Predigt am Buß- und Bettag, 20. November 2019

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Predigt am Buß- und Bettag, 20. November 2019

21.11.2019

gehalten von Universitätsprediger Prof. Dr. Peter Zimmerling

„Sündersein – eine heilsame rettende Erfahrung“

Liebe Gemeinde, 1. Der mit elf Oscars ausgezeichnete Film „Titanic“ von 1997 endet mit folgenden Worten der geretteten Titelheldin: „1500 Menschen stürzten in die See, als die Titanic unter uns versank. Zwanzig Boote trieben in nächster Nähe umher. Aber nur eins ist umgekehrt. Nur eins. Sechs [Menschen] wurden aus dem Wasser gerettet. Mich eingeschlossen. Sechs von 1500. Danach brauchten die 700 Menschen in den Booten nichts anderes zu tun als zu warten: warten auf den Tod, auf das Weiterleben. Warten auf eine Absolution, die aber nie erteilt wurde.“ „Warten auf eine Absolution, auf eine Vergebung, die aber nie erteilt wurde.“ Mit diesem Satz endet einer der bekanntesten Hollywoodfilme aller Zeiten. Die 700 geretteten Menschen in den Booten hatten vollkommen versagt. Aus Angst, selbst mit in die Tiefe gerissen zu werden, hatten sie die 1500 Menschen im eisigen Wasser ertrinken lassen, ohne einen Finger zu rühren. Jahrzehntelang wurde die Schuld aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Seit einigen Jahren hat sich die gesellschaftliche Gemütslage jedoch verändert. Die Rede von Schuld und Versagen ist in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Es ist geradezu modern geworden, Schuld zu bekennen, und zwar persönliche und gesellschaftliche gleichermaßen. Das zeigt nicht nur die Filmindustrie. Auch in der Politik lässt sich eine erstaunliche Bereitschaft beobachten, Schuld einzugestehen. Kaum ein Staatsbesuch, ohne dass Schuld des eigenen Volkes gegenüber dem Gastland bekannt würde. Sogar die Queen lud bei ihrem vorletzten Deutschlandbesuch im Jahr 2003 zu einem Benefizkonzert in die Berliner Philharmonie ein. Der Erlös kam dem Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche zugute. Indirekt entschuldigte die Königin sich damit für das britische Flächenbombardement der deutschen Städte, eben auch Dresdens, während des Zweiten Weltkriegs. Das Thema Schuld und Vergebung, das ursprünglich im Raum der Kirche beheimatet war, wird heute verstärkt an säkularen Orten aufgegriffen.Viele Menschen spüren, dass sie nicht so leben, wie sie es sich eigentlich wünschen. Sie bleiben hinter den hohen Ansprüchen zurück, die sie an sich selber und an andere stellen und fühlen sich schuldig. Umgekehrt leiden sie darunter, dass andere an ihnen schuldig und sie dadurch in ihrer Freiheit und Lebensfreude eingeschränkt werden. Diese Erfahrungen drängen nach außen, sie wollen ausgesprochen werden. Es gibt offensichtlich den tiefen Wunsch, sich auszusprechen und verstanden zu werden. Damit verbunden ist die Sehnsucht nach Entlastung und Entschuldigung, nach der Chance eines Neuanfangs. Wie das Beispiel von Queen Elisabeth zeigt, gilt das nicht nur für einzelne Menschen, sondern erstaunlicherweise auch für ganze Völker. Auch sie suchen Entlastung für in der Vergangenheit an anderen Völkern begangenen Verbrechen. 

2. Sünde und Schuld sind Menschheitsphänomene. Mit ihnen ist deshalb überall und bei allen zu rechnen. Schuld zerstört Beziehungen. Sie ist der Beziehungskiller Nr. 1. Die ersten Kapitel der Bibel beschreiben, wie nach dem Sündenfall die Beziehungen, in denen der Mensch lebt, in dramatischer Weise zerfallen. Nacheinander wird die Beziehung des Menschen zu Gott, zum Mitmenschen, zur Mitwelt und zu sich selbst zerstört. Der Zerfall der Beziehung zu Gott zeigt sich darin, dass Menschen Gott Dank und Anbetung verweigern. Gegenüber dem Mitmenschen wird der Beziehungszerfall daran erkennbar, dass Liebe und Fürsorge füreinander erkalten. Konsequenz der Zerstörung der Beziehung zur außermenschlichen Mitwelt sind Raubbau und rücksichtslose Ausnutzung der Natur zugunsten der eigenen Lebenssteigerung. Mit der fatalen Konsequenz der Erderwärmung wie wir sie gerade erleben. Der Zerfall der Beziehung des Menschen zu sich selbst schließlich zeigt sich zuerst in der Scham, also in der Entfremdung zwischen Bewusstsein und eigener Leiblichkeit (1. Mose 3,1ff). Darüber hinaus treten Bewusstsein und Unterbewusstsein aus- und gegeneinander.
Schonungslos realistisch ist das biblische Resümee dieses vierfachen Beziehungszerfalls gegenüber Gott, dem Mitmenschen, der Natur und sich selbst: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“ (1. Mose 8,21); „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“ (Röm 3,23). Umso erstaunlicher, wie hoffnungsvoll optimistisch die Bibel ist, was die Aussicht auf Überwindung dieser Situation betrifft: Sowohl das Alte als auch das Neue Testament haben als Ziel, dass der Mensch in seiner ursprünglichen Beziehungsfähigkeit wieder hergestellt wird. Allerdings kann der Mensch sich nicht aus eigener Kraft von seiner Sünde befreien: weder durch Verdrängung noch durch Bagatellisierung, weder durch eigene Anstrengung noch durch Wiedergutmachung.
Sünde und Schuld werden allein dadurch überwunden, dass einzelne Menschen und ganze Völker ihre Schuld vor Gott bekennen und dadurch Vergebung empfangen. Der ganze Opferkult des Alten Testaments stellt ein täglich wiederholtes öffentliches Bekenntnis des Volkes Israel zu seiner Sünde und gleichzeitig von Gottes Zuspruch der Vergebung dar. Dieses Geschehen gipfelt im Großen Versöhnungstag, dem Jom Kippur (vgl. bes. 3. Mose 16). An diesem Tag ist es die Aufgabe des Hohenpriesters, „für sich und sein Haus und für die ganze Gemeinde Israel“ (V. 17) durch bestimmte Opferhandlungen Sühne zu schaffen.
Das Alte Testament kennt neben dem Schuldbekenntnis des ganzen Volkes auch bereits das persönlich formulierte Sündenbekenntnis des einzelnen Menschen mit dem Zuspruch der Vergebung durch einen Priester oder Propheten. Berühmtestes Beispiel dafür ist David, der vor dem Propheten Nathan seinen Ehebruch mit Bathseba eingesteht und von diesem im Namen Gottes die Vergebung zugesprochen bekommt: „Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den Herrn. Nathan sprach zu David: So hat auch der Herr deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben“ (2. Sam 12,13).
Das Neue Testament ist nicht anders als das Alte davon überzeugt, dass jeder Mensch in seiner Schuld gefangen ist. Die Verkündigung Jesu Christi wird mit den gleichen Worten wie die Johannes des Täufers zusammengefasst: „Tut Buße, d.h. kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 3,2; 4,17). Allerdings verändert sich die Art und Weise, in der im Neuen Testament Sünde vergeben wird, gegenüber dem Alten Testament an einem entscheidenden Punkt: Vergebung der Sünden gibt es nicht mehr durch die Darbringung von Opfern, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus. Dass Jesus Zöllner und Sünder annahm, ihnen vergab und gemeinsam mit ihnen aß, hat schon zu seinen Lebzeiten eine regelrechte Volksbewegung ausgelöst. Nach der Auferstehung Jesu Christi verkündigte Petrus an Pfingsten der Volksmenge: „Tut Buße, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes“ (Apg 2,38). Bei jeder Abendmahlsfeier erfahren wir mit allen Sinnen: indem wir sehen, riechen und schmecken, dass Gott uns durch den Glauben an Jesus Christus vergibt.

3. Vor über 500 Jahren entdeckte Martin Luther den Kern der Botschaft Jesu Christi neu: Gott vergibt Sünde und Schuld ohne Vorleistungen, weil er „ein glühender Backofen voller Liebe“ ist! Offensichtlich traf der Reformator damit den Nerv seiner Zeit: In Scharen sind Menschen damals (freiwillig!) evangelisch geworden. Das Evangelium von der bedingungslosen Gnade Gottes muss viele Menschen ungeheuer entlastet haben.
Das Wissen um die Größe der göttlichen Gnade in Jesus Christus gibt Luther die Freiheit, die Größe der menschlichen Schuld nicht beschönigen zu müssen. In einem Seelsorgebrief schreibt er: „Hüte dich darum, je solche Reinheit anzustreben, daß du vor dir nicht mehr als Sünder erscheinen willst, ja gar keiner mehr sein willst. Denn Christus wohnt nur unter Sündern. Dazu kam er ja vom Himmel, wo er unter Gerechten wohnte, damit er auch unter Sündern Wohnung nehme. Solcher seiner Liebe sinne immer wieder nach. Und du wirst seinen gar süßen Trost erfahren.“[1]
Noch eindringlicher spricht Luther in seiner Vorlesung über den Galaterbrief von der Schwere der Sünde: „Du darfst dir nicht träumen lassen, als wären deine Sünden so klein, daß sie mit deinen Werken getilgt werden könnten. Du darfst aber auch nicht verzweifeln wegen ihrer Größe, als müßtest du sie einmal im Leben oder im Tod noch ernstlich fühlen. Sondern lerne hier aus Paulus das glauben, daß Christus nicht für erdichtete oder gemalte Sünden, sondern für wirkliche Sünden, nicht für kleine, sondern sehr große, nicht für die eine und andere, sondern für alle, nicht für überwundene … sondern für unüberwundene Sünden sich dahin gegeben hat.“[2]

4. Allerdings ist es notwendig, diese Überlegungen vor einem schwerwiegenden Missverständnis zu schützen. Sünder zu sein ist nicht Ausdruck einer kleinmachenden und entmündigenden, sondern einer heilsam rettenden Erfahrung. Jeder Mensch wird immer wieder schuldig. Zu versagen gehört zum Menschsein. Niemand kann dem entgehen. Ich stehe zu mir und zu meinem Leben, wenn ich meine Schuld eingestehe. Indem ich meine Schuld jedoch leugne, bagatellisiere oder verdränge, missachte ich mein Menschsein. Schuldbekenntnis und Vergebungszusage stellen Zeichen menschlicher Würde dar. Das Sündersein des Menschen sollte – anders als eine jahrhundertelange Tradition in der Kirche es suggerierte – nicht länger als eine kleinmachende, entmündigende Erfahrung missverstanden werden. Vielmehr sollte es als heilsame, ja rettende Erfahrung begriffen werden. Indem ich vor Gott in der Beichte zu meinem Sündersein stehe, kehre ich in eine Selbstbegrenzung ein, die mir letztlich zugutekommt. Ich muss nicht mehr sein als ein vor Gott und Menschen begrenztes Geschöpf.
Im Bekennen von Schuld und Versagen vor Gott und in der Erfahrung von Vergebung liegt eine Lebenskraft verborgen, die heute leider weithin unbekannt ist und deshalb ungenutzt bleibt. Indem ich im Glauben dem Urteil Gottes über mich rechtgebe, trete ich auf die Seite Jesu Christi, der die Wahrheit und das Leben ist und erhalte Anteil an dessen göttlichen Lebenskräften.
Dafür zum Schluss ein Beispiel: Jemand wird immer wieder am 8. Gebot schuldig: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.“ Er sagt seinen Mitmenschen nicht die Wahrheit, weil er vor ihnen besser dastehen will, als er ist. Findet er den Mut, seine Sünde einzugestehen, wird sie ihm vor Gott und Menschen vergeben. Dadurch kann er einen entscheidenden Schritt weiterkommen. Vielleicht erkennt er, dass dieses Verhalten auf einem schwachen Selbstwertgefühl beruht. Egal was der Grund für dieses schwache Selbstbewusstsein ist: Indem er seine Schuld eingesteht und Vergebung erfährt, hat er die Chance, an Selbstwert zu gewinnen. Ihm wird bewusst: Ich bin ein von Gott gewollter, geliebter und gebrauchter Mensch. So kann ihm die Kraft zuteilwerden, sich den Mitmenschen mit seinen Schwächen und seinem Versagen zuzumuten und ihnen Stück für Stück wahrhaftiger zu begegnen. Indem er seine Schuld erkennt und Vergebung erfährt, wird er in der Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen authentischer werden.
Dass die christliche Rede von Schuld und Vergebung den Menschen zu entlasten vermag und ihm gleichzeitig seine Verantwortlichkeit zurückgibt und so zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im kirchlichen, erst recht nicht im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Um hier ein neues Bewusstsein zu fördern, sind aufseiten von Kirche und Theologie Fantasie und Beharrlichkeit gefragt. Die heutige Predigt wollte einen Mosaikstein dazu beitragen.
Amen.


[1] Martin Luther, WA Br 1, 35, 28–32 (11) (Brief an Georg Spenlein vom 8. April 1516).

[2] Martin Luther, WA 40 I, 87, 22–28 (Galater-Kommentar von 1535).

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