Predigt am 1. Advent, 3. Dezember 2017

Predigt am 1. Advent, 3. Dezember 2017

03.12.2017

zu Matthäus 21, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer im Gottesdienst zur Einführung des Leitbilds der Domgemeinde St. Marien Freiberg

Liebe Gemeinde,
mit welcher Vorfreude und Spannung müssen die Einwohner Jerusalems die Ankunft Jesu erwartet haben! Sicherlich mit einer ähnlichen Vorfreude und Spannung, mit der insbesondere die Kinder unter uns nun in die Adventszeit gehen. Beides hat ja auch etwas miteinander zu tun. Damals begrüßten die Menschen in Jerusalem die Ankunft Jesu in ihrer Stadt. Wir freuen uns auf das Fest der Ankunft des Jesuskindes in dieser Welt zu Weihnachten. Aber unsere Erwartung im Advent geht ja  noch über Weihnachten hinaus. Denn der Sohn Gottes ist nicht nur zu Weihnachten als Neugeborenes in unsere Welt gekommen. Jesus Christus ist auch nicht nur am Palmsonntag nach Jerusalem gekommen, um seine unsichtbare himmlische Herrschaft durch Kreuz und Auferstehung hindurch aufzurichten. Er wird auch kommen, um diese Herrschaft sichtbar zu machen. Das ist ja die Hoffnung, die sich mit der Adventszeit in besonderer Weise verbindet. Wir bereiten uns innerlich nicht zuletzt auf die Ankunft Jesu in dieser Welt vor, die noch aussteht. Wir warten auf die Vollendung seiner Herrschaft. Wir warten darauf, dass diese Welt mit all ihren Finsternissen – Leid und Gewalt und Zerstörung, Sterben und Tod – ihr Ende findet und verwandelt wird in eine himmlische Welt des Friedens. Wir warten darauf, dass Christus kommen wird, um seine Herrschaft sichtbar zu machen. Wir warten voller Hoffnung auf seinen Advent, seine Ankunft.
Heute am Beginn der Adventszeit führen wir nun das Leitbild der Domgemeinde ein. Das hat einmal etwas damit zu tun, dass heute das neue Kirchenjahr beginnt. Es hat aber auch inhaltliche Gründe, die im Zusammenhang mit dem Evangelium des 1. Adventssonntags stehen:
Die Jünger Jesu hatten von Jesus einen Auftrag. Sie sollten alles vorbereiten für seine Ankunft in Jerusalem. Sie sollten dafür sorgen, dass er auf dem Reittier des Königs Davids nach Jerusalem einziehen konnte. Mit dem Reittier des David gab Jesus sich dann beim Einzug als der ersehnte Messias zu erkennen. Denn der Christus sollte ein Nachkomme des Königs David sein. Und er sollte auf einem Esel nach Jerusalem kommen. So wie es der Prophet Sacharja geweissagt hat. Darum war es so wichtig, dass die Jünger ihrem Auftrag nachkamen und den Esel zu Jesus brachten. Ohne sie wäre der Jubel der Menschenmassen beim Einzug in Jerusalem nicht denkbar gewesen.
Wir haben uns als Mitglieder des Kirchenvorstands, als interessierte Mitarbeiter und Gemeindeglieder gefragt, was denn unser Auftrag als Domgemeinde von Jesus Christus her ist. Wie können wir unseren Beitrag leisten, dass die Menschen etwas von Jesus Christus erfahren. Wie genau soll das Zeugnis von dem gekommenen und kommenden Jesus Christus aussehen, das wir zu geben haben?
Wir haben unseren Auftrag erkannt als ein Öffnen von Zugängen. Die Menschen, mit denen wir zu tun haben, sollen einen Zugang bekommen zum Evangelium von gekommenen und kommenden Jesus Christus. Letztlich sollen sie in den Jubel der Jerusalemer einstimmen können. Das geschieht auf eine vielfältige Weise. Wir haben dazu fünf Aufgabenfelder benannt.
Da ist zunächst einmal das ganz buchstäbliche Öffnen der Tore. Auch das stand ja ganz am Anfang des Einzugs Jesu nach Jerusalem. Die Tore der Stadt mussten weit geöffnet werden, damit Jesus einziehen konnte. In ähnlicher Weise öffnen wir die Tore des Doms für Menschen, die sich von seinen Kunstschätzen angezogen fühlen. Die Kunstschätze haben eine ähnliche Funktion wie das Reittier Jesu. Sie machen deutlich, dass mit Jesus das Heil der Welt in unsere Welt gekommen ist und noch kommen wird. Mancher wird aus dem Dom wieder hinausgehen, ohne dass ihn das in seinem Herzen berührt hat. Andere wiederum werden spüren, dass in diesem Gotteshaus seit mehr als fünf Jahrhunderten der Heiland der Welt gepredigt und zu ihm gebetet wird. Dass Menschen die Kreuzigungsgruppe und den Apostelzyklus und all die anderen Dinge geschaffen haben, um ihrem Glauben Ausdruck zu geben.
Eine ganz ähnliche Funktion hat die Kirchenmusik. Sie ist uns in gleicher Weise durch den Dom vorgegeben. Wie könnten wir die Große Silbermannorgel beherbergen und nicht die Kirchenmusik pflegen? Wir tun es aber nicht um der reinen Kunst willen. Kirchenmusik ist geistliche Musik. Sie will die Menschen in ihrem Herzen anrühren. Sie will eine Gemeinschaft schaffen der Singenden und Musizierenden untereinander, aber ebenso mit dem gekommenen und kommenden Herrn. Die Hosianna-Rufe auf den Straßen Jerusalems kann man als eine Art Gesang verstehen. Die Menschen waren so berührt, dass sie nur rufen und singen konnten. So entsteht geistliche Musik. Und nur so kann geistliche Musik dann auch in den Menschen Glauben wecken und sie wiederum zum Singen bringen.
Von den Jüngern und ihrer Bedeutung beim Einzug in Jerusalem war schon die Rede. Von ihnen aus kommen wir zu der Gemeindearbeit, die natürlich auch ein äußerst wichtiges Arbeitsfeld ist. Die Jünger bereiteten alles vor, damit die Menschen Jesus als den Messias erkennen konnten. In gleicher Weise ist es der Auftrag unserer Gemeinde, den Menschen Zugänge zu ihm zu eröffnen. Die Gemeindearbeit tut dies, indem Suchende über eine Gemeindeveranstaltung oder einen Kreis einen Zugang finden zum Glauben. Ebenso sind Veranstaltungen, Gruppen und Kreise der Ort, wo wir uns von Christus in unserem Glauben bestärken lassen, wo wir uns zurüsten lassen für den Dienst an den Menschen. Auf unterschiedlicher Weise tauschen wir uns unter dem Wort Gottes über unseren Glauben aus. So gestärkt können wir dann davon Zeugnis geben in der Welt. Denn das ist unser eigentlicher Auftrag: dem Herrn den Weg zu bereiten. Darum darf die Gemeindearbeit nie etwas abgeschlossenes sein und sie darf niemals ein Selbstzweck sein. Als die Jünger nach Betfage gingen und den Esel abholten, da taten sie es um der Menschen in Jerusalem willen, nicht für sich selbst. Es ging um die anderen. Die sollten zum Glauben an Jesus, den Messias, finden.
Der Gottesdienst schließlich ist der Ort, an dem das alles zusammenfindet. Darum hatten wir ihn anfangs an das Ende des Leitbildtextes gestellt. Wir mussten dann aber feststellen, dass das missverständlich war. Er ist natürlich der Höhepunkt, das Finale unserer Überlegungen und alles andere als „das Letzte“. Im Gottesdienst begegnen sich die Menschen, die vielleicht als Besucher des Doms neugierig geworden sind auf den Gottesdienst. Hier kommen die, die sich berühren lassen von der Musik der Orgel, den Kantaten, dem Chorgesang, vielleicht auch dem eigenen Singen. Hier finden wir uns natürlich als Gemeinde zusammen und feiern in der Gegenwart des lebendigen Christus miteinander Gottesdienst. Der Gottesdienst eröffnet uns allen den Zugang zu dem gekommenen und kommenden Herrn. In seinem Wort und Sakrament begegnet er uns hier, wenn wir gekommen sind, um ihn zu loben und zu preisen. Hier im Dom stimmen wir ein in den Jubel der Menschen auf den Straßen Jerusalems. Wie sie loben und preisen wir Gott. Wie sie rufen wir das Hosianna – in der Abendmahlliturgie ja ganz buchstäblich. Im Gottesdienst stehen auch wir gleichsam am Straßenrand und begrüßen den kommenden Herrn. Wir preisen ihn, der in seinem Geist zu uns kommt: in der Verkündigung, in Taufe und Abendmahl. Wir preisen ihn, der eines Tages sichtbar zu uns kommen und unser Leben und unsere Welt neu machen wird.
Solange diese Welt noch nicht neu ist, sehen wir als Christen in der Domgemeinde aber auch unsere Verantwortung für diese Welt. Gott will sie nicht sich selbst überlassen; auch wir dürfen es nicht tun. So wollen wir Verantwortung übernehmen, indem wir beispielsweise das Gespräch in der Stadt befördern. Es gibt so vieles, wo es wichtig ist, miteinander anstatt übereinander zu sprechen. Die neuste Flüchtlingsdiskussion zeigt das überdeutlich.
Das sehen wir als den Auftrag der Domgemeinde an: Ein Zeugnis zu geben, dass Christus der Heiland der Welt ist; Menschen einen Zugang dazu zu eröffnen. Darum wollen wir „der Stadt Bestes suchen“; darum öffnen wir den Dom; darum bringen wir geistliche Musik zu Gehör; darum versuchen wir ein lebendiges Gemeindeleben zu gestalten; darum feiern wir in diesem wunderbaren Dom miteinander Gottesdienst – zum Lob Gottes und zum Zeugnis für die Menschen. So wollen wir versuchen, unserem Auftrag gerecht zu werden, als Domgemeinde dem Kommen des Herrn den Weg zu bereiten.
Amen.

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