Predigt zum Berggottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juni 2018

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Predigt zum Berggottesdienst am 4. Sonntag nach Trinitatis, 24. Juni 2018

25.06.2018

zu Johannes 10, 9 - 10; gehalten von Pfarrer Frank Meinel (Pfarrer an der St. Wolfgangskirche in Schneeberg)

Liebe Gemeinde, liebe Bergschwestern und Bergbrüder aus Freiberg und Umgebung,
durch das Portal aus dem Jahre 1501 hier am Dom St. Marien ist gerade die Bergparade eingezogen. Die Goldene Pforte, die ich schon als Kind mit meinen Eltern bestaunte, war vor über 500 Jahren, der Zugang zum Dom.
Vielleicht hat das Umsetzen des Kunstwerkes seine Erhaltung begünstigt. Viel später haben die Architekten Schilling und Gräbner, die auch bei uns in Schneeberg an  St. Wolfgang wirkten, jene schöne Vorhalle angebaut, die die Erinnerung und ihre Gegenwart schützt. Bis heute dürfen wir als Besucher des Domes beide Pforten durchschreiten. Manchmal so feierlich, wie heute!
Der Gedanke: durch ein Tor, eine Tür in etwas hinein zu treten; drinnen zu sein, dazu zu gehören, begegnet uns auch in einem der Ich-Bin-Worte Jesu im Johannesevangelium. Christus spricht:
Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden…(denn) ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.

Man kann die Bergparaden, die in unsere Kirchen im Erzgebirge durch weit geöffnete große Türen einziehen, als eine Auslegung des Christuswortes begreifen.
In unseren Bergumzügen spiegelt sich unsere Identität, unser Selbstsein, unsere Würde und Kultur im Erzgebirge.
Dahinter steht die tiefe Verbindung zwischen der Erfahrungswelt aller im Bergbau, im Montanwesen und seinen Wissenschaften Arbeitenden und dem christlichen Glauben. So, wie es einer der bedeutenden Lutherschüler, Johann Mathesius, der einst in Joachimsthal wirkte, als erster beschrieb und formte – bis hin zum Höhepunkt in der erzgebirgischen Weihnacht.
Das sind tiefe Wurzeln, Eingänge unseres Lebens mit einem Kraftstrom bis heute. Ähnlich wie das Portal und die Goldene Pforte am Dom zu Freiberg.
Freilich: man kann auch manchmal Probleme beim Durchschreiten von Portalen und Türen bekommen. Vielleicht, wie in einer tatsächlich passierten Geschichte.
Der berühmt gewordene Papst Johannes der XXIII, Roncalli hieß er mit bürgerlichem Namen, besuchte Anfang der 1960er Jahre in Süditalien ein Kloster mit Namen Il Santo Spirito, Zum Heiligen Geist.
Dort lebten Nonnen. Natürlich war die Aufregung riesig, als sein Besuch angekündigt wurde.
Das Kloster wurde auf Vordermann gebracht.
Man dachte an alles; es wurde geputzt, gewienert, gewaschen, renoviert.
Man wollte den hohen Besuch möglichst perfekt vorbereitet empfangen. Der große Tag kam und die päpstliche Delegation erschien vor dem Portal, wie die Bergparade am Freiberger Dom.
Drinnen wartete die Mutter Oberin und wollte die Tür öffnen. Aber, oh Schreck! Sie war verschlossen - wie das in Klöstern so ist - und der Schlüssel war weg.
Den hatte sie in der ganzen Aufregung verlegt, vergessen.
Der päpstliche Aufzug musste warten.
Die Ärmste litt Qualen. Die Schwestern stoben los.
Es dauerte, bis die Schwester Hausmeister gefunden war; die hatte das Zweitexemplar. Endlich ging die Türe auf. Unsere gute Oberin war fix und fertig.
Sie verneigte sich vor Roncalli und stotterte:
Entschuldigen Sie,
Heiliger Vater, ich bin die Oberin vom Heiligen Geist. ….
Der Papst fing laut an zu lachen und antwortete liebevoll:
Oh Schwester, da haben Sie es aber gut, wenn Sie die Oberin vom Heiligen Geist sind. Ich bin nur der Stellvertreter Christi auf Erden.

Manchmal bleiben Pforten verschlossen. Weil wir den Schlüssel verloren haben. Vielleicht deshalb, weil wir so perfekt sein wollen. Vielleicht auch, weil wir unsere Rolle überschätzen. Wir denken an alles und vergessen das Wesentliche.
Was ist das, was nach unserem Glauben einen Menschen so öffnet, dass er in seinem Herzen, in seinem Alltag Halt und Frieden findet?
Es liegt nicht darin, auf jede Eventualität vorbereitet zu sein, sondern an einer inneren Gelassenheit; man kann auch sagen: am Vertrauen oder am Glauben.
Das meint dasselbe.
Vertrauen, das Gelassenheit mit sich selbst und der Umwelt fördert, ist ein Beziehungsgeschehen.
Ich öffne Herzenstüren. Ich achte weniger darauf, alles richtig zu machen, um mich keinem Vorwurf auszusetzen, sondern öffne mich selber für das wovor ich stehe.
Das Problem unserer guten Oberin, die sich dann, ohne es zu merken mit dem Heiligen Geist verwechselt, könnte auch eine unserer Schwierigkeiten beschreiben. Wir schauen zu sehr auf uns, und verlieren dadurch den Schlüssel. Dabei ist es egal, ob wir etwas gutmeinen, oder nicht.  Die liebenswürdige Nonne wollte es ja auch nur richtigmachen.
Richtig informiert, immer online, könnte man heute sagen. Buchstäblich ständig unter Strom.
Ich war vor einiger Zeit in Berlin und fuhr dort viel Bahn und Bus. Gefühlt starren von 50 Leuten, die in einem Wagen fahren,  40 ununterbrochen in ihr Handy und wischen darauf herum. Manche bekommen andere gar nicht mehr mit. In unserer Gegend lief vor einiger Zeit ein Jugendlicher mit Stöpseln im Ohr und der Scheibe vor Augen in ein Auto.
Er wusste wahrscheinlich viel aus dem Netz, aber in dem Moment nicht das Wichtige: nämlich aufzupassen, was da um ihn geschieht.
Er trat nicht durch offene Tore, sondern rannte gegen Blech, obwohl er alles buchstäblich in Händen glaubte. Glaubte!
Hier haben wir das mit dem Glauben wieder.
Woran hänge ich mein Herz? Was bestimmt mein Fühlen und Denken?
So begann vor einem halben Jahrtausend der kluge, aber einsame Bergmannssohn Martin Luther zu fragen.
Ihn hatte ein Schicksalsmoment, ein fürchterliches Gewitter, aus der Bahn seiner Karriere geworfen. Er geriet in Todesangst: was wird mit mir, wenn ich jetzt getroffen werde, schwer krank werde, vielleicht sterbe?
Er ging in ein Kloster und wurde fast verrückt, weil er auch dort den Schlüssel zu seinen Lebensfragen nicht fand.
Gott erbarmte sich seiner.
Er hatte einen wunderbaren Seelsorger, seinen Abt und geistlichen Vater  Staupitz.  Der schenkte ihm ein Kreuz und lehrte ihn zu Jesus Christus zu beten.
Nicht: Herr gib, dass ich alles richtigmache – sondern:
Ich bin Dein, Christus, erlöse mich!

Ich bin dein, ich stehe in Beziehung zu dir!
Dann schickt der weise Chef den klugen Bergmannssohn, die Bibel zu studieren und auch gleich jungen Menschen zu lehren.
Da begriff er immer mehr: die Tür ist auf. Ich bin schon drinnen.
Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, ist das Tor zum ewigen Leben.  Er hat mir mit seiner Liebe aufgemacht. Ich werde erfüllt.
Ich bekomme das Leben vor und nach dem Tod neu geschenkt!
Da wurde der Sohn der Bergmannsfamilie, der er wurde.
Bis heute, für das deutsche Land, die Christenheit und viele gute Neuanstöße.
Z. B. auch für das Erzgebirge, für Freiberg und Schneeberg.
Die einfachen Bergleute, aber genauso alle, die eine besondere Verantwortung im Montanwesen hatten, schienen nur darauf gewartet zu haben. Es öffneten sich Türen!
Die Menschen fühlten einen Eingang in ein befreites Lebensverständnis.
Die Schulen und Hochschulen, wie hier in Freiberg, explodierten förmlich.
Städte entwickelten sich, ein Sozialwesen nahm Gestalt an.
Die Berufe bekamen neue Würde.
Das alles, so verstanden sie plötzlich, ist Gottesdienst, nicht nur das, was der Pfarrer predigt.
Im Schacht der Existenz wurde Licht.
Es war das Licht des Gotteswortes, das sie nun lesen und verstehen konnten.
Martin Luther schrieb später in der Vorrede zu seiner ersten Werkausgabe 1534 sinngemäß: Damals, als ich Christus erkannte, fühlte ich mich ganz und gar wie neugeboren und trat durch offene Pforten in das Paradies selbst ein.
Durch offene Pforten sind wir auch heute eingetreten.
Wir dürfen wieder und wieder kommen. Gott hat seine Tür aufgemacht, auch für dich und mich.
Denn Christus verheißt uns:
Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden…(denn) ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.

Du kommst mit ihm nach Hause. In dein inneres Zuhause.
Du darfst leben, auch mit allen Wunden. Sie sind nicht das Letzte. Die Tür ist auf.
Bis heute wollen unsere Kirchen mit den einziehenden Bergparaden im Erzgebirge, Sinnbild jener Heimat, jenes Zu Hause Seins werden.
Lasst es uns bewahren; für unser Leben, hier und in Ewigkeit.
Ich wünsche allen ein gesegnetes und fröhliches Bergfest in Freiberg.
Amen.    

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