Predigt am Ewigkeitssonntag, 24. November 2019

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Predigt am Ewigkeitssonntag, 24. November 2019

24.11.2019

zu Johannes 5, 24 - 29; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich stelle mir eine Straße vor. Es lässt sich ganz gut fahren auf ihr. Obwohl sie viele Kurven hat, manchmal auch steile Anstiege oder schlechte Abschnitte. Es ist trübe. Ich sehe im Licht der Scheinwerfer nur die Straße unmittelbar vor mir, gerade so weit, dass ich vorwärts kommen kann. Plötzlich ist da etwas vor mir. Ich halte an. Menschen stehen am Rande der Straße. Ich steige aus ... und stehe vor einem Abgrund. Die Straße verläuft unmittelbar an einem Abhang. Ohne eine Leitplanke oder einen Markierungs­pfosten dazwischen. Ist jemand hier hinuntergestürzt? Es sieht da­nach aus. Man kann es den Gesichtern ablesen. Schnell setze ich mich wieder hinein in mein Fahrzeug und fahre weiter. Ich schalte das Radio an, um mich abzulenken. Nur nicht an diesen Abgrund denken. Nur den Gedanken verdrängen, dass es auch mit mir aus ist, wenn ich in der nächsten Kurve von der Fahrbahn abkomme. Nur nicht daran denken. – Ich spreche mir Mut zu: Es wird schon alles gut gehen auf meiner Reise. Und versuche, nicht daran zu denken, dass hinter der Leitplanke derselbe Abgrund liegt, in den ich eben schauen musste.
Liebe Gemeinde, wenn ich mir die lange Liste der Trauerfälle ansehe, die wir nachher verlesen werden, dann kommt es mir manchmal so vor, als sei unser ganzes Leben solch eine Fahrt am Abgrund; am Abgrund des Todes entlang. Wenn ein lieber Mensch von uns geht, dann wird uns das auf sehr schmerzliche Weise vor Augen geführt. Wir kommen dann auch nicht mehr an dem Gedanken vorbei, dass der Lebensweg von jedem von uns einmal in diesem Abgrund sein Ende finden wird.
Der Tod ist die große Bedrohung unseres Lebens. Er nimmt uns unsere Lieben und lässt uns allein zurück. Mühsam, ganz mühsam müssen wir durch ein Tal der Tränen und des Schmerzes zurück in das Leben. Und mit jedem, der von uns geht, bleibt eine Narbe in unserem Herzen zurück.
Jeder Mensch hat seine eigene Art, mit der Trauer um einen lieben Menschen umzugehen. Die einen können Angst und Trauer nicht zu nah an sich heranlassen. Sie sagen: da muss ich jetzt durch. Da kann mir keiner helfen. Aber wenn es keiner sieht, dann fließt doch so manche Träne.
Andere lassen Angst und Trauer überhaupt nicht zu. Sie wollen nicht an den Tod erinnert werden. Eine Trauerfeier findet nicht statt. Die Urne des verstorbenen Angehörigen wird im Stillen, möglichst anonym beigesetzt. Nach kurzer Unterbrechung geht der Alltag möglichst so weiter, als wäre nichts geschehen. Doch wenn sich Jahre später die Trauer einen Weg bahnt in einer Krankheit, dann können sie sich das Leiden nicht erklären.
Wieder andere geben sich ihrer Trauer ganz und gar hin. Sie stel­len sich ihrem Schmerz und ihrer Angst. Liebevoll wird das Grab gepflegt. Besondere Tage, die an den Toten erinnern, werden immer wieder zu besonderen Gedenktagen. Aber mancher findet den Weg aus dem Schmerz zurück ins Leben nicht wieder, so dass die Wunde niemals verheilt.
Es ist auch deswegen so schwer, mit dem Tod umzugehen, weil er eines Tages auch unser eigenes Leben haben will. Wir haben nichts, was wir dem entgegensetzen können. Und die Angst davor, sie begleitet uns unser Leben lang. Manchmal gelingt es uns, sie zur Seite zu schieben. Aber manchmal geht es nicht mehr. Dann fragen wir uns, was von unserem Leben eigentlich bleiben wird. Wie viel Zeit haben wir noch mit den Menschen, die wir lieben, für die Pläne, die wir haben? Wir werden auch niemanden mehr um Verzeihung bitten können, wenn unserem Leben ein Ende gesetzt wird. Das Endgültige des Todes, es macht uns Angst.
Das Evangelium von Jesus Christus will uns einen Weg zeigen, wie wir mit dem Tod unserer Lieben und auch mit unserer eigenen Angst vor dem Tod weiterleben können. Denn das Evangelium: ist die Botschaft von dem auferstandenen Jesus; die Botschaft, von dem Menschen, an dem die schöpferische Kraft Gottes für uns Menschen sichtbar geworden ist; die Botschaft von dem Leben über den Tod hinaus.
Als Jesus in Israel predigte und Menschen von ihren Leiden befreit hat, haben diese gespürt, wie wirksam die schöpferische Kraft Gottes in Jesus war. Das gleiche gilt für die, denen er einen neuen Anfang schenkte, indem er ihnen ihre Schuld vergab. Jesus verkörperte geradezu Gottes Botschaft von dem Leben. – Dann schien aber alles vorbei zu sein, als Jesus am Kreuz starb und seine Freunde in Trauer und Verzweiflung zurückließ. Aber gerade da wurde Gottes Leben schaffende Kraft in ganz besonderer Weise sichtbar: am Ostermorgen erschien Jesus seinen Freunden als Lebendiger. – Die Jünger Jesu haben damals die Erfahrung gemacht, dass der Tod doch nicht so endgültig ist, wie wir es denken. Die Jünger haben die Erfahrung gemacht, dass der lebendige Gott mit seiner schöpferischen Kraft stärker ist als der Tod. Gott hatte die Kraft erwiesen, den toten Jesus aus dem Abgrund des Todes zu bergen und ihm ein neues Leben zu schenken. Das war eine Erfahrung, die so unglaublich war. Jeder der Jünger konnte es darum immer erst dann glauben konnte, wenn er selbst dem Auferstandenen begegnet war.
Seitdem wird die Botschaft in unserer Welt weitergesagt, dass Jesus nur der Erste war, den Gott der Macht des Todes wieder entrissen hat. Seitdem dürfen wir Trost und Ermutigung in der Hoffnung finden, dass alle für sich auf das Gleiche hoffen dürfen, die durch ihren Glauben zu dem auferstandenen Jesus Christus gehören. Seitdem gibt es einen Weg, mit der Angst vor dem eigenen Tod und dem Tod unserer Lieben leben zu lernen:
Wir dürfen einmal darauf vertrauen, dass der lebendige Gott uns nicht allein lässt mit unserer Angst und unserem Schmerz. Weil er in Jesus Christus selbst die Angst vor dem Tod durchlitten hat. Und weil Gott am Karfreitag gespürt hat, wie es ist, einen Sohn zu verlieren. Wir dürfen darauf vertrauen, dass der lebendige Gott an unserer Seite ist in unserer Trauer – und uns tröstet. Er schenkt uns Menschen, die ein Wort der Anteilnahme für uns haben. Er schenkt uns Menschen, die im Stillen an uns denken und für uns beten. Er schenkt uns vor allem seine eigene Nähe und Gegenwart. Auch wenn wir die nicht immer unmittelbar spüren können.
Der Weg, den das Evangelium uns zeigen will, ist ein Weg des Vertrauens und auch ein Weg der Hoffnung. Denn für die Menschen, die wir geliebt haben, und auch für uns selbst dürfen wir eine Hoffnung haben: Wir dürfen darauf hoffen, dass unsere Lieben nicht so tief in den Abgrund des Todes gestürzt sind, dass Gott sie nicht daraus wieder herausholen könnte. Wir dürfen darauf hoffen, dass wir unsere Verstorbenen nicht verloren haben; sie werden von Neuem leben in Gottes Ewigkeit. Dasselbe ewige Leben, das auch Christus zu Ostern geschenkt wurde; ist nun ihre Zukunft und Gegenwart zugleich.
Und wie die Hoffnung uns trösten kann in unserer Trauer, so kann sie uns auch Mut machen in unserer Angst haben vor dem eigenen Tod. Denn hier werden wir zwar einmal keine Zeit mehr haben, aber Gott wird uns eine neue Zeit schenken. Hier zerfallen mit uns all unsere Pläne zu Staub, aber Gott wird uns neue Wege finden lassen. Hier lassen wir Menschen zurück, denen gegenüber wir auch schuldig geworden sind, aber Gott wird uns vergeben. Er zerbricht die Endgültigkeit des Todes und eröffnet uns neue und völlig unvorstellbare Möglichkeiten eines unvergänglichen Lebens im Licht seiner Liebe.
Der Tod ist darum zwar die große Bedrohung unseres Lebens. Er ist wie ein Abgrund, der uns alle verschlingen will. Aber Gottes Liebe und seine schöpferische Kraft sind stärker als der Tod. Darauf dürfen wir vertrauen und darauf dürfen wir unsere Hoffnung setzen in Freude und Trauer, im Leben und auch im Sterben.
Denn es heißt im Evangelium für diesen Gedenktag der Ver­storbenen:
„Jesus sprach: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Le­ben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“
Amen.

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