Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 2. Februar 2020

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Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 2. Februar 2020

02.02.2020

zu Offenbarung 1, 9 - 18; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
jede und jeder von uns sieht statistisch gesehen mindestens einmal am Tag in den Spiegel. Bevor sie aus dem Haus gehen, werfen viele noch einen Blick in den Spiegel, um zu überprüfen, wie sie aussehen. Sind die Haare in Ord­nung? Sitzt die Krawatte? Ist das Outfit cool genug? Habe ich womöglich noch Zahnpasta im Mundwinkel? Wir alle vertrauen darauf, dass der Spiegel auch ein genaues Ab­bild von uns wiedergibt. Dabei stimmt das ja eigentlich nicht so ganz. Denn im Spiegel ist ja alles seitenverkehrt. Wer schon ein­mal versucht hat, sich im Spiegel allein die Haare zu schneiden, der weiß, wie schwer das aus genau diesem Grund ist. Im Spiegel ist alles ver­kehrt herum. Er zeigt uns und niemand anderes als uns selbst, wenn wir hin­einschauen. Aber im Spiegel erscheinen wir ganz anders, als wir wirklich sind.
In so etwas wie einen Spiegel unserer eigenen Welt schaut auch der Seher Johannes hinein. Wir befinden uns am Ende des ersten Jahrhunderts. In Rom herrscht der Kaiser Domitian. Er lässt das Chris­tentum auf grau­same Weise verfolgen. Christen werden ver­leumdet, be­spitzelt, verraten, verhaftet und zu Zwangsarbeit, Ver­bannung oder gar dem Tod verurteilt. Viele verleugnen darum ih­ren Glauben. Etliche bleiben aber standhaft in ihrer Bedrängnis.
Johannes ist in dieser Zeit ein Verantwortlicher für eine Gruppe von christlichen Gemeinden. Die Glieder der Gemeinden leben jeweils in einer der größeren Städte in Kleinasien, der heutigen Türkei, oder in der zugehörigen Region. Johannes hat dasselbe Schicksal ereilt, wie so viele seiner Gemeindeglieder: Man hat ihn als Christen bei den römischen Behörden denunziert. Er ist daraufhin ver­haftet und zur Verbannung verurteilt worden, denn er konnte und wollte seinem Glau­ben nicht abschwören. Nun ist er auf der Mittelmeer-Insel Patmos in der Verbannung. Wir dürfen uns diese Ver­bannung nicht wie einen Urlaub unter blauem Himmel vorstellen. Es war damals ein sehr hartes und entbehrungsreiches Leben auf den kargen Inseln der Ägäis.
Johannes leidet nicht nur unter Hunger und anderen Entbehrungen. Er leidet unter der Bedrückung, der er als Christ ausgesetzt ist. Er leidet ebenso, weil er seinen Gemeinden nicht mehr nahe sein und nur noch unter erschwerten Bedingungen brieflich Kontakt zu ihnen halten kann. Er leidet nicht zuletzt darunter, dass die Herrschaft Jesu Christi so wenig spürbar wird. So sehr er daran glaubt, dass Christus als der König der Welt erschienen ist: Seine Gemeinden und er bekommen das Gegenteil zu spüren. Am eigenen Leib erfahren sie, wie mächtig gerade die sind, die sich – wie der Kaiser Domitian – gegen Christus und den Glauben stellen. Johannes sehnt sich danach, dass Christus seine Herrschaft sichtbar errichtet und dem Leiden seiner Kirche ein Ende setzt.
Es ist Sonntag, der Tag des Herrn. Johannes hat eine Erscheinung. Er sieht etwas. Mag es ein Traum gewesen sein, der den Schlaf begleitet oder eine Vision, die ihn am Tag überfallen hat. Johannes jedenfalls sieht etwas, das hat mit der Wirklichkeit unserer Welt und unseres Lebens zu tun. Es ist aber eher so etwas wie ein Spiegelbild unserer Welt. Was er gesehen hat, soll Johannes an seine sieben Gemeinden schreiben.
Johannes sieht zunächst einmal sieben goldene Leuchter, die für seine sieben christlichen Gemeinden stehen. Mitten unter ih­nen ist eine Gestalt. Sie erinnert ihn an den Menschensohn, von dem der Prophet Daniel geschrieben hat. Die Christen, die von dieser Vision später lesen werden, wissen: Als Menschensohn hat sich Jesus noch zu seinen Lebzeiten bezeichnet. Johannes sieht also seinen Herrn – Jesus Christus – an der Seite der christlichen Gemeinden. Johannes und seine Gemein­den haben in den Bedrängnissen manchmal den Eindruck, sie seien von Christus verlassen. Johannes sieht wie bei einem Spiegel, dass es genau umgekehrt ist: Christus ist nicht fern von den verfolgten Christen. Er ist im Gegenteil mitten unter ihnen. Dieser Menschensohn erstrahlt in der Vision in dem denkbar hellsten Licht. Es ist das Licht Gottes, das an ihm sichtbar wird. Der Römische Kaiser maßt sich zwar an, ein Gott zu sein und will als Gott verehrt werden. Johannes wird in seiner Vision aber in seiner Gewissheit bestärkt, dass allein Christus Gott ist. Schließlich weist der Menschensohn mit den sieben Sternen in der Hand und dem zweischneidigen Schwert die Insignien himmlischer Macht auf. Der römische Kaiser und seine Behörden scheinen übermächtig zu sein, während Christus und seine Kirche als schwach und ohnmächtig erscheinen. Johannes nimmt dagegen wahr, dass in Wirklichkeit Christus die Macht hat und durch sein Wort regiert: So kann er nur niederfallen und den Herrn anbeten.
Johannes ist überwältigt, von dem, was er da sieht. Er sieht die Wirklichkeit wie in einem Spiegel. Es ist alles genau umgekehrt, als es uns erscheint. Wo die Lage der Christen von Ohnmacht und Leid und Tod gekennzeichnet wird und wo die Kräfte gegen Christus über­mäch­tig zu sein schei­nen, herrscht in Wirklichkeit der auferstandene Jesus Christus. Er allein hat die Macht. Er ist der lebendige Gott. Er ist der Erste und der Letzte, denn seine Herrschaft umfasst die ganze Welt und unser ganzes Leben. Er hat die Schlüssel des Todes und der Hölle, denn er hat Leid, Schuld und Tod überwunden. Vor ihm kann er nur niederfallen und Christus anbeten.
Als Johannes wieder in unsere Wirklichkeit zurückkehrt, bringt er zu Papier, was er gesehen hat. In den Bedrängnissen sollen seine Gemeinden Kraft schöpfen aus dem, was Christus ihn hat sehen lassen. Sie sollen ermutigt werden, standhaft in ihrem Glauben zu bleiben und die Verfolgungen und das Leid tapfer zu tragen und zu ertragen. Denn das, was sie jetzt erleben, das ist nur etwas Vorläufiges. Die ei­gentliche Wirklichkeit sieht ganz anders aus. In der eigentlichen Wirklichkeit hat Jesus das Sagen und die Macht. Die eigentliche Wirklichkeit ist hinter dem Spiegel. Dort ist alles umgekehrt wie in dieser Welt. Die Mächtigen haben keine Macht mehr; das Böse hat ausgespielt. Der Kaiser maßt sich nur an, die Welt zu beherr­schen. In Wirklichkeit bestimmt der auferstandene Christus un­ser Leben und beherrscht durch seine Liebe unsere Welt.
Liebe Gemeinde, die Offenbarung des Johannes darf man nicht wörtlich nehmen. Extreme Gruppen in der Christenheit und Sekten tun das gern, aber das führt einen in die Irre. Gott hat den Johannes die himmlische Wirklichkeit in Symbolen erkennen lassen. Anders können wir Menschen es nicht verstehen. Darum ist dieses Buch für uns heute ein manch­mal schwer aufzulösendes Bilderrätsel. Christus hat Johannes in so etwas wie einen Spiegel sehen lassen. Johannes durfte einen indirekten Blick in das Himmelreich Gottes werfen. Dort ist alles genau umgekehrt wie in dieser Welt:
Der machtlose Gekreuzigte ist dort der Auferstandene, der die Welt regiert. Und die in dieser Welt belächelt oder gar verfolgt werden wegen ihres Glaubens, die werden in jener anderen Welt an der Seite des Auferstandenen sein. Wenn sie seine Gegenwart in dieser Welt manchmal nicht zu spüren ver­mochten, so wird er im Himmelreich mitten unter ihnen sein. Diese so ganz andere Welt ist keine ferne Zukunft, auch keine Träumerei. Sie ist Ge­genwart, sozusagen auf der anderen Seite des Spiegels. Sie ist Gegenwart, seit der gekreuzigte Christus den Tod überwand. Und sie ist auch keine Träumerei. Denn zu Ostern haben die Jünger Jesu ja den Auferstanden gesehen. Auch Ihnen war es vergönnt, in der Begegnung mit dem lebendigen Christus die Wirklichkeit auf der anderen Seite des Spiegels zu sehen und zu erleben.
Liebe Gemeinde, wir werden zwar als Christen nicht unterdrückt und verfolgt. Aber auch wir leiden doch darunter, dass die Herrschaft der Liebe Christi in dieser Welt oft so unsichtbar bleibt. Der Schöpfer hat es nicht verhindert, dass wir seine Schöpfung bedrohen. Anfang Februar haben wir Temperaturen wie sonst im April. Wie soll das noch weitergehen? Auch der Friede Christi schlägt sich nicht in einem Frieden auf der Welt nieder.  Gerade jetzt sterben auf fast allen Kontinenten Menschen in gewaltsamen Auseinandersetzungen – in Mexiko, in der Ukraine, in Syrien, im Kongo. Auch Gottes Geist scheint uns schließlich fern zu sein. Die frohe und doch so lebensdienliche Botschaft des Evangeliums verhallt vielfach ungehört in unserem Land. Das aber ist kein Anlass, das Vertrauen auf Jesus Christus aufzugeben. Ganz im Gegenteil: Johannes hat es sehen dürfen: Gerade hinter dem, was uns in dieser Welt bedrückt, wird Gottes neue Welt spürbar und erfahrbar. Was wir sehen, ist nur scheinbar die Realität. Die eigentliche Wirklichkeit hat Johannes gesehen.
Zurzeit läuft in den Kinos ein Film über Udo Lindenberg. Er sagt in einer Szene: „Die Realität ist eine Illusion, die durch einen Mangel an Alkohol verursacht wird“. Der Seher Johannes würde etwas Ähnliches, aber signifikant anderes sagen: „Unsere Wirklichkeit ist eine Illusion, die durch einen Mangel an Glauben hervorgerufen wird.“
Amen.

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