Predigt am Himmelfahrtstag (Gottesdienstübertragung bei MDR Kultur), 30. Mai 2019

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Predigt am Himmelfahrtstag (Gottesdienstübertragung bei MDR Kultur), 30. Mai 2019

30.05.2019

zu 1. Könige 8, 22 - 28; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde hier im Dom und an den Radiogeräten,
ein Sommertag. Wir sind unterwegs auf dem Radweg entlang der Elbe. Immer näher kommen wir der kleinen Stadt. Schon von weitem sehen wir die Kirchtürme. Nahe am Fluss liegt St. Marien. Noch nie haben wir dieses Gotteshaus betreten. Wir biegen ab und lassen die Räder vor dem Eingangsportal stehen.
Ein dunkler Vorraum erwartet uns. Durch eine seitliche Tür betreten wir das Kirchenschiff. Mir bleibt der Atem stehen. Der Eindruck von Weite und Höhe überwältigt mich. Was für ein erhabenes Gebäude! Mein Blick wird von einem prachtvollen Gewölbe gefangen. Wie ein Himmel in der Morgendämmerung überspannt es den Raum. Wie fühle ich mich hier dem Himmel so nah. Langsam kann ich wieder Luft holen. Das hier ist wirklich ein Gotteshaus. - Gottes Größe und Majestät hat mich selten ein Raum erleben lassen wie dieser.
Kirchen wie St. Marien Pirna – oder für viele nicht weniger berührend unser Freiberger Dom – sind gebaut worden, um die Menschen etwas von der Größe des unsichtbaren Gottes erleben zu lassen. Diese Gotteshäuser ließen und lassen so etwas wie einen Blick in den Himmel zu. Umgekehrt holten sie und holen sie gefühlt noch immer den Himmel auf die Erde. Sie lassen die Menschen etwas von der himmlischen Herrlichkeit Gottes ahnen. Sie erwecken ein Gefühl von der Gegenwart Gottes in einem Raum, den Menschen gebaut haben.
Dabei gilt natürlich das Wort des Königs Salomo, das er in seinem Gebet zur Tempelweihe formuliert: „Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können Dich nicht fassen.“ Ein Kirchengebäude kann nicht wirklich den Himmel auf die Erde holen. Es kann etwas von der himmlischen Herrlichkeit erahnen lassen. Es kann ein Gefühl davon vermitteln. Aber es kann Gott nicht umfassen; Gottes Gegenwart bindet sich nicht an ein Gebäude. „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen“, fragt der große König Israels zu recht.“ Gott ist eben Gott und nicht Mensch. Wie kann er da in einem Haus wohnen – und sei es ein Tempel oder eine erhabene Kirche?
Gott ist nicht zu fassen. Weder von einem Gebäude noch von unseren Sinnen oder auch unserem Denken. Gottes Größe und Herrlichkeit übersteigen einfach alles, was wir denken oder uns vorstellen können. Manche Menschen sind ja hochmütig genug, nur das glauben zu wollen, was auch ihren Sinnen zugänglich ist. Aber das wäre so wie in der Geschichte von den zwei Bakterien, die gerade im Strom eines menschlichen Blutkreislaufs schwimmen. Sagt die eine zur anderen: „Glaubst du, dass es Menschen gibt?“ Antwortet die andere: „Niemals, ich habe noch nie einen gesehen.“ Gott ist für uns Menschen ebenso wenig zu fassen – weder von einem Gebäude wie unserem Dom noch von unserem Verstand oder unseren Sinnen.
Aber, liebe Gemeinde, das bedeutet ja nicht, dass wir keinen Zugang zu Gott hätten. Denn Gott ist zwar für uns nicht zu fassen. Er macht sich aber für uns fassbar. Er steigt aus dem Himmel herab, was auch immer wir mit diesem Wort „Himmel“ verbinden. Gott nimmt Fleisch und Blut an und kommt zu uns – in dem Menschen Jesus von Nazareth. Der unsichtbare Gott wird ein sichtbarer Mensch in dem Sohn der Maria. Der Himmel kommt in ihm auf die Erde. Der unfassbare Gott wird fassbar. Besonders die Freunde, die Jünger Jesu haben das sofort gespürt. Darum ließen sie buchstäblich alles stehen und liegen – verließen selbst ihre Familien – um ihm zu folgen. Sie gingen mit ihm und hörten, wie er von dem nahen Himmelreich predigte. Sie spürten Gottes Gegenwart in ihm. Sie sahen Gottes Geist in ihm wirken. Blinde konnten wieder sehen. Lahme stellten sich auf ihre Füße. Traurige und Verzweifelte fassten neuen Mut. In diesem Menschen Jesus hat Gott sich fassbar gemacht. Die Jünger Jesu erlebten das. Sie erlebten damit einen Vorgeschmack des Himmels auf Erden.
Umso dramatischer war für sie dann die Erfahrung des Todes Jesu am Kreuz. Das konnten sie nun nicht mehr fassen. Das können auch wir kaum fassen. Dass Gott in all seiner Herrlichkeit nicht nur ein Mensch wird, sondern dass Gott sich in diesem Jesus von Nazareth sogar in das Leiden und Sterben eines Menschen hineinbegibt, wer sollte das wirklich fassen können.
Aber dann erlebten sie etwas, das war mindestens ebenso unfassbar. Jesus begegnete ihnen am dritten Tag als Lebendiger. Wenn man sich die Osterberichte einmal ansieht, dann spürt man die Verwirrung der Auferstehungszeugen. Sie haben alle etwas anderes erlebt. Sie konnten es lange nicht begreifen. Sie trauten ihren Sinnen nicht. Aber dann wurde es ihnen klar: Sie hatten den lebenden Jesus gesehen. Vierzig Tage lang, so berichtet es uns der Evangelist Lukas, hielten diese Erscheinungen an.
Was aber haben die Jünger erlebt in dieser Zeit? Ich stelle mir das so vor, dass die unsichtbare Welt Gottes und unsere sichtbare Welt sich in diesen vierzig Tagen in der Person Jesu begegnet sind. In einer noch einmal ganz anderen Weise hat Gott sich in der Osterzeit fassbar gemacht. Zumindest die Auferstehungszeugen konnten einen Blick in den Himmel werfen. Sie erlebten etwas von der ewigen Herrlichkeit der himmlischen Welt an dem auferstandenen Jesus. Er war sozusagen vierzig Tage lang die Schnittmenge.
Die Erscheinungen des Auferstandenen haben zu Himmelfahrt geendet. Darum blasen wir heute die Osterkerze aus. Himmelfahrt beendet die Osterzeit. Das bedeutet aber nun nicht, dass Gott nun erneut nicht mehr zu fassen ist.
In dem Gebet des Salomo benennt dieser, woran wir auch nach Himmelfahrt die Gegenwart Gottes erleben können. Neben den Erfahrungen der Barmherzigkeit Gottes spricht er von dem Bund, den Gott hält. Gott bindet sich an uns Menschen. An Israel hat er sich gebunden durch das Wort der Thora, die wir das Alte oder Erste Testament nennen. An uns Christen bindet er sich grundlegend durch unsere Taufe und immer wieder in Brot und Wein, in der Feier des Abendmahls. Gott ist nicht zu fassen, aber gerade in den Sakramenten macht er sich für uns fassbar. Wenn Martin Luther von Depressionen, Selbstzweifeln und nicht zuletzt Glaubenszweifeln erschüttert wurde, hat er sich an seiner Taufe festgehalten. Baptistus sum, soll er sich selbst zugesprochen haben: „Ich bin getauft. In anderen Worten: Gott hat sich mir liebevoll zugewendet. Ich bin sein Kind.“ Das war der Rettungsanker in den Stürmen seines Lebens. In der Feier des Abendmahls erfahren wir dieselbe Zuwendung Gottes immer wieder neu. In Brot und Wein ist Gott zu fassen – in einer ganz sinnlichen Weise.
Und weil Gott sich uns gerade in unseren Kirchen auf diese Weise schenkt, werden sie zu Gotteshäusern. Der Himmel und aller Himmel Himmel können ihn nicht fassen; erst recht nicht ein Dom oder eine andere Kirche. Aber Gott macht sich fassbar. Wo zwei oder drei versammelt sind in Christi Namen, ist der Lebendige mitten unter uns. In Brot und Wein haben wir teil an ihm.
Christus ist aufgefahren in den Himmel, zurückgekehrt in die himmlische Herrlichkeit Gottes. Aber zugleich überbrückt er die Distanz zwischen Himmel und Erde. Im Wasser der Taufe, in Brot und Wein rührt er uns an. Wir spüren seine Gegenwart. In seinem Wort spricht unmittelbar zu uns. Durch ihn können wir Gott dann doch fassen.
So kommt der Himmel zu uns auf die Erde.
Amen.

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