Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 10. November 2019

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Predigt am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 10. November 2019

12.11.2019

zu Lukas 6, 27 - 38; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in meinen Studentenzimmern war es zwar immer aufgeräumt, aber Putzen war noch nie meine Lieblingsbeschäftigung. Eigentlich konnte ich mich dazu immer nur aufraffen, wenn ein Urlaub oder eine der gelegentlichen Fahrten zu meiner Familie anstand. Die Aussicht auf ein paar schöne Tage im Urlaub oder zu Hause, die Vorfreude darauf motivierte mich zu etwas, was mir sonst kaum möglich war im Getriebe des Studienalltags.
Um eine ganz andere große Vorfreude ging es bei dem, was Jesus gepredigt hat. Er hat den Menschen von dem nahen Himmelreich erzählt. Freut euch auf die kommende Herrschaft der Liebe Gottes, war der Kern seines Evangeliums. Nahe ist Gott; nahe Gottes Liebe, die alles verwandeln wird. Das war die Botschaft Jesu. Sie war verbunden mit einem Ruf, das eigene Leben zu ändern. Kehrt um und glaubt an das Evangelium, verkündigte Jesus. Lasst euch von der Freude auf das Himmelreich verändern. Zieht daraus die Kraft, aus den eingefahrenen Bahnen herauszukommen. Ändert euer Leben. Bereitet euch damit darauf vor, bald im Angesicht der Liebe Gottes zu stehen.
Der Text, den wir heute miteinander bedenken, ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Die Freude auf das Himmelreich verändert alles – also auch unseren Umgang mit Konflikten, mit Hass und Gewalt.
Darum predigt Jesus hier die Feindesliebe. Dabei geht es natürlich nicht darum, dass wir unseren Feinden Gefühle der Sympathie oder gar romantischer Art entgegenbringen sollen. Niemand könnte einen Feind in diesem Sinne lieben. Das wäre nicht einmal angesichts des nahen Gottesreiches möglich. Jesus lädt hier aber dazu ein, auch in dem Feind ein Geschöpf, eigentlich oder vielleicht sogar ein Kind Gottes zu sehen. Auch der Feind hat seine menschliche Würde. Darüber haben wir am Donnerstag zufällig im Vorkonfirmandenunterricht gesprochen. Eine der wunderbaren Aussagen der Schöpfungsgeschichte, sagte ich, sei die Gottebenbildlichkeit des Menschen. Alle Menschen haben darum ihre Würde. Die darf nicht verletzt werden. Da fragten mich die Konfirmanden, was denn mit Menschen wie den Taliban wäre. Das seien doch alles Mörder. Die Frage ist berechtigt. Aber auch sie sind Geschöpfe Gottes und haben eine menschliche Würde. Selbst wenn man gezwungen sein kann, sich gegen sie mit Gewalt zur Wehr zu setzen.
Jesus schlägt allerdings einen anderen Weg als den der Gewalt vor. Jesus ruft dazu auf, einen radikal anderen Weg zu gehen. Das nahende Himmelreich bewegt dazu, den Feind tatsächlich als Mensch ernst zu nehmen und Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten. Jesus malt dazu seinen Hörern zwei Szenen vor Augen. Beides werden die Hörer der Predigt Jesu schon erlebt haben. Judäa und Galiläa waren damals von den Römern besetzt. Die römischen Besatzungssoldaten machten sich gern einen Spaß daraus, jüdische Zivilisten zu demütigen. Sie schlugen ihnen mit dem Handrücken auf die rechte Wange. Die normale Reaktion wäre es, den Schlag hinzunehmen, wegzugehen und vielleicht aus dem Hinterhalt einen römischen Soldaten zu überfallen und es ihnen heimzuzahlen. Die Gruppierung der Zeloten, die wir heute Terroristen oder Untergrundkämpfer nennen würden, machte es so. Jesus aber schlägt etwas radikal anderes vor: Halte ihm auch die andere Wange hin. Damit meint er: Vielleicht schlägt er nochmal zu. Vielleicht aber denkt er durch diese Reaktion einmal darüber nach, was er da eigentlich tut. In jedem Fall bist du nicht mehr das Opfer. Der Handelnde bist Du! – In ähnlicher Weise ruft er dazu auf, ein Zeichen zu setzen, wenn ein Räuber einen bei einem Überfall zwingt, ihm seinen Mantel herauszugeben.
Wir leben in einer Welt, in der wir das Verhalten des anderen unser eigenes Verhalten bestimmen lassen. Wenn jemand einem etwas Gutes tut, dann beantworten wir das gern auch mit etwas Gutem. Oder umgekehrt: Wir tun einem anderen etwas Gutes, weil wir uns davon einen Vorteil versprechen. Wir laden jemanden zu einem Anlass ein, dessen Wohlwollen wir uns sichern möchten. Wenn uns aber jemand etwas Böses tut, dann beantworten wir das oft unwillkürlich auch mit etwas Bösem. Auf ein böses Wort geben wir gern sofort eines zurück und ärgern uns vielleicht noch, dass uns in der Situation gerade nichts Passendes eingefallen ist.
Jesus wirbt darum, uns von der Freude auf das kommende Himmelreich leiten zu lassen. Wenn wir auf eine Gegenleistung hoffen, dann sollen wir uns diese Gegenleistung von Gott und in seinem Reich erwarten. Darum lädt er dazu ein, nicht nur für die da zu sein, von denen man es umgekehrt auch erwarten darf. Sondern auch etwas für andere zu tun, ohne einen Dank oder eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn einem Bedürftigen Menschen geholfen werden soll, ist es ja beispielsweise gar nicht möglich, dass dieser eine Gegenleistung erbringt – außer vielleicht einer großen Dankbarkeit. Hier ist eine uneigennützige Hilfe gefragt. In gleicher Weise mahnt Jesus, barmherzig zu sein und dem anderen zu vergeben. Auch das ohne Gegenleistung. Ich kann und soll einem Menschen, der mir Böses angetan hat, auch vergeben, ohne dass er sich versöhnungsbereit zeigt. Das ist sehr schwer. Einfacher ist es, wenn er mich um Verzeihung gebeten hat. Aber angesichts des nahen Himmelreiches und der Vorfreude darauf sollte es möglich sein. schärft Jesus seinen Zuhörern ein.
Aber sind wir heute nicht in einer ganz anderen Lage? könnte man jetzt einwenden. So nahe war das Himmelreich offenbar doch nicht, wie Jesus es angekündigt hat. Und seine Predigt der Feindesliebe hat Jesus letztlich den Tod am Kreuz eingebracht. Wollen wir diesen Weg wirklich gehen?
Den ersten Einwand hat Jesus schon geahnt. Seht ihr denn nicht, wie das Reich Gottes schon angefangen hat? fragte er einmal. Die Herrschaft der Liebe Gottes hat sich doch schon unter euch ausgebreitet. Mitten unter euch und mitten in euch könnt ihr doch spüren, wie nahe Gott mit seiner Liebe ist und wie sehr seine Liebe schon jetzt euer Leben verändert. Wer davon spricht, dass das Himmelreich nicht nahe ist, übersieht auch, dass Gottes Zeit und unsere Zeit ganz anders verlaufen. Unsere armenischen Nachbarn im Stockwerk über uns, wohnen uns ganz nahe. Immer mal kann ich sie hören, wenn sie oben herumlaufen. Aber es dauert zugleich manchmal sehr lange, bis wir uns mal zufällig im Treppenhaus oder geplant bei einem Besuch sehen. So ähnlich ist es auch mit dem Himmelreich. Es ist uns ganz nahe. Auch wenn es vielleicht noch einiges an irdischer Zeit braucht, bis es diese Welt verwandeln wird. Aber angefangen hat es schon in uns und unter uns. Wir sehen schon die Vorzeichen des kommenden Himmelreiches. Sonst würden Christen beispielsweise nicht so viel Geld für andere Menschen spenden, wissend, dass wir dafür nun wirklich nichts zurückbekommen; sonst würden sich nicht so viele für unsere Gemeinde ehrenamtlich engagieren; sonst würde es nicht unter uns immer wieder die Bereitschaft geben, trotz unterschiedlicher Einstellungen den anderen als Bruder oder Schwester in Christus anzunehmen.
Dennoch bleibt es eine Herausforderung, nicht nur für die eigenen Verwandten und Freunde da zu sein, sondern auch für unsere Mitmenschen, und sogar unseren Gegnern mit Respekt zu begegnen und vor allem mit dem Willen zur Vergebung und zur Versöhnung. Ohne die Vorfreude auf das Himmelreich, ohne das Vertrauen auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit geht es nicht. Aber es ist auch ein Akt der Vernunft, dem anderen die andere Wange hinzuhalten. Wenn wir immer nur zurückschlagen, wie sollen wir dann die kleinen und großen Konflikte unserer Zeit bewältigen? Der Weg, den Jesus uns weist, ist dagegen der einzig mögliche Weg zum Frieden. Mein Gegner ist auch ein Mensch. Sicherlich hat er völlig entgegengesetzte Ansichten und Interessen. Vielleicht hat er sogar wirklich Böses vor. Aber er ist ein Mensch, vielleicht sogar ein Mitchrist. Wenn ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen, wird er sich ernstgenommen fühlen. Wenn ich nicht gleich zurückschlage, wird vielleicht ein Gespräch möglich. Sicher ist das nicht. Manchmal führt so ein Weg tatsächlich ans Kreuz, wie Jesus es erlebt hat. Aber es ist nicht aussichtslos. Aussichtslos ist es nur, den Weg des Hasses und der Gewalt zu beschreiten. Der führt nie zu etwas Gutem. Als Nachfolger Jesu schöpfen wir dagegen die Kraft, den Weg zu gehen, den er uns weist: den Weg der Vergebung, der Versöhnung, des Friedens.
Es geht um die Liebe: Um Gottes Liebe. Sie wird einmal die ganze Welt verwandeln. Angefangen hat es schon.
Alles wird darum einmal gut werden: Friede wird sein. Gerechtigkeit wird herrschen. Die Schöpfung wird heil werden.
Die Vorfreude darauf macht alles anders: Alles. Auch uns. Auch unseren Umgang mit denen, die auf der anderen Seite stehen.
Amen.

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