich bald seinen Betrieb zu machen müssen. Wer so mit dem Geld um sich schmeißt, kann nicht bestehen. Wie kann er denn denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, dasselbe geben wie denen, die vom frühen Morgen an die Weintrauben gelesen, also geerntet haben?
Diese Geschichte hat Jesus erzählt. Er wollte damit nicht unbedingt ein Beispiel geben, wie sich ein Arbeitgeber gegenüber seinen Arbeitern zu verhalten hat. Ein wenig wird er das allerdings auch im Blick gehabt haben, denn damals wie heute ging es immer mehr um das Geld als um die Menschen. Damals wie heute hat kaum jemand danach gefragt, wie es den Arbeitern ging. Gestern war zwar in der Freien Presse von einem Unternehmer zu lesen, der seinen ganzen Betrieb verschenkt hat. Er hat das Eigentum an eine Stiftung übertragen. Dadurch hat er sichergestellt, dass sein Betrieb nicht verkauft und dann irgendwohin verlagert wird. Er hatte das Wohl seiner Mitarbeiter im Auge und hat lieber auf die Verkaufssumme verzichtet, als die Zukunft seines Betriebes und die seiner Mitarbeiter zu riskieren. Aber sonst ging es damals und geht es heute anders zu. Dennoch ging es Jesus – wie gesagt – nicht in erster Linie um eine Lehrstunde in Sozialer Marktwirtschaft.
Jesus ging es in erster Linie um die Menschen und ihre Beziehung zu Gott. Denn Gott ist der Anfang und das Ende. Er ist die Quelle des Lebens. Was wären wir ohne ihn?
Was aber wollte er über Gott und die Menschen sagen? Jesus wurde von vielen frommen Menschen dafür kritisiert, dass er sich mit Leuten abgab, die alles andere als fromm waren. „Die verdienen doch deine Zuwendung gar nicht! Wie kannst Du Dich denn mit solchen Leuten abgeben?“ fragten sie Jesus. „Mit Frauen, die ihren Körper an Männer verkaufen; mit Männern, die mit der Besatzungsmacht der Römer zusammenarbeiten; mit Frauen und Männern, die Gottes Gebote nicht einmal kennen und sie erst recht nicht beachten? Wie kannst Du denn zu denen gehen, wenn Du ein Mann Gottes sein willst. Die verdienen das doch gar nicht.“
„Genau“, hat Jesus ihnen unter anderem mit diesem Gleichnis geantwortet. „Die verdienen meine Zuwendung und damit zugleich Gottes Zuwendung und Liebe nicht. Aber täuscht Euch mal nicht. Ihr verdient sie auch nicht. Zwar haltet Ihr Euch an die Gebote Gottes peinlich genau. Ihr versucht ernsthaft ein frommes Leben zu führen. Aber wenn Ihr so auf die herabseht, zu denen ich hingehe, dann seid Ihr auch nicht besser. So eine Selbstgerechtigkeit kann Gott nämlich gar nicht leiden. Niemand verdient meine Zuwendung und zugleich Gottes Liebe. Und doch verschenkt Gott sie großzügig an alle in gleicher Weise. Seine Liebe gilt allen Menschen. Gott fragt nicht nach Verdienst oder Leistung. Seine Gnade und Barmherzigkeit sollen alle Menschen spüren, völlig unabhängig davon, ob sie nun sehr fromm sind oder keine Ahnung von Gottes Geboten haben. Unabhängig davon, ob sie für andere ein Segen sind oder ihrer Umgebung auf die Nerven gehen. Gott fragt nach so etwas nicht. Er verschenkt seine Liebe großzügig und lädt uns ein, darauf unser Vertrauen zu setzen.“
Rund zwanzig Jahre nach Jesus hat der Apostel Paulus diese Worte Jesu in seine eigenen Worte gefasst. Er war ein kluger und gebildeter Mann. Leider war er kein genialer Geschichtenerzähler wie Jesus. Darum hört sich das bei ihm etwas komplizierter an. Er meint aber dasselbe, wenn er beispielsweise an die Gemeinde in Rom geschrieben hat: „Wir Menschen werden gerecht ohne des Gesetzes Werke – allein durch den Glauben.“ Gerecht zu sein, das bedeutet mit Gott in einer heilen Beziehung zu leben. Die Werke des Gesetzes das sind alle unsere Bemühungen so zu leben, dass es Gott gefällt. Der Glaube, das ist das Vertrauen, dass Gott uns mit seiner Liebe beschenkt – einfach so. In anderen Worten: Wir können und brauchen nichts dazu zu tun, dass Gott uns liebt. Er schenkt uns seine Liebe. Jedem von uns – egal wie wir leben. Darauf können wir vertrauen. Dann ist alles gut.
Etwa 1500 Jahre später hat diese Frage einen Mönch mit Namen Martin Luder sehr beschäftigt. Er war auch so einer, der sich bemühte fromm zu leben. Dafür war er extra ins Kloster gegangen. Aber egal, was er alles anstellte, er hatte immer Angst, es könnte nicht genug sein. Bis er dann endlich in der Bibel die Worte des Apostels Paulus las und nach mehrmaligem Lesen auch verstand. Gott liebt uns nicht mehr als die anderen, wenn wir ins Kloster gehen oder andere Dinge machen, um ihm einen Gefallen zu tun. Eltern lieben ihre Kinder ja auch nicht, weil die immer den Abwasch machen oder ihr Zimmer aufräumen. Das finden Eltern toll. Aber kein Kind wird nicht geliebt, weil es sein Zimmer nicht aufgeräumt hat. Das wären jedenfalls seltsame Eltern. Mit Gott ist es nicht anders, verstand Martin Luther endlich. Es kommt nur darauf an, ihm zu vertrauen. Ihm zu glauben, dass er es gut mit uns meint, egal wer wir sind.
Für Martin Luther war das wie der Anfang eines neuen Lebens. Er fühlte sich so befreit, dass er sich von Luder in Luther umbenannte. Luther, das stammt nämlich vom griechischen Eleutherios und bedeutet: einer, der frei geworden ist. Luther verließ das Kloster, er predigte von der Liebe Gottes, die er an alle gleichermaßen verschenkt, so wie der Weinbergbesitzer allen den gleichen Lohn gibt. Leider verstand seine damalige Kirche Luther nicht. Sie hatten Angst, dass er dem Glauben an Gott Schaden zufügt. So musste dann Luther die katholische Kirche verlassen und die evangelische Kirche entstand.
Und heute? 500 Jahre später?
Heute haben viele Menschen vergessen, dass es Gott überhaupt gibt. Aber sie haben sich andere Götter gesucht. Für manche ist der Fußball eine Religion. Für ihren Verein ziehen sie regelrecht in den Krieg, um zu beweisen, wie toll der ist. Für fast alle ist unser Wirtschaftssystem eine Religion. Die Erwachsenen wissen, dass dort nur Leistung und Erfolg und Geld zählen. Da ist fast nichts davon zu spüren, dass alle Menschen gleich behandelt werden oder gar gleich viel wert sind. Wie es den Menschen geht, das ist in unserer heutigen Welt völlig egal. Ebenfalls gestern konnte man lesen, dass ein Unternehmer ein traditionsreiches Werk in Niedersachsen schließen will, weil er hier in Sachsen weniger Lohn zahlen muss. Was mit all den Familien am bisherigen Standort ist, das ist ihm egal.
Aber Gott ist es nicht egal, was mit uns Menschen ist. Die Geschichte von dem großzügigen Weinbergbesitzer ist immer noch aktuell: Alle Menschen sind in Gottes Augen gleich viel und viel wert. Er hat uns alle gleichermaßen und über die Maßen lieb. Er beschenkt uns alle mit seiner Gnade – egal wer wir sind. Das ist sicher. Das können wir ruhig glauben.
Und es gibt etwas, das ist so etwas wie ein Garantieschein dafür. Wir alle haben diesen Garantieschein bekommen, dass Gott uns unendlich lieb hat. Dieser Garantieschein ist unsere Taufe. Als Zeichen dafür haben heute getaufte Kinder ihre Taufkerzen mitgebracht. Als sie getauft wurden, hat Jesus zu ihnen wie zu allen getauften Christen gesagt: „Ich habe dich lieb. Du bist für mich ein Kind Gottes. Du bist ganz viel wert – egal wie und wer Du bist.“ Daran wollen wir uns alle miteinander erinnern, auch die Kinder, die ihre Taufkerze nicht dabei haben. Auch die Erwachsenen: Gott beschenkt uns mit seiner Liebe. Wir brauchen uns nicht darum zu bemühen. Wir brauchen uns diese Liebe nicht zu verdienen. Sie ist umsonst. Gott sind wir alle gleich viel wert. Denn wir alle sind seine Kinder.
Amen.

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