Predigt am Reformationstag (31.10.2017) zum 500. Reformationsjubiläum

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Predigt am Reformationstag (31.10.2017) zum 500. Reformationsjubiläum

31.10.2017

zu Matthäus 10, 26 - 33; gehalten von OLKR Dr. Peter Meis

Liebe Festgemeinde an diesem  31. Oktober 2017,
was diesen Tag heute so besonders macht, ist seine Ambivalenz.
Einerseits ist es wirklich erhebend, landauf und ab, - ja heute weltweit verbunden zu sein mit mehr als einer Milliarde anderer Christen, die ein halbes Jahrtausend Reformation feiern. Auf der Webside des Lutherischen Weltbundes können Sie z. B. heute von 11 - 23 Uhr z. B. einen Livestream ansehen, der zu einer Reise um den Globus einlädt. Gottesdienste der 147 Mitgliedskirchen aus allen Erdteilen zeigen, wie unterschiedlich und doch gemeinsam gefeiert wird.
Und dass die Einführung der Reformation hier in Freiberg dank der Intitiativen einer Frau - der des Herzoges Heinrich des Frommen (im damals albertinischen Sachsen) eine besondere Rolle gespielt hat, das darf nach 480 Jahren auch noch einmal voll Respekt gesagt werden. Bleibend erinnert ja hier im Dom das Altarbild an das Empfangen des Abendmahles in Brot und Wein aller Freiberger Gottesdienstbesucher. Dass sich die Reformation tatsächlich zu einer „Weltbürgerin“ entwickelt hat, das rücken in diesen Tagen ein Fülle von Entdeckungen, Veröffentlichungen und Initiativen in den Blick.
Andererseits feiern wir dieses Fest unter wenig beglückenden Umständen. So berechtigt die Stimmen sind, die das Jubiläumsjahr und die vorausgehende Refomationsdekade als Bildungserfolg, als ökumenischen Fortschritt oder als Entdeckungsreise für spirituell Sehnsüchtige (nicht nur auf den Lutherwegen) preisen – so ungebrochen nehmen die Mitgliederzahlen der Kirchen und damit ihrer Finanzen ab. Und das am empfindlichsten in den Kernländern der Reformation.
Vor allem aber muss uns beunruhigen, dass die starken Impulse der Reformation, die so gründlich verändernd in die Gesellschaft hineinwirkten – etwa die Freiheit, die souveräne Freiheit eines Christenmenschen, der Mut zum Bekenntnis oder die Stärkung der Individualität – heute nicht zur Stabilisierung der Gesellschaft beitragen. Sondern zu neuen Ängsten. Nicht erst der Wahlausgang im September hat das allen vor Augen geführt.
Es sieht also so aus, als seien wir hinsichtlich der diffusen Ängste auf die Anfänge zurück geworfen. Nicht nur der Reformation – sondern auf die der Kirche überhaupt.
Der Predigttext dieses Reformationstages nimmt uns mit auf diesen Weg zum Anfang. Als solcher ist er freilich ein Weg in die Fremde. Nicht nur, weil der Abschnitt selber fremd und schwer erscheint. Sondern weil wir in ihm mit den Jüngern selbst in die Fremde geschickt werden.
Als Teil der Aussendungsrede, in der Jesus seine Jünger auf mögliche Verfolgungen vorbereitet, ist der Abschnitt ähnlich wie ein Lied strukturiert: Drei verschiedene Verse, drei unterschiedliche Worte Jesu, die durch einen Refrain verbunden sind. Dreimal wiederholt Jesus: „Darum fürchtet euch nicht.“
Offenbar gab es Gründe, die Angst machen.
Der erste ist die Undurchsichtigkeit. Was verhüllt ist, verborgen im Dunkel, macht Angst. Heimliches ist meistens unheimlich:
Was wächst da verborgen in meinem Körper? Was reden die hinter den verschlossenen Türen der Chefetage über die Zukunft meines Arbeitsplatzes? In welchen Hirnen brauen sich die nächsten Anschläge zusammen?  Die Undurchsichtigkeit der Zukunft  macht Angst.
Damals war es die Furcht  vor möglichen Verfolgungen, die die Jünger als Wanderprediger zu erwarten hatten.
Unsere Ängste – jedenfalls in Mitteleuropa - mögen andere sein: Das Gefühl, abgehängt, isoliert zu sein, nicht mehr mitzukommen in der digitalisierten Welt. Oder verfolgt zu werden von der Sorge um die Zukunft der Kinder, unserer Kirche oder dem brüchigen Sozialgefüge.
„Darum fürchtet euch nicht vor ihnen.“ So begegnet Jesus all diesen Ängsten. Und in der ersten Strophe. „Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ Die Konsequenz daraus:
„Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.“
Das heißt nichts anderes als „den Stier bei den Hörnen zu packen“. Es gehört ja auch zu unseren Erfahrungen: „Nichts bleibt verborgen und nichts geheim, was man nicht wissen wird.“ Etwas ins Ohr geflüstert, weiß morgen schon die ganze Stadt. Man muß nur eine Sache für vertraulich erklären, um sicher zu gehen, dass sie demnächst öffentlich wird. Die modernen Medien und sozialen Netzwerke besorgen das heute in Sekundenschnelle – und weltweit.
Sicher werden (auch durch sie) nicht alle Dinge offenbar. Weder wird alles Gute erhellt noch alle Verbrechen aufgeklärt. Jesus hält  es ja auch offen, ob das Verborgene in dieser Weltzeit oder in der Ewigkeit dem Zwielicht entrissen wird.
In beiden Fällen aber darf uns das nicht nur trösten. Es leitet vielmehr dazu an, besser gleich die Öffentlichkeit zu suchen. Was die Sonne ohnehin ans Licht bringen wird, kann darum jetzt schon auf den Dächern verkündigt werden. Zumal es hier nicht um das Ausposaunen von Skandalen geht. Sondern um die Verkündigung des Wortes Gottes.
Mit ihm sollen wir andern aufs Dach steigen. Den Dunkelmännern das Geheimnisvolle nehmen. Das Zwielichtige  im Licht des Evangeliums erhellen.
Die Reformation ist für diesen Mut zur öffentlichen Verkündigung biblischer Einsichten ein energiegeladenes Beispiel.
Sich ein Herz fassen und die Dinge beim Namen zu nennen, das Evangelium nicht verschämt, sondern unverschämt – d. h. im guten Sinne unbescheiden zur Sprache zu bringen, das ist nicht nur theologisch – das ist auch psychologisch ‚ausgesprochen‘ heilsam. Denn was wir beim Namen nennen – nicht erst auf den Dächern – das verliert das Diffuse. Und damit die Angst.
Die zweite Strophe reicht freilich noch tiefer ins Mark.  
„Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“
Das mag uns fremd erscheinen. Aber hier geht es nun  tatsächlich um handgreifliche Verfolgungen, die sich in vielen Ländern des Nahen Ostens grausam fortsetzten - gegenüber Christen, an Menschenrechtlern und ganzen Bevölkerungsminderheiten.
Was also heißt das für uns, die wir über 70 Jahre in Frieden und meist ohne schwere Verfolgungen haben leben dürfen?
Abgesehen davon, dass wir satten Mitteleuropäer vielleicht auf mehr Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind, als uns bewusst ist – im Kern stellt sich hier die Frage: Wie halten wir es mit der Gottesfurcht? „Fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“
Damit ist ja nicht der Teufel gemeint. Gott selber ist es, in dessen Hand ewiges Leben oder ewiger Tod liegen. Für gewöhnlich verdrängen wir diesen Gedanken, ziemlich erfolgreich. Wir haben zwar vor Vielem Angst: Vor Rezensionen, Krankheit, vor wirtschaftlichen Einbrüchen, vor Lebensmittelskandalen oder ungebremsten Terror. Nur nicht vor Gott.
Luther hat noch unsäglich gelitten unter der düsteren Vorstellung, er könne mit seinem Leben vor Gott nicht bestehen. Vor diesem Hintergrund mittelalterlicher Weltangst - und das war immer auch Gottesangst - ist es wohl die umwerfendste Entdeckung der Reformation, dass wir angstfrei unser Leben vor Gott führen dürfen. Nicht weil, sondern obwohl wir selbstbezogene Sünder sind und bleiben. In der Epistel haben wir diesen Grundtext der Reformation gehört.
Jesus selber illustriert diese gerechtfertigte Gelassenheit an einem kleinen Alltagsbeispiel: So armselig und wertlos die Spatzen sind – sie waren damals in Palästina sozusagen „der Geflügelbraten der kleinen Leute“ – so sicher ist die Zusage:
Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“
Diese befreiende Entdeckung, angstfrei vor Gott leben zu dürfen,  hat Jesus in der letzten Strophe noch einmal so gewendet:
„Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.
Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.“

Alle Menschenfurcht, also die begründeten und unbegründeten Ängste, die wir menschlichen Instanzen gegenüber haben, legen sich, wenn wir die Gottesfurcht nicht verlieren.
Diese dritte Strophe will ja darauf hinaus:
All unser Bekennen und Verleugnen kommt im Himmel an. Das Fenster zum Himmel ist niemals geschlossen. Auch wenn wir es von unserem selbsterzeugten Schmutz nicht reinigen oder gar mit schweren Möbeln zustellen, so als gäbe es diese lichterfüllte Öffnung zur Ewigkeit gar nicht.
Dort aber wartet Jesus auf, um uns mit unserem Vermögen und dem, was wir nicht vermögen, selber zu vertreten.
Es ist daher ein Glücksfall, um diesen Fürsprecher zu wissen und sich dann auch zu ihm zu bekennen.
Es ist ein Glücksfall, dass wir nicht auf menschliche Instanzen angewiesen bleiben mit der Erfahrung  „Nichts bleibt verborgen, was nicht offenbar wird.“
Denn dieser Fürsprecher wird dafür sorgen, dass wir nicht hingerichtet werden. Sondern hergerichtet. Schön gemacht (wie Luther in der Heidelber Disputation über den Sünder sagen kann). Schön - trotz und mit all unseren Mängeln.
Eben darum dürfen wir fröhlich  einstimmen in den Refrain der drei Strophen: „Fürchtet euch nicht.“
Und gewiss werden jetzt beim Zuhören: „Gott der Herr, ist Sonne und Schild.“
Dazu bewahre unsere Herzen und Sinne der Friede Gottes, der höher ist als alles was wir verstehen.
Amen.

 

 

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