Predigt am 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti), 28. April 2019

Predigt am 1. Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti), 28. April 2019

28.04.2019

zu 1. Petrus 1, 3 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„Gott hat uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“, Ich sitze in meiner Predigtwerkstatt und bin erst einmal wie erschlagen. Barmherzigkeit, wiedergeboren, Hoffnung, Auferstehung – lauter schwer mit Inhalt beladene Begriffe und das in einem einzigen Satz. Ob ich mal den Satz in seine Einzelteile zerlege und mir die Begriffe näher ansehe?
Barmherzigkeit
: Martin Luther hat Sprache geprägt, erinnere ich mich. Wenn es kein deutsches Wort gab, dann hat er sich eines ausgedacht. Ihm war daran gelegen, dass die Menschen alles verstehen können. Anders als heute, denke ich, wo uns die unübersetzten englischen Begriffe nur so um die Ohren gehauen werden. „Misericordias“ war der Begriff, der Luther aus der lateinischen Bibel vor Augen stand. Ein „mitleidendes Herz“ könnte man auch sagen, oder etwas moderner: eine „empathische Haltung“. Aber das klingt dann doch wieder zu distanziert. „Barmherzigkeit“, übersetzt der Reformator. Sicher nicht ganz zufällig, denke ich, klingt das auch ein wenig nach „warmherzig“. Gott wendet sich uns liebevoll und ohne Vorbehalte zu. Jedem wird er dabei gerecht. Denn groß ist seine Barmherzigkeit, umfassend, vielfältig, wie es im Urtext heißt. Gottes Barmherzigkeit hat vielen Facetten.
Eine davon, schreibt der Apostel, ist, dass wir von Gott wiedergeboren werden.
Wiedergeburt
: Noch eines von diesen Wörtern, die so schwer sind. Kann denn jemand von Neuem geboren werden, fragt schon Nikodemus im Johannesevangelium. Schade eigentlich, kommt es mir in den Sinn, dass sich niemand bewusst an seine Geburt erinnern kann. Alle sagen immer, dass es traumatisierend sein muss, den schützenden Mutterleib zu verlassen. Aber vielleicht empfindet man es ja auch als eine Befreiung, endlich nicht mehr in dieser dunklen Höhle gefangen zu sein? Vielleicht ist es ja eine wunderbare Erfahrung, vor allem die Mutter endlich mal sehen und die Welt entdecken zu können? Wenn wir sagen: „Ich fühle mich wie neugeboren!“ liegt darin nicht eine Erinnerung an unsere eigentliche Geburt? – Überhaupt: sich wie neugeboren fühlen: Neu anfangen; das Alte hinter sich lassen – alles, was einen bedrückt hat und vielleicht auch geschmerzt. Neu beginnen: Endlich mal das machen, was man immer schon hätte machen wollen. Ruheständler erlebe ich doch oft genau so. Wie entspannt wirken sie. Wie neu geboren!
„Wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung“ schreibt der Apostel Petrus.
Lebendige Hoffnung
: Gibt es auch eine tote Hoffnung? frage ich mich. Wenn ich so darüber nachdenke: Ja. Es gibt gestorbene Hoffnungen. Hoffnungen, die keinen Grund hatten, der sie hätte tragen können. Die Hoffnung auf Frieden mit dem Ende des kalten Krieges war so eine Hoffnung. Kaum war der Friede zwischen Ost und West hergestellt, fingen die islamistischen Extremisten an zu bomben. Und nun gibt es nicht einmal mehr den Frieden zwischen Ost und West. Diese Hoffnung baute auf das Gute im Menschen, aber eine solche Hoffnung ist auf Sand gebaut. Gestorbene Hoffnung! Aber eine lebendige Hoffnung? Dass ein Kind geboren wird nach neun Monaten einer Schwangerschaft, das ist eine lebendige Hoffnung. Sie baut nicht auf Sand. Die Schwangerschaft ist da, das Kind wächst im Mutterleib heran. Eine lebendige Hoffnung. Sie setzt Kräfte frei. Die Eltern richten ein Kinderzimmer ein. Sie suchen einen Kindergartenplatz, kaufen ein Auto, in den ein Kinderwagen passt. Vor allem setzt sie Vorfreude frei. Lebendige Hoffnung.
Aber damit bin ich dem noch nicht nahe gekommen, was der Apostel mir sagen will. Dem komme ich wohl erst mit dem letzten Begriff auf die Spur: „wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“.
Die Auferstehung Jesu
. Für die Anhänger Jesu muss das eine überwältigende Erfahrung gewesen sein. Das haben sie uns allen voraus. Gott sei Dank haben sie – so gut sie es nur konnten – versucht uns an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen. – Ich blättere in den Auferstehungsgeschichten… Da haben sie sich voller Entsetzen, traurig und verzweifelt zurückgezogen. Der Karfreitag war das genaue Gegenteil einer Wiedergeburt. Das war eher so etwas wie eine Rückkehr in den Mutterschoß. Ich stelle mir vor, wie sie alle zusammen in einem kleinen Raum saßen. Die Frauen hielten sich in den Armen und weinten. Die Männer saßen mit versteinerten Mienen da und hingen ihren traurigen Gedanken nach. Und dann werden sie alle tatsächlich wiedergeboren. Was müssen sie erlebt haben, dass sie ihre Trauer von einem Augenblick zum anderen hinter sich lassen und hinausgehen konnten in das Licht des neuen Tages?! Die Erfahrung war so überwältigend, dass sie es gar nicht fassen konnten. Bis sie es endlich, endlich begriffen: Jesus ist lebendig; Gott hat ihn nicht dem Tod überlassen; Gott hat ihm ein Leben in seiner Herrlichkeit geschenkt! Etwas von diesem neuen Leben Jesu spürten die Frauen und Männer aus dem Kreis um Jesus dann auch tief in ihrem Innern. Sie erlebten, wie sie erfüllt wurden von Freude und Hoffnung. Das war eine Wiedergeburt!
Die ersten Christen nach ihnen konnten das gut nachvollziehen. Denn dieselbe Erfahrung machten sie bei ihrer Taufe. Sie ließen alle Ängste vor einem dunklen Schicksal oder dem Zorn ihrer heidnischen Götter hinter sich. Sie fühlten sich erlöst von Schuld und Tod. Auch heute erzählen Erwachsene Ähnliches von ihrer Taufe. Auch wenn sie vorher schon zum Glauben gekommen waren, ist die Taufe dann doch etwas Neues. Wie neu geboren, muss man sich fühlen. Aber auch ohne diese Erfahrung gemacht zu haben, wissen wir: Wir sind getauft; wir sind neu geboren durch die Taufe als Kinder Gottes. Unwillkürlich stehe ich gedanklich im Dom in der Osternacht. Wie viele sind nach vorn gekommen sind, um sich mit dem Wasser aus der Taufschale segnen zu lassen! „Du bist getauft“, habe ich ihnen zugesprochen. „Du bist mit dem Auferstandenen verbunden!“ Was werden sie gedacht und empfunden haben? Vielleicht: „So muss es sich angefühlt haben, als meine Eltern mich als Kind über die Taufschale gehalten haben. Damals hat sich mir Gott in seiner großen Barmherzigkeit zugewandt. Ich werde leben.“
Jetzt habe ich diesen schweren Satz für mich einmal ganz durchbuchstabiert. „Gott hat uns nach seiner großen Barmherzigkeit / wiedergeboren / zu einer lebendigen Hoffnung / durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Aber wie lebendig ist diese Hoffnung eigentlich in mir? Ist nicht Ostern zweitausend Jahre her und die Ewigkeit eine noch fernere Zukunft? Da fällt mir das Windspiel ein, das ich auf der Landesgartenschau in Frankenberg für unseren Garten gekauft habe. Neulich beim Kaffeetrinken hatte ich den Eindruck, dass sich dieser in sich gedrehte Metallstreifen nicht dreht, sondern auf und ab bewegt. Eine optische Täuschung. In der vermeintlichen Abwärtsbewegung sah es auf einmal so aus, als würde der Streifen hinter einer unsichtbaren Wand verschwinden. So ähnlich, denke ich, ist es doch auch mit der unvergänglichen Welt Gottes. Sie ist da. Sie ist nahe. An jedem Tag ist Gottes Ewigkeit unserer Zeit gegenwärtig. Wir können sie bloß nicht sehen. Wie hinter dieser unsichtbaren Wand ist uns die Welt nicht zugänglich, in der Christus lebendig ist. Zu Ostern aber ist es den Jüngern möglich gewesen, hinter diese unsichtbare Wand zu schauen und Christus zu sehen. Sie haben es bezeugt.
So nahe ist das österliche Leben! Ich höre tief hinein in mich. Ist sie da nicht, diese lebendige Hoffnung? Ein großes Feuer ähnlich den Jüngern am Ostermorgen spüre ich nicht in mir, aber doch mehr als nur einen glimmenden Funken: Das Leben hat gesiegt, nicht der Tod! Das Leben wird siegen, nicht die Mächte der Zerstörung und des Untergangs. Es gibt eine Hoffnung mitten in all den düsteren Zukunftsaussichten unserer Zeit!
Ja, diesen Gedanken will ich der Gemeinde mitgeben: Etwas Neues hat angefangen mitten in dem Alten; es gibt einen realen Grund zur Hoffnung; das österliche Leben ist fast mit den Händen zu greifen!
Danke für diese Hoffnung, Du großer und barmherziger Gott!
Amen.

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