Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020

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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 2020

28.06.2020

zu Micha 7, 18 - 20; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
nun zeigen sie alle mit dem Finger auf Herrn Tönnies und seine Fleischfabrik. Die Corona-Epidemie hat es deutlich gemacht: Nicht nur Schweine und Rinder müssen für die Profite dieser Firma leiden. Auch Menschen werden geradezu in Massen gehalten. Dann leben eben vier Erwachsene in dem, was mal für eine Person gedacht war und völlig heruntergekommen ist. Wen kümmert es? Die Epidemie hat da etwas zutage gefördert, was einfach ein Skandal ist.
Kennen Sie das schöne Sprichwort, dass vier Finger auf einen selbst zurückweisen, wenn man auf einen mit dem Finger zeigt? Es steckt sehr viel Weisheit darin. Denn müsste es uns nicht wundern, dass Fleisch ständig derartig billig zu kaufen ist? Müssten wir nicht darüber staunen, dass die Fleischtheken selbst kurz vor Ladenschluss noch überquellen? Gibt es keine Erinnerungen mehr an die Zeiten, als Fleisch nur als Sonntagsbraten auf den Tisch kam, weil es für den Alltag viel zu teuer war?
Ja, ein Herr Tönnies und seine Kollegen profitieren in einem unverschämten Maße davon, dass Äcker überdüngt werden, dass Tiere unter schlimmsten Bedingungen gehalten werden, dass Menschen unter unwürdigen Bedingungen in unserem Land wie Sklaven arbeiten. Aber wir alle machen das erst möglich. Wir Verbraucher kaufen viel zu viel von dem viel zu billigen Fleisch. Wir Verbraucher gehen der Werbung auf den Leim, die uns mit immer niedrigeren Preisen verführt. Wir Verbraucher machen es möglich, dass die kleinen Fleischer um die Ecke verschwunden sind und ein Herr Tönnies Menschen und Tiere misshandelt.
Es sind die Katastrophen, die so etwas aufdecken. In unserer Zeit ist es eine weltweite Epidemie. Sie hat Hunderttausende von Menschen das Leben gekostet, unzählige Existenzen ruiniert und sie bürdet den kommenden Generationen in Deutschland eine riesige Schuldenlast auf. Im alten Israel waren es furchtbare Kriege. Sie verwüsteten das Land. Sie führten zur Zwangsvertreibung der Stadtbevölkerung ins Exil. Sie stürzten das Land ins Chaos.
Im alten Israel führte das wenigstens Einige zum Nachdenken. Vieles von ihren Erkenntnissen können wir im Alten Testament nachlesen. Sie sahen in der Katastrophe eine Folge der Schuld des Volkes. Schon Propheten wie Jesaja, Jeremia, Amos und eben Micha hatten gewarnt. Es würde verheerende Konsequenzen haben, wenn das Volk sich weiterhin anderen Göttern zuwendete. Es würde nicht gut ausgehen können, wenn die sozialen Missstände in Israel nicht endlich abgestellt würden. Aber nichts tat sich. Alle machten sie miteinander weiter, als gäbe es keine mahnenden Stimmen. Das und genau das hatte dann zu der angekündigten Katastrophe geführt.
Ist es bei uns heute nicht genau so?
Schon heute lässt sich ein ganz ähnlicher Zusammenhang erkennen zwischen menschlichem Fehlverhalten und den Katastrophen unserer Zeit. Auch wir wenden uns anderen Göttern zu und tun nichts gegen die wachsende Ungerechtigkeit. Nur noch die Hälfte der Deutschen gehört einer Kirche an. Stattdessen hat sich – übrigens nicht nur die andere Hälfte – den Göttern des niedrigen Preises, des leichten Spaßes und des billigen Konsums verschrieben. Gestern war in der Freien Presse zu lesen, dass die Produktion nachhaltiger Schutzkleidung in Deutschland schon wieder gefährdet ist, weil die billigen Wegwerfprodukte aus China wieder zu Verfügung stehen – obwohl die Möglichkeit der Mehrfachnutzung das Produkt aus dem Vogtland letztlich preiswerter sein lässt und die Umwelt schont. Heute müssen/mussten wir auf dem Domvorplatz an einer Kneipenszenerie vorbei, wenn wir zum Gottesdienst wollen/wollten. Morgen werden wir wieder eine Werbung im Briefkasten haben, die mit Niedrigpreisen wirbt. Lernen wir denn gar nicht? Ist es uns denn völlig egal, was dieser Lebensstil für Mensch, Tier und Natur an Leid und Zerstörung bedeutet? Dass sich auch dadurch die sozialen Unterschiede enorm vertiefen? Es ist damals wie heute. Und wieder weist eine Katastrophe als dessen Folge auf menschliches Fehlverhalten hin.
Dennoch endet ein biblisches Buch wie das des Propheten Micha nicht in Verzweiflung oder Resignation. Es endet vielmehr mit dem Erbarmen Gottes. Die gemeinsame Schuld des Gottesvolkes kann und wird nicht das letzte Wort haben. „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen“, so lesen wir. Gesagt ist es den Menschen, die die Katastrophe überlebt haben, aber dennoch schwere Zeiten durchmachen. Sie sehen noch immer kein Licht am Horizont. Aber da steht einer auf und redet in Gottes Namen von dem Erbarmen Gottes und seinem Kampf gegen die menschliche Schuld. Denn es ist ja ein Kampf, der hier geschildert wird. Die Schuld wird gewaltsam zertreten. Sie wird mit aller Kraft in die Tiefe des Meeres geworfen. Gott lässt es sich etwas kosten, unsere menschliche Schuld buchstäblich aus dem Weg zu räumen; aus dem Weg, der uns zu ihm führt.
Als Christen wissen wir, wie Gott das bewerkstelligt hat. Er ist in Jesus von Nazareth ein Mensch geworden. Er hat es sich das Leben dieses seines Sohnes kosten lassen, die Schuld aus dem Weg zu räumen. Ohne das Kreuz stünde sie immer noch zwischen uns und Gott. Gottes Erbarmen ist alles andere als ein Wegwischen von Schuld. Am Kreuz hat Jesus laut und verzweifelt geschrien – und nicht „Alles gut!“ gesagt. Am Kreuz ist gerade auf diese Weise Gottes Erbarmen mit uns zur fassbaren Wirklichkeit geworden. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt? fragt der Prophet zu Recht.
Aber wird uns dieses Erbarmen Gottes auch aus der Katastrophe wieder herausführen, wie er Israel aus dem Exil zurückführte und einen Neuanfang möglich machte, wenn auch unter schwierigsten Bedingungen? Werden wir die Treue Gottes erleben, auf die der Prophet unbeirrbar vertraut, die er seinen Zuhörern ins Herz legt und auf die er Gott geradezu festlegt?
Viel wird in meinen Augen davon abhängen, ob wir dem Umkehrruf, den diese Epidemie bedeutet, folgen. Momentan sieht es so aus, als wollten alle möglichst schnell wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Das kann und wird nicht gut gehen. Aber im Bewusstsein des Erbarmens Gottes können wir unser Leben neu ordnen. Im Vertrauen auf das Erbarmen Gottes ist ein Neuanfang möglich. Die Epidemie hat es uns doch vor Augen geführt: Unser Leben wird nicht dadurch besser, dass wir viel und billiges Fleisch essen, ständig unsere Kleidung austauschen, alle zwei Jahre in neues Handy bekommen oder gar dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen. Die Zeit des Herunterfahrens des öffentlichen Lebens hat doch gezeigt, dass es auch anders geht. Viele haben sich auf das besonnen, was wirklich zählt. Das stille Gebet in einer offenen Kirche, der gemeinsame Gottesdienst – und sei es über das Fernsehen, das Miteinander in der Familie oder mit den Menschen, denen wir während des Herunterfahrens nicht begegnen durften. Viele haben neu erkannt, dass darin und nur darin wirklich der Reichtum eines Lebens liegt – und nicht in dem, was sich beispielsweise da draußen vor der Domtür abspielt. Dass wir uns neu besinnen konnten auf das, was wirklich zählt, auch darin wird Gottes Erbarmen sichtbar.
Nicht die Schuld hat das letzte Wort, sagt uns das Michabuch an seinem Ende, sondern das Erbarmen Gottes. Am Kreuz Jesu ist das unübersehbar geworden. Darum dürfen wir die Worte, die da gesagt werden, auch auf uns beziehen: „Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen.“ Gott wird uns nicht allein lassen mit all unserem Fehlverhalten. Er wird uns die Treue halten. Gerade in dieser Epidemie erleben wir es zeichenhaft immer wieder. Wie viel Schaden menschliche Schuld und menschliche Dummheit auch anrichten mögen, Gottes Erbarmen ist stärker. In seiner neuen Welt wird alles geheilt sein, was wir angerichtet haben. Aber auch schon in dieser Welt erleben wir, dass Gottes Erbarmen uns eine Rückbesinnung auf das Wesentliche ermöglicht und Wege zur Umkehr bahnt. Wir brauchen sie nur zu gehen. Im Vertrauen auf Gottes Erbarmen können wir sie gehen.
Amen.

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