Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020

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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020

05.07.2020

zu Römer 12, 17 - 21; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein altes Ehepaar hatte seit einiger Zeit eine Wohnungsnachba­rin, die mit allen Hausbewohnern verkracht war. Sie, die Wand an Wand mit ihr wohnten, hatten am meisten unter dieser Frau zu leiden. Als der alte Herr seinen 70. Geburtstag feierte, wollte keine Feststimmung aufkommen. Die Gäste schlichen auf leisen Sohlen umher, die Musik war kaum zu hören und kaum jemand traute sich, laut zu lachen. Denn beim geringsten Geräusch konnte es passieren, dass die Polizei an der Tür klingelte. Dann hatte die Nachbarin wieder zum Telefonhörer gegriffen und sich wegen ruhestörenden Lärms beschwert. Manchmal blieb es nicht einmal dabei. Sie hatte auch schon das eine oder andere Mal An­zeige gegen ihre Mitbewohner im Haus erstattet; aus allen mög­lichen Gründen. Nie waren diese Anzeigen weiter verfolgt wor­den, aber Ärger gab es dadurch dennoch genug.
Wie so oft, drehte sich auch an diesem Geburtstag das Gespräch am Kaffeetisch um die streitsüchtige Nachbarin. "Wie Ihr beide das aushaltet!" sagte der Schwiegersohn des alten Ehepaars. "Diese Frau könnte ich auf die Dauer nicht ertragen." – Die Gesichtszüge des Geburtstagskindes verfinsterten sich. "Die ist auch kaum zu ertragen, diese alte Hexe. Manchmal steigt in mir so ein Hass auf; ich könnte sonst was mit ihr machen. Dabei weiß ich im Grunde, dass sie eine ganz bemitleidenswerte Frau ist. Aber diese ewigen Schikanen..." - "Ihr könntet es Ihr doch einmal ordentlich heimzahlen“, meinte der Schwiegersohn. Dreht doch mal die Musik richtig laut auf. Am besten abends, wenn sie schon im Bett liegt. Dann sieht sie mal, was wirklich Ruhestörung ist. Und wenn sie sich bei der Polizei beschwert...; der glaubt das sowieso keiner mehr. Dafür hat sie die schon zu oft angerufen. Das könntet ihr euch doch zunutze machen. Oder geht Ihr doch selbst mal zur Polizei und zeigt sie an wegen Nötigung oder so. – "Nun reg dich mal nicht unnötig auf", sagte die Tochter zu ihrem Mann. "Meinst Du, das bringt etwas? Das ein­zige, was dabei herauskommt, wird sein, dass sie noch ver­rückter wird. Damit ist dann keinem geholfen. – Könnt Ihr nicht einmal zu ihr hingehen und ein vernünftiges Ge­spräch mit ihr führen?" fragte sie ihre Eltern. "Vielleicht könnte man ja doch noch einen Weg zueinander finden. Ihre seid doch bisher mit allen Nachbarn hier im Haus gut ausgekommen." – "Das haben wir doch mehr als einmal getan", wehrte ihre Mutter ab. "Es hat überhaupt nichts gebracht. Die sucht ja regelrecht den Streit. Nicht einmal mit den Schröders von ganz oben kommt sie gut aus. Und das sind ja nun wirklich ganz liebe Leute. Wie oft haben die schon versucht, mit ihr zu reden. Die sind auch immer ganz freundlich zu ihr. „Sie ist doch ein ganz armes Wesen“, hat die junge Frau Schröder neulich erst zu mir gesagt. „Wissen Sie, wir können doch nicht einfach Böses mit Bösem vergelten.“ Aber die hat ja auch gut reden. Die wohnt ja nicht direkt neben oder über der Frau." – "Und zu den Schröders ist sie auch noch so hässlich?" fragte die Tochter. "Na ja, ein bisschen umgänglicher als am Anfang ist sie schon geworden, glaube ich. Aber uns gegenüber hat sie sich kein bisschen geändert." – "Vielleicht solltet Ihr Euch überlegen, hier wegzuziehen," mischte sich die Schwester des alten Herrn ein. "Die Wohnung ist doch ohnehin viel zu groß für Euch." – "Wir wollen hier aber eigentlich nicht fort" sagte ihre Schwägerin. "Wir haben uns hier doch immer sehr wohlgefühlt. Am besten rede ich mal mit unserem Vermieter. Vielleicht kann der ihr ja mal klarmachen, wie man sich in diesem Haus aufzuführen hat.“
Liebe Gemeinde, es bleibt wohl kaum jemandem erspart, dass er so etwas in der Art erlebt. Plötzlich hat man jemanden zum Gegner. Es kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, sagt schon ein altes Sprichwort. Aber nicht nur zu Hause kommen solche Dinge ja vor. Gerade am Arbeitsplatz oder in den Schulen wird das zunehmend zum Problem. Mobbing nennt man die sich ausbreitende Unsitte, Mitschüler oder Kollegen seelisch fertig zu machen. Da werden böse Bemerkungen gemacht, da wird jemand geschnitten, da werden Intrigen gesponnen und es kann auch mal zu Handgreiflichkeiten kommen. Das wurde erst in der vergangenen Woche im Konfirmandenunterricht plötzlich zum Thema. – Wie geht man um damit, wenn man in solch eine Lage kommt?
"So etwas darf man sich nicht gefallen lassen. Da muss man sich wehren und es dem Gegner mit gleicher Münze heimzahlen." Das rät der Schwiegersohn. Aber kann das eine Lösung sein? Wird sich der Konflikt nicht immer weiter vertiefen, wenn man ihm mit Bösem begegnet?
Die Tochter hat da schon Recht. Die streitsüchtige Nachbarin würde sicherlich nicht entspannter werden, wenn man ihr nun seinerseits die Hölle heißmachen würde. Aber es gibt auch noch einen anderen Grund dafür, dass der Apostel Paulus seiner Gemeinde davon abrät, Böses mit Bösem zu vergelten. „Gebt Raum dem Zorn Gottes“, schreibt er an die Christen in Rom. Damit meint er zwei Dinge: Einmal, dass diejenigen, die uns das Leben schwer machen, eines Tages unserm Herrn begegnen werden. Dann werden sie vor ihm darüber Rechenschaft ablegen müssen, was sie anderen angetan haben. Dem sollen und brauchen wir nicht vorzugreifen. – Zum anderen aber steckt hinter der Ermahnung des Paulus die Erinnerung daran, dass wir als Christen aus der Vergebung Gottes leben. Gott hat nicht Rache an der Menschheit geübt, dafür, dass sie sich von ihm abgewandt hat. Er ist in seinem Sohn vielmehr für uns in den Tod gegangen. Von dieser am Kreuz geschehenen Vergebung Gottes leben wir als Christen. Und das sollte unser Maßstab sein, wenn wir im Konflikt mit anderen stehen.
Böses mit Bösem zu vergelten, das kann also nicht die Lösung sein. Aber das Böse einfach zu erdulden, ist auch keine. Denndann wird das Böse immer mächtiger und entfaltet seine zerstörerische Wirkung. Auch aus diesem Grund schreibt der Apostel: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden.“
Aber wie gehen wir dann mit Leuten wie der streitsüchtigen Nachbarin aus meiner Geschichte um? Paulus schreibt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Es geht also um einen Widerstand gegen das Böse, aber nicht mit bösen Mitteln. So wie Jesus ja vorgeschlagen hat, seinem Gegner die andere Wange hinzuhalten und so aktiv ge­gen das Böse mit Gutem vorzugehen. In meiner Geschichte ver­sucht die junge Frau Schröder, so zu handeln. Sie stempelt die Nachbarin nicht als alte Hexe ab. Sie geht auf sie zu, versucht mit ihr zu reden. Und das ja nicht ganz ohne Erfolg. – Manchmal kann das wirklich Wunder wirken, wenn man sich überwindet, auf jemanden zugeht und das Gespräch mit ihm sucht. Plötzlich wird klar, dass der Konflikt auf einem Missverständnis beruht. Oder einer lernt, wo die Schmerzgrenze des anderen ist und dass er die versehentlich überschritten hat. Oder einer versteht wenigstens besser, warum die andere sich so verhält, wie sie es tut.
„Überwinde das Böse mit Gutem." Das ist ein Ratschlag, der nicht nur dem Evangelium von Jesus Christus gemäß ist, son­dern der zudem auch sehr vernünftig ist. Aber manchmal klappt es auch nicht. Da werden die Gesten der Versöhnung und die Kompromissbereitschaft als Schwäche ausgelegt. Da wird der gute Wille des anderen ausgenutzt, ohne dass sich etwas ändern würde. Da gehen alle Schritte zum Frieden ins Leere. Diese Erfahrung hat das ältere Ehepaar aus meiner Geschichte gemacht. Ihr eigener Versuch, mit der Nachbarin ins Gespräch zu kommen hat keinen Erfolg gehabt. Vielleicht haben sie es mit zu wenig Geduld und Freundlichkeit versucht. Vielleicht haben sie noch nicht die Gelegenheit gehabt, genügend feurige Kohlen auf das Haupt der Nachbarin zu sammeln, wie es Paulus seiner Gemeinde empfiehlt. Vielleicht wird sie ja mal krank und ist dann froh, dass sie Nachbarn hat, die sich um sie kümmern. Aber vielleicht ist mit dieser Frau eine Versöhnung schlicht nicht möglich. Vielleicht liegt eine psychische Störung vor. Das gibt es ja leider auch. Für solch einen Fall gilt wohl die Einschränkung, die der Apostel macht: "Ist es möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden." Manchmal ist es eben auch nicht möglich. Und dann müssen Lösungen her, wie die Frau des alten Herrn sie überlegt: dass sie zum Vermieter gehen will, da­mit der eine Lösung herbeiführt. Notfalls durch eine Kündigung.
Paulus aber würde uns raten, wir sollten es vorher als Christen doch versuchen, ob nicht die Methode Erfolg hat, die er der Gemeinde in Rom vorgeschlagen hat:
"Wenn dein Gegner hungert, so gib ihm zu essen. Dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwin­den, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“
Amen.

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