Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 29. Juli 2018

We are sorry - this page is not available in your language.
You might use Google Translate™ to get an automatically translated version of this page by clicking the following link:

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 29. Juli 2018

29.07.2018

zu Jeremia 1, 4 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
bald nach Beginn meiner Dienstzeit in der Bischofskanzlei wurde ein neuer Präsident des Landeskirchenamtes gesucht. Der damalige Präsident ging 2009 in den Ruhestand. Landesbischof Bohl machte sich in Absprache mit den Oberlandeskirchenräten intensiv auf die Suche. Eine ganze Reihe von Kandidaten, die man für geeignet hielt, wurde angesprochen. Aber überall gab es Absagen. Einer wollte seine vorpommersche Heimat nicht verlassen. Ein anderer hatte eine Frau, die ihren Freundeskreis in Berlin nicht aufgeben wollte. Wieder andere hatten andere mehr oder weniger gute Gründe, aus denen sie das ihnen angetragene Amt nicht annehmen konnten. Nur der jetzige Präsident, der im kommenden Jahr in den Ruhestand ging, war bereit, die ihm angetragene Verantwortung anzunehmen.
Dieses Beispiel ist nur eines für eine Tendenz unserer heutigen Zeit. Da wird Menschen eine Aufgabe angetragen, aber sie heben nur die Hände. Unsere Gemeindepädagogin Ortrun Peuckert beispielsweise sucht seit Monaten händeringend nach einer Verstärkung für das Kindergottesdienst-Team. Aber sie handelt sich in ähnlicher Weise nur Absagen ein. Niemand von den Angesprochenen war bisher bereit, an dieser Stelle Verantwortung zu übernehmen. Das macht es auf Dauer schwer, in jedem Gottesdienst einen Kindergottesdienst anzubieten.
Sich einer Verantwortung zu stellen, diese auch in guter Weise wahrzunehmen, fällt den Menschen unserer Zeit immer schwerer.
Das Ganze hat aber auch noch eine andere Dimension. Es gibt ja auch Aufgaben, die werden nicht von Menschen an einen herangetragen; das sind Aufgaben, mit denen konfrontiert uns das Leben – als Christen würden wir sagen: Aufgaben, die Gott an uns heranträgt: Ein werdendes Leben, das sich im Mutterleib entfalten will; ein Mensch, dessen Lebensweg den eigenen kreuzt und der Hilfe benötigt; eine Krankheit, die die Pflege eines Menschen durch seine Familie erfordert; auch an das Sterben eines Menschen ist da zu denken, das seine Angehörigen vor die Aufgabe stellt, diesen letzten Weg zu begleiten und den Sterbenden zu unterstützen.
Dann stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen. Verweigern wir uns oder stellen wir uns der Verantwortung?
Diese Frage stellt sich nicht nur im Kleinen, im persönlichen Bereich, sondern auch in globaler Hinsicht. Als ich neulich einen Bericht von den Waldbränden in Schweden hörte, da dachte ich, vor zwanzig Jahren hätte man so eine Nachricht nur in einem Katastrophenfilm gehört. Es herrschen Mittelmeertemperaturen am Nordrand der Ostsee und Wassertemperaturen von 23 Grad, wo eigentlich 15 Grad das Normale wären. Wie gehen wir als Einzelne, wie gehen die Regierenden, wie geht die Menschheit insgesamt mit der Verantwortung für Gottes Schöpfung um? Tun wir etwas? Oder machen wir es wie der junge Jeremia, heben die Hände und sagen: „Ach, ach, Herr, es geht nicht. Ich kann es nicht“?
Jeremia hatte übrigens allen Grund, sich der Aufgabe zu verweigern ein Prophet zu werden. Seine Aufgabe sollte es sein, dem König, den Mächtigen und auch dem ganzen Volk Israel Gottes Gericht anzusagen. Das Fehlverhalten des Volkes Israel hatte Gott dazu bewogen, seine schützende Hand von ihm zu nehmen. Nun würde es den Mächten seiner Zeit hilflos ausgeliefert sein. Das hatte Jeremia anzukündigen. Er hatte es nicht nur anzukündigen; Gott legte es ihm buchstäblich in den Mund. Jeremia sah, dass die Menschen so etwas aus seinem Mund nicht gern hören werden. Niemand würde ihm glauben. Die Mächtigen würden kurzsichtig ihre Machtspielchen weiter spielen. Juda würde unter die Räder der Großmächte geraten. Was der Prophet nur ahnen konnte: Jeremia selbst sollte schlimmste Anfeindungen, Torturen und schließlich ein unfreiwilliges Exil in Ägypten erleiden. Grund genug, sich dem Prophetenamt zu verweigern.
Gott aber lässt dem Propheten keine Wahl. Eine Berufung durch Gott ist kein unverbindliches Angebot zu einem Stellenwechsel. Eine Berufung Gottes ist eben eine Berufung durch den Herrscher über Himmel und Erde. Dem kann man sich nicht verweigern. Es geht also um den Gehorsam Gott gegenüber. Jeremia nimmt nach anfänglichem Widerstand den Willen Gottes für sein Leben letztlich doch wichtiger als seinen eigenen Willen, seine eigenen Interessen und Wünsche, Hoffnungen und Vorhaben. Er setzt den Willen Gottes für sein Leben dann doch an die erste Stelle.
Gott lässt Jeremia mit seinem schweren Auftrag aber nicht allein. Er sichert ihm zu, seinen Weg zu begleiten und den Propheten zu erretten. Jeremia wird an jedem neuen Tag die Kraft zuwachsen, seinem Amt gerecht zu werden. Er wird die Worte finden und eingegeben bekommen, die er zu sagen hat. Er wird den Mut finden, sich den Anfeindungen und Schmähungen auszusetzen. Er wird in allem Schweren die schützende Hand Gottes über seinem Leben spüren. Am Ende werden die Gegner des Propheten ins Unrecht gestellt werden und der Prophet Recht bekommen. Seine Schüler werden seine Worte aufschreiben und überliefern, um das zu bezeugen. Jeremia vertraut seinem Herrn. So vor allem kann er sein Prophetenamt übernehmen und seinem Auftrag gerecht werden.
Nun sind wir alle keine Propheten. Gott sei Dank, möchte man sagen. Aber dennoch werden wir alle in unserem Leben in der einen oder anderen Weise von Gott mit einer Aufgabe konfrontiert. Anfangs habe ich dazu ja einige Beispiele genannt. Immer wieder erleben auch wir, dass Gott zu uns spricht oder uns eine Aufgabe vor die Füße legt. Es ist nur die Frage, ob wir auch hinhören. Und ob wir dann die Hände heben oder sie öffnen, damit die Aufgabe uns in die Hände gelegt werden kann.
Ich erinnere mich noch an die langen Gesichter eines verwandten Paares, das eigentlich froh war, die beiden Kinder schon einigermaßen groß zu haben. Dann wurde die Frau mit Anfang 40 noch einmal schwanger. Noch einmal durchwachte Nächte, Windeln, alles von vorn. Aber für sie kam eine Abtreibung nicht in Frage und nun ist der Nachzügler ein so wundervolles Kind, das sie dankbar sind, diese Aufgabe damals angenommen zu haben.
Gott konfrontiert uns in der einen oder anderen Weise mit Aufgaben. Und: Er erwartet dabei durchaus Gehorsam von uns. Viele meinen heute ja, Religion sei dazu da, dem Leben noch etwas an Tiefe zu geben, das Leben noch schöner und besser zu gestalten. Das ist nicht völlig falsch. Aber der Glaube ist kein Wellness-Angebot. Der Glaube will das Leben prägen. Auf Christus zu vertrauen schließt auch den Gehorsam gegenüber unserem Herrn ein. Viele vermeiden heute dieses Wort „Herr“, weil sie es zu männlich finden. Natürlich ist Gott kein Mann. Aber er will der Herr unseres Lebens sein. Dem konnte sich Jeremia nicht entziehen. Wir können es eigentlich auch nicht.
Uns gilt aber auch in gleicher Weise wie Jeremia die Zusage Gottes, uns nicht mit unserer Aufgabe allein zu lassen. Gott erwartet von uns nicht mehr, als wir leisten können. Er erwartet von uns nicht mehr, als wir mit seiner Hilfe bewältigen können. „Wie ich das damals geschafft habe, ist mir heute noch ein Rätsel“, sagen wir manchmal. Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Gott hat uns die Kraft dazu geschenkt. Im Nachhinein spürt man dann, dass es ohne diese Kraft gar nicht möglich gewesen wäre. Aus eigenen Kräften wäre es nicht gegangen, das zu tun, was uns aufgegeben war.
Als ich am Montag den Predigttext las, war mir schnell klar, was mein Thema sein würde: eben die Aufgaben, die Gott an uns heranträgt. Am Donnerstagabend sehr spät klingelte mein Telefon und es kam genau eine solche Aufgabe, die mich vermutlich einige Zeit beschäftigen wird. – So ist es im Leben mit Jesus Christus: Hinhören – sich der Aufgabe stellen – vertrauen, dass sie mit seiner Hilfe auch zu bewältigen sein wird.
Amen.

all news


Kommentare

No comments

Add comment

Fields marked with an asterisk (*) must be filled.

to top