Predigt zum Erntedankfest, 6. Oktober 2019

We are sorry - this page is not available in your language.
You might use Google Translate™ to get an automatically translated version of this page by clicking the following link:

Predigtarchiv

Predigt zum Erntedankfest, 6. Oktober 2019

06.10.2019

zu Jesaja 58, 7 - 12; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in der vergangenen Woche habe ich einige Male auf dem Weg ins Büro den Umweg durch den Kreuzgang genommen. Jedes Mal habe ich die Schönheiten des Kreuzgangs und die wunderbare Atmosphäre in ihm genossen.
Wir haben als Domgemeinde so viel Grund zur Dankbarkeit. Dass nun der Kreuzgang so schön wie vermutlich noch nie seit seiner Erbauung aussieht, ist einer davon. Aber auch wir Einzelnen können ja alle miteinander eigentlich nur dankbar sein. Wir leben in einer wunderbaren, jungen und lebendigen Stadt mit all den Vorzügen, die die Besucher immer wieder staunend bewundern. Jetzt sind wir Teil der Montanregion, die den Welterbetitel bekommen hat. Die meisten von uns haben eine ordentliche Arbeit. Wir hatten einen Sommer, der für den Wald zwar schlecht war, aber uns Menschen mit so viel Sonnenschein verwöhnt hat. Es gibt so viel Grund zur Dankbarkeit – nicht zuletzt auch für all die Erträge der Landwirtschaft, die heute unseren Altar schmücken.
Und doch ist die Unzufriedenheit in Freiberg und Umgebung so hoch, dass man es kürzlich am Wahlergebnis ablesen konnte. Wie kommt das?
Der Prophet gibt uns vielleicht eine Antwort darauf. Damals war die Unzufriedenheit auch sehr hoch im Landes Judäa. Die Mittel- und Oberschicht war aus dem Exil aus Babylonien zurückgekehrt in das Land der Vorfahren. Aber in den Jahren des Exils nach dem verlorenen Krieg gegen die Babylonier hatte sich nicht viel getan. Die Bauern, die bleiben durften, hatten ihre kleinen Felder weiter bestellt und sich so gut wie möglich über Wasser gehalten. Aber die Städte lagen nach wie vor in Trümmern. Insbesondere Jerusalem sah schlimm aus. Es gab keine Stadtmauer mehr, die gegen die Angriffe feindlicher Nachbarstämme hätte schützen können. Vor allem der Tempel des Gottes Israels war nach wie vor zerstört. Der Wiederaufbau war mehr als mühsam. Es ging nicht so recht voran. So hatten sich die Heimkehrer das nicht vorgestellt. Sie beteten zu Gott. Sie fasteten. Aber auch das half nichts. Gott ließ kein Wunder des Wiederaufbaus geschehen. Sie mussten weiterhin mühsam darum kämpfen, dass es voranging. So wurden sie unzufrieden. Sie haderten mit Gott. Sie klagten. Sie fragten sich, wo er denn wäre.
Der Prophet, dessen Worte im Buch Jesaja überliefert sind, hatte eine Antwort darauf. Er sah genau hin. Er konnte nicht übersehen, dass die Lage im Land zwar schwierig war. Es gab aber große Unterschiede. Da waren die einen, die wirklich bittere Not litten. Manche hatten nur noch Fetzen auf dem Leib, so dass sie buchstäblich nackt waren. Manche hatten es noch nicht geschafft, die Häuser ihrer Familie wieder aufzubauen und schliefen unter freiem Himmel. Andere sahen bleich und verhungert aus, weil sie einfach nicht genug zu essen hatten. Andere dagegen hatten etwas. Mancher fand das Haus seiner Großeltern noch einigermaßen intakt vor. Andere hatten sich genügend Kleidung aus Babylonien mitbringen können. Wieder andere beanspruchten das Land ihrer Familie wieder für sich und verlangten hohe Abgaben von den Bauern die sie bewirtschafteten. So hatten sie mehr als genug zu essen, während die Bauern hungerten.
Wenn es solche Ungerechtigkeiten unter uns gibt, sagte der Prophet im Namen Gottes, dann kann es nicht gut werden mit uns. Wie soll eine Gesellschaft vorankommen, wenn sie es duldet, dass die einen im Überfluss leben und die anderen in bitterster Armut? Wie könnte Gott euch seine Nähe und seinen Segen schenken, wenn Ihr euch für die Nöte eurer Mitmenschen verschließt? Kümmert euch um die Notleidenden unter euch. Dann werdet ihr spüren, wie Gott mit seinem Schutz und Segen nahe ist. Dann werden ihr erfahren, wie Gott euch stärkt und ermutigt. Dann werdet ihr auch sehen, wie es unter dem Segen Gottes vorangeht mit dem Wiederaufbau.
Liebe Gemeinde, die Probleme der Judäer von damals kommen uns vermutlich bekannt vor. Die Unzufriedenheit war damals groß und ist heute verbreitet. Zugleich nimmt die Ungerechtigkeit zu und eine Haltung der Mitmenschlichkeit ist immer weniger vorhanden. Was kümmern mich die Probleme der anderen? Ich habe meine eigenen Probleme. So sahen sie es damals und so sehen es viele unter uns heute.
Der Prophet stellt klar: Wenn jeder nur an sich selbst denkt, dann kann kein Segen auf dem Land liegen. Könnte das nicht auch der Grund für die verbreitete Unzufriedenheit bei uns sein? Unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem impfen uns von morgens bis abends ein, dass wir an uns denken sollen: Verbessere Dich: Trainiere Deinen Körper! Bilde Dich fort! Mache Karriere! Leiste Dir was: Mach schöne Reisen! Kauf Dir ein neues Auto! Bau Dir ein Haus oder kaufe eine Wohnung! Viele von uns haben all das und sind trotzdem nicht zufrieden mit ihrem Leben. Liegt es daran, dass all diese Dinge nicht zu unserer Zufriedenheit beitragen?
Martin Luther hat den Menschen einmal als ein Wesen beschrieben, das in sich selbst gefangen ist. Der Mensch neigt dazu, nur um sich selbst zu kreisen. Das kapitalistische Wirtschaften macht sich das zunutze. Der Mensch, der immer nur an sich selbst denkt, ist der perfekte Konsument und das perfekte Rädchen im Getriebe. Aber so abgekapselt von Gott und unseren Mitmenschen sind wir letztlich dann auch von uns selbst isoliert. Worauf es im Leben wirklich ankommt, das geht uns verloren. Das ist nicht zuletzt der Glaube und die Mitmenschlichkeit. Was unsere Gesellschaft uns stattdessen anbietet, kann kein Ersatz sein.
Aber wie finden wir die Zufriedenheit wieder? Der Prophet rät seinen Hörern dazu, sich für den Mitmenschen zu öffnen. Er ruft dazu auf zu teilen, also Verzicht zu üben. Offenbar ist gerade das das Geheimnis der Zufriedenheit und Dankbarkeit. Wenn man mit wirklich alten Menschen spricht, hört man oft den Satz: Wir hatten damals wenig, aber wir waren zufriedener. Mehr zu haben, macht offenbar nicht glücklicher. Liegt das Geheimnis der Zufriedenheit im Teilen und Verzichten? Der Prophet sieht es so! Im Verzichten liegt ein großer Reichtum. Bewusst etwas abzugeben, macht nämlich frei. Wenn ich meine Hand öffne, öffnet sich zugleich mein Herz. Ich werde offen für die Anrede Gottes. Ich spüre seine Nähe und erfahre, wie reich er mich beschenkt. Ich werde offen für das Gefühl der Dankbarkeit ihm gegenüber. Zufriedenheit breitet sich in mir aus. – Wenn ich meine Hand öffne, öffnet sich zugleich mein Herz. Ich werde offen für meine Mitmenschen. Der meine Unterstützung, meine Zeit, meine Kraft braucht, wird mir plötzlich zum Mit-Menschen. Ich trete ein in eine Beziehung zu ihm. Mein Leben wird bereichert. – Wenn ich meine Hand öffne, öffnet sich zugleich mein Herz. Ich werde offen auch für meine Mitgeschöpfe. Ihre Interessen bekommen Gewicht. Von den Nutztieren in den riesigen Ställen bis hin zu den Vögeln, die immer größere Probleme haben Nahrung zu finden. Ich fange an darüber nachzudenken, wie wir auch ihnen gerecht werden können. Die eigenen Interessen nicht immer in den Vordergrund zu stellen, ist auch hier der Weg. Dabei werde ich umso dankbarer für die Wunder der Schöpfung wie zum Beispiel das Zwitschern der Vögel, die immer noch zu hören sind.
Was uns also auch innerlich guttäte, wäre im Sinne des Propheten eine Bereitschaft zur Selbstbeschränkung und zum Teilen. Das würde im Übrigen auch helfen, die Probleme unserer Zeit in den Griff zu bekommen. Bei allen technologischen Fortschritten: Wir werden die Klimakatastrophe nicht abwenden können, wenn wir nicht endlich auch bereit sind, unseren Lebensstil anzupassen. Es wird weiter Flüchtlinge geben, solange wir die Länder des Südens weiter benachteiligen. Es wird weiter sozial ungerecht zugehen, solange wir nur auf den Preis achten und damit die Konzerne bevorzugen und die kleinen privaten Händler vom Markt verschwinden lassen.
Vielleicht wäre es ja eine neue Kultur der Selbstbeschränkung, die uns wieder besser zu uns selbst, zueinander und vor allem auch zu Gott finden ließe? Sie alle haben es ja an diesem Wochenende so gemacht. Man kann so ein langes Wochenende ja auch dazu nutzen, einen Kurzurlaub zu machen. Aber Sie alle sind hier geblieben. Die Zeit auf der Autobahn oder im Flugzeug hatten Sie für sich und andere Menschen. Heute nun haben Sie sich die Zeit genommen, um Gott für all die guten Gaben zu danken und um Gott damit auch näher zu kommen. Der Verzicht auf ein bestmögliches Ausnutzen der freien Tage hat es ermöglicht, dass die Dankbarkeit im Mittelpunkt stehen – und damit die Zufriedenheit wachsen kann.
Amen.

all news


Kommentare

No comments

Add comment

Fields marked with an asterisk (*) must be filled.

to top