Predigt am Pfingstsonntag 2020

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Predigt am Pfingstsonntag 2020

31.05.2020

zu Apostelgeschickte 2, 1 - 27; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
Pfingsten werden viele von denen, die dabei waren, als eine Katastrophe im eigentlichen Sinn des Wortes erlebt haben. Sie kamen aus den unterschiedlichsten Ländern in Jerusalem zum Wochenfest zusammen und dann hörten sie diese Männer und Frauen predigen, als sprächen sie in ihrer eigenen Muttersprache zu ihnen. Das stellt alles Gewohnte auf den Kopf.
Wenn ich das richtig sehe, dann erleben wir zurzeit die vierte Situation seit dem zweiten Weltkrieg, in der alles Gewohnte umgestoßen wird. Da war die Wende, die das Leben der meisten von uns von Grund auf verändert hat. Da war die Flutkatastrophe von 2002, die vor allem die betroffen hat, die an einem Flussufer gelebt haben, die aber umso mehr. Dann kam 2015 der Zustrom von Flüchtlingen vorwiegend aus Syrien. Fünf Jahre später erleben wir jetzt eine weltweite Epidemie. Und dann gibt es noch die schleichende Katastrophe, die des Klimawandels. Ich habe neulich eine Jubilarin besucht, die mehrere Monate im letzten Jahr kein Wasser im Haus hatte. Seit das Haus vor Jahrhunderten gebaut wurde, führte der Brunnen Wasser. Das Klima ist anders geworden; man kann es nicht mehr übersehen.
In der Pfingstgeschichte wird – wie gesagt – das Gewohnte ebenfalls auf den Kopf gestellt. Vielleicht spricht sie gerade deswegen in diesen Zeiten besonders zu uns, in denen alles anders ist als sonst.
Da ist zunächst einmal das Sprachenwunder. Gottes Geist berührt Menschen in einer Weise, dass sie über die Grenzen von Kulturen und Sprachen hinweg Gottes Wort verkündigen können. Menschen werden über diese Grenzen hinweg von Gottes Geist erfüllt und von Gottes Wort erreicht. So kommt es dazu, dass sie sich taufen lassen. Durch den Heiligen Geist entsteht auf diese Weise der Anfang der christlichen Kirche – und das über alle Unterschiede von Völkern, Kulturen, Sprachen hinweg. Der Geist Gottes verbindet ganz verschiedene Menschen zu einer. (Andere allerdings bleiben rätselhafterweise außen vor und halten die Jünger Jesu für betrunken.)
Es gibt – verstärkt seit der Flüchtlingskrise – unter manchen Christen die Auffassung, Gott habe Völker und Kulturen geschaffen, die je für sich voneinander abgegrenzt bleiben sollen. Die Pfingstgeschichte erzählt uns etwas anderes. Sie zeigt uns, dass Gottes Geist verbindet und nicht abgrenzt. Der Heilige Geist baut Brücken und reißt Mauern ein. In diesem Sinn hat Jesus gerade einen Ausländer als Vorbild der Barmherzigkeit in der Geschichte vom Barmherzigen Samariter hingestellt. Es gab vor fünf Jahren hier in Freiberg Christen, die das erkannt und gelebt haben. Es gab viele unter uns, die sich um Flüchtlinge gekümmert haben: Ehrenamtliche, Pfarrer, andere kirchliche Mitarbeiter. Sie alle haben dazu beigetragen, dass die Fremden zu Vertrauten werden konnten. Amir Nikou aus dem Iran beispielsweise singt seitdem bei uns im Domchor mit. Gottes Geist baut sichtbar Brücken über alle Grenzen hinweg – auch zu denen, die keine Christen sind. Sein Geist hat uns damals geholfen, mit der Krise umzugehen und tut es noch jetzt.
Von Gottes Geist wird dann auch erzählt, er habe Menschen in die Lage versetzt, Gesichte zu sehen und Träume zu haben. Es gab vor der Wende viele Menschen, die hätten niemals mit so etwas wie der friedlichen Revolution gerechnet. Ich gehöre dazu. Aber es gab einige wirklich hellsichtige Menschen. Sie ahnten, dass es so nicht würde weitergehen können. Sie vertrauten der Kraft des Gebets. Sie brachten dadurch ein ganzes System zum Einsturz. Sie konnten es, weil Gottes Geist spürbar mit ihnen war und durch sie wirken konnte.
Es ist in dieser Geschichte auch davon die Rede, dass die Söhne und Töchter weissagen werden. Ich kann mir nicht helfen, aber das erinnert mich sehr an die jungen Leute, die vor den Ausgangssperren freitags auf die Straße gingen, um sich für die Bewahrung unserer Schöpfung einzusetzen. Ich bin vorsichtig zu sagen, dass sie von Gottes Geist bewegt sind. Aber sie haben die Fähigkeit, anders als die meisten von uns, einen Blick in eine Zukunft zu werfen. Sie sehen in der Zukunft eine Welt, in der Flutkatastrophen wie die von 2002 und ausgetrocknete Brunnen wie 2018 und 2019 womöglich zur Normalität gehören werden. Sie haben ein Bild vor Augen von einer Zukunft, die die meisten von uns sich nicht vorstellen wollen. Auch wenn sie selbst mit dem Geist Gottes vielleicht gar nichts anfangen können, so öffnet uns doch der Heilige Geist durch sie hindurch die Augen für das, was unser Lebensstil anrichtet. Gott schenkt es uns zugleich, in dieser Coronazeit einen neuen Lebensstil auszuprobieren. Sich mehr auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, die keine Ressourcen verbrauchen und das Leben umso reicher werden lassen.
Dann ist schließlich in der Pfingstgeschichte von manchen Schrecken die Rede, die über die Welt kommen werden. Auch da steht mir die jetzige Situation sehr vor Augen. Da sehe ich die Bilder vom März aus Italien vor mir: Kranke, die nicht behandelt werden konnten; Tote, für die es auf dem Friedhof kaum noch Platz gab. Aber Petrus kündigt solche Ereignisse nicht an, um uns Angst zu machen. Ganz im Gegenteil! Er macht uns Mut. „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden“, sagt er. Gottes Geist gibt es uns, dass wir die Hand sehen, die Jesus Christus uns reicht. Gottes Geist gibt es uns, dass wir sie ergreifen und uns an dem gekreuzigten und auferstandenen Christus festhalten. Die Katastrophen, die immer wieder über uns und andere Menschen kommen, stellen alles auf den Kopf. Der Boden unter den Füßen wird brüchig. Wir spüren, wie vergänglich wir Menschen sind; wie nahe unser persönliches Ende sein kann. Aber in all dem, erfahren wir auch und gerade den guten Geist Gottes in uns. Wir spüren tief in uns, dass es einen ganz anderen Halt gibt im Leben. Wir erleben es, wie wir getragen werden dem heiligen Geist. Er berührt uns in unserem Innersten und schenkt uns Vertrauen. Er schenkt uns Hoffnung – auf das Leben der kommenden Welt. Wer auf ihn vertraut, dem kann darum keine Katastrophe wirklich etwas anhaben. Denn er hat eine innere Grundlage, eine Orientierung und nicht zuletzt die Gewissheit, dass alle unsere Weg im Licht enden werden. „Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.“
So erweist es sich immer wieder und auf unterschiedliche Weise: Pfingsten ist nichts, was lange her ist und mit uns nichts zu tun hat. Ganz im Gegenteil: Pfingsten ist gegenwärtig. Gott ist in seinem Geist mitten unter uns. Gerade auch in einer Zeit wie dieser. Bis in Ewigkeit.
Amen.

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