Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 13. Januar 2019

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias, 13. Januar 2019

14.01.2019

zu Matthäus 4, 12 - 17; gehalten von Landesbischof i. R. Jochen Bohl

Liebe Gemeinde,
das war keine gute Nachricht für den Nazarener – Johannes wurde gefangen genommen. Die beiden Männer kannten sich ja, waren einander nahe gekommen bei ihrer Begegnung am Jordan, als Johannes Jesus getauft hatte. Also ließ das Schicksal des Täufers Jesus nicht gleichgültig. Er wird sich auch keine Illusionen gemacht haben, wie es mit Johannes weitergehen würde – er hatte sich mit einem Mächtigen angelegt, Herodes Antipas, der ihn dann hinrichten lassen wird.
Die Erzählung des Evangelisten spiegelt wider, wie Jesus erschrickt angesichts des unverhohlenen Machtgebrauchs – er zieht sich zurück in die Berge Galiläas. Johannes Gefangennahme kommt ihm an wie eine Warnung – pass auf, so geht es zu, das ist der Lauf der Welt; es ist wie eine erste Ankündigung des Kreuzes, noch bevor der Weg des Jesus von Nazareth überhaupt begonnen hat. In den Bergen wird er sich seiner Berufung vergewissert haben, sich nochmals die Frage gestellt haben, ob er bereit ist, mit seiner ganzen Person und seinem ganzen Leben für seinen Auftrag einzustehen; es war eine Zeit der Selbstprüfung.
Die ist für jeden Menschen notwendig, zumal vor großen Aufgaben. Auch Johannes war in die Wüste gegangen, war erst in der Abgeschiedenheit Gott begegnet, hatte dort zu seinem Auftrag gefunden.
Manchmal kommt es mir so vor, als sei es eine Geißel dieser Zeit, dass sie den Menschen keinen Raum mehr lässt, innezuhalten, sich zu besinnen auf das, was wirklich zählt im Leben. Es ist ja so, dass Zeiten der Stille selten geworden sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich in schnellem Tempo bewegt; und das geht nicht ab ohne Geräusche, Hochgeschwindigkeit ist mit Lärm verbunden und mit ständiger Anspannung. Es ist wie ein blindes Vorwärtsstürmen, das keine Möglichkeit kennt, das eigene Tun und Lassen kritisch zu betrachten, sich der Frage zu stellen, ob die Richtung stimmt, ob es nicht doch angezeigt wäre, etwas anders zu machen, sich zu korrigieren…Der Geschwindigkeitsrausch hat seine Wirkung, er verändert die Menschen, manche können vielleicht schon gar nicht mehr auch nur einen Moment der Stille ertragen.
Jesus beginnt seinen Weg in den Bergen Galiläas, und mit dieser Ortsbeschreibung gibt der Evangelist eine zweite Ankündigung. Denn das ist eine Gegend, in der nicht nur Juden leben, sondern auch andere, Gojim, „Heiden“. So verweist Matthäus hier schon auf das Ende seiner Darstellung des Lebens Jesu, auf den Missionsbefehl – gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker! Wir sehen: von den ersten Anfängen an ist der Heilswille Gottes auf die Menschheit gerichtet, alle sollen der Frohen Botschaft begegnen, alle sind dazu aufgerufen, Gott die Ehre zu geben. Die Grenzen des Gottesvolkes werden überstiegen, und es beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Jesus steht mit seinem Auftrag, seiner Mission, in der langen Tradition Israels, er ist Teil der Verheißung, die Israel auf seinem Weg durch die Zeit begleitet. Darum zitiert der Evangelist aus dem Buch des Propheten Jesaja, in dem die uralte Hoffnung des Gottesvolkes aufscheint. Endlich ist derjenige gekommen, auf den so lange, von Generation zu Generation gewartet wurde, ein großes Licht scheint auf, die Schrift erfüllt sich in den Bergen Galiläas.
Die Erfüllung liegt in der Botschaft, die der Nazarener den Menschen sagt; und Matthäus fasst sie in wenigen Worten zusammen:
Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Liebe Gemeinde,
Buße – das Wort hat einen fremden Klang bekommen in dieser Zeit, die nur eine Richtung zu kennen scheint - dem Neuen, aufregenden entgegen, in einer Gesellschaft, die nur ein Tempo zu kennen scheint – das schnellstmögliche. Es ist ein fremder Klang, aber doch nicht aus der Welt. Denn Buße ist ja ein anderes Wort für Umkehr, für die Chance, aus den eingefahrenen Gleisen ausbrechen zu können; für die Möglichkeit, das eigene Tun und Handeln zu überprüfen; für die Aussicht, einem in der Zukunft drohenden Schaden zu entgehen. Umkehr ist in jedem Menschenleben notwendig, denn jeder Mensch steht ja in seinem Leben vor Situationen, die es nicht zulassen, so weiterzumachen, als sei nichts gewesen; vor Fragen, was zu tun, was zu lassen ist, wie mit sich selbst ins Reine zu kommen ist, und mit den Mitmenschen? Wie finden wir zum Frieden? Wie kann gelingen, was wir ersehnen…
Wir hoffen auf ein erfülltes und glückliches Leben und wissen doch, dass wir scheitern können. Dass wir uns irren, immer wieder falsche Entscheidungen treffen, deren Folgen uns einholen. Wir erleiden das Zerbrechen von Gemeinschaft, von Liebesbeziehungen als ein Verhängnis, das über uns kommt; und sehen erst im Rückblick, wie wir daran beteiligt waren, es herbei zu führen. Wir möchten versöhnt leben, Frieden gestalten, zu Gott finden – und kommen uns immer wieder selbst in die Quere.  So ist es zu allen Zeiten gewesen, so ist es heute; und darum ist die Botschaft, die am Beginn der Wirksamkeit Jesu steht, so klar und eindeutig: Kehrt um! Lebt nicht länger in der Gottesferne, sondern sucht die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott!
Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Diese Botschaft unterscheidet sich nicht von der des Johannes; so hatte auch der Täufer gesprochen. Und doch ist jetzt, da Jesus in den galiläischen Bergen sich den Menschen zuwendet, eines ganz und gar anders: Johannes hatte die Menschen vorbereitet auf das, was jetzt mit dem Wirken Jesu beginnt, Johannes hatte die Ankunft der Gottesherrschaft erwartet - jetzt beginnt sie!
Mit dem, der von Gott ist und den Menschen den Zugang zu Gott eröffnet, mit Jesus von Nazareth!
Gott ist ein Mensch geworden, wie wir es sind; und es ist uns Menschen möglich, dieses Wunder zu erkennen und darauf zu antworten – mit unserem Glauben und mit unserem ganzen Leben. Gott wurde Mensch, und das hat Bedeutung für jeden Menschen, für Dich und für mich; Gott kommt uns nahe, und wir dürfen im Glauben diese Nähe erfahren. Unser ganzes Leben soll geprägt und bestimmt sein durch ihn, der das Versehrte heilen will; was in den Bergen Galiläas begonnen hat, kann und soll sich auch jetzt und hier und für mich ereignen. Die Zeit ist erfüllt – und auch mein Leben soll und kann verändert werden, ich habe Anteil daran. Martin Luther hat es in der ersten seiner 95 Thesen so gesagt: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll“.
Buße zu tun, bedeutet nicht, mit zerknirschtem Gesicht, in niedergedrückter Haltung herumzulaufen. Es bedeutet, sich vorzubereiten für die Begegnung mit dem lebendigen Gott; und dann mit ihm den Alltag des Lebens zu gestalten.
Das ist das Thema des Erscheinungsfestes, der Epiphaniassonntage, die Gelegenheit, sich selbst in den Blick zu nehmen, mit einem kritischen Blick auf das eigene Leben zu sehen; und in dieser schnelllebigen, angespannten Zeit ist das noch wichtiger als je.
So ist es ein Zeichen der Hoffnung, dass es inzwischen doch Gegenbewegungen gibt; es sind nicht mehr wenige, die entdecken, wie gut es der Seele tut, Zeiten der Stille zu haben, zu entspannen. Manche beschließen, sich in der Geschwindigkeit zu bewegen, die dem Menschen eigen ist, zu gehen. So sind die alten europäischen Pilgerwege erneut attraktiv geworden; jedes Jahr wandern Tausende auf den Jakobswegen, die den europäischen Kontinent durchziehen. Bei uns in Mitteldeutschland ist in Vorbereitung des Reformationsjubiläums der Luther – Weg entstanden, und wird gut angenommen. Überhaupt kann man wohl sagen, dass vielen Gläubigen das spirituelle Leben wieder bedeutsamer geworden ist. Es gibt eine erneuerte Abendmahlsfrömmigkeit, noch in meiner Jugend wurde die Gemeinschaft unter Brot und Wein nur an wenigen Festtagen im Jahr gefeiert. Heute wird das Herzensgebet aus den orthodoxen Kirchen auch bei uns gebetet, und Einkehrtage in Klöstern erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ja, es ist gut, eine andere Haltung einzunehmen als die angespannte des Alltags, auf das eigene Ich zu achten, die Reize der äußeren Welt auszublenden, sich zu konzentrieren auf das Innere, sich zu öffnen für die Begegnung mit Gott. Wer es versucht, wird sicherlich feststellen, dass es nicht leicht ist, anders zu leben und die Hindernisse groß sein können. Tatsächlich gibt es Lebensweisen, die Gotteserfahrungen begünstigen können – und andere, die ihr entgegenstehen. Aber ein Anfang ist jedem und jeder, in welcher Lebenssituation auch immer, sicherlich möglich. Am Ende kommt es darauf an, geistlich bewährte Regeln anzunehmen, morgens nicht zuerst das Radio einzuschalten, sondern das Losungsbüchlein zur Hand zu nehmen, ein Gebet zu sprechen, vielleicht Luthers Morgensegen (EG 815). Wenige Worte nur, aber niemals vergeblich gesprochen.
Umkehren, geistlich leben bedeutet nicht, der Welt zu entfliehen, sondern umgeben von den weltlichen Dingen auf die Gegenwart Gottes zu hoffen, in meiner Welt.
Liebe Gemeinde,
Jesus hatte sich zurückgezogen und für sich Klarheit gewonnen, dann aber war er zurückgekehrt in den Alltag des Lebens. Und darin lebte er der Botschaft, die ihm aufgetragen war. Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!
Gebe Gott, dass wir dieses Wort hören und zu Ihm finden, mit dem die Gottesherrschaft begonnen hat, Christus.
Amen.

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