Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 18. August 2019

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Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis, 18. August 2019

18.08.2019

zu Philipper 3, 4b - 14; gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Schwestern und Brüder,
die Vita des Paulus von Tarsus ist beeindruckend. Damit kann er glänzen und bei jeder Bewerbung um eine Stelle im religiösen Dienst mit enormen Aufstiegschancen rechnen. Da stimmt doch offensichtlich alles: Herkunft, Lebensführung, Ernsthaftigkeit, Gottesfurcht, Hingabe, Ausbildung. Einfach komplett tadellos. Schnell ertappe ich mich dabei, diese Art von „Lebensleistung“ ausschließlich negativ zu sehen. War Saulus einfach nur ein Bösewicht, der wie so viele anderen schaden wollte? Die Pharisäer haben in der Kirchengeschichte bis auf den heutigen Tag ein ausschließlich negatives Image bekommen. Wissen wir Christen wirklich alles besser? Schätzen wir uns selbst viel besser ein? Halt. Hier sind zunächst einmal Vorsicht und Fingerspitzengefühl gefragt. Überlegenheitsdenken auch unter christlichen Vorzeichen führt zu geistlichem Hochmut.
Und daraus ist in der Kirchengeschichte noch nie etwas Gutes erwachsen. Natürlich kann einem das Messer in der Tasche aufgehen, wenn man die Geschichte von der Steinigung des Diakones Stephanus in der Apostelgeschichte liest.
Da heißt es: „Saulus aber hatte Gefallen an seinem Tode“.
Kann man für diesen Saulus Verständnis haben?
Ja, es wird uns zugemutet.
Ansonsten lassen sich der tiefgreifende Wandel im Innersten seiner Person und damit auch seine radikalen Aussagen im heutigen Predigttext nicht verstehen. Das oft benutzte Sprichwort: „Da wird einer vom Saulus zum Paulus“ trifft nicht wirklich den Kern der Sache. Man versteht ja darunter, wenn jemand ein wahrnehmbar besseres Verhalten an den Tag legt, also negative Charakterzüge ablegt und durch positive ersetzt. Das trifft aber auf Saulus so nicht zu. Er ist nicht ein besserer Mensch geworden.
Der auferstandene Herr Jesus ist ihm in sehr eindrucksvoller Weise begegnet. Und dieses Ereignis vor Damaskus krempelte ihn in seinem Innersten komplett um. Er wurde ein Mensch mit einer völlig neuen Lebensgrundlage und Perspektive.  Er wurde also nicht ein besserer Mensch, sondern wie er es später selbst ausdrückt: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Kor 5, 17)
Aus einem Eiferer für Gott ist ein Diener seiner Barmherzigkeit geworden. Im Zustand eines neuen Seins, einer neuen Schöpfung, verändern sich seine Wertvorstellungen ganz radikal.
Paulus wird gewahr, dass es zwischen seiner tadellosen, hingegebenen Frömmigkeit und dem von Gott geschenkten Glauben an den Auferstandenen überhaupt keine, auch nicht die allergeringsten Schnittmengen gibt.
Zu dieser Einsicht kommt er nicht durch seine religiöse Praxis, nicht durch intensives Nachdenken und auch nicht durch weltverändernde Visionen. Bei ihm vollzieht sich das, was Jesus zu Nikodemus sagt: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Joh. 3, 3) In dieser „neuen Geburt“ kommt Gott dem Menschen ganz persönlich sehr nahe. Das Leben definiert sich nicht mehr nach Ansehen, Leistung oder religiösen Geboten und Verboten. Der menschlich so verständliche Wunsch, doch wenigstens ein klein bisschen besser als der andere zu sein, ein paar Vorzüge mehr aufweisen zu können, ja doch alles viel richtiger, umfassender, einsatzbereiter und tadelloser zu erledigen wird ad absurdum geführt. Die Präses der westfälischen Kirche, Annette Kurschus, sagte bei einer Podiumsdiskussion etwas sehr wichtiges zu ihren Pfarrern und Mitarbeitern sinngemäß so: „Definiert euch nicht über einen gestrichen vollen Terminkalender. Dahinter steht der Gedanke, man selbst sei derjenige, der sein Leben füllen müsse.“
Nicht die Selbstpräsentation vor anderen oder der Öffentlichkeit steht im Mittelpunkt der Gottesbeziehung. Das ist ja alles vergänglich.
Denken wir doch einmal an die vielen hochgelobten Promis, die abgrundtief gefallen sind und in der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen werden. Sie gibt es nicht nur im Entertainmentbereich. Auch so manch ein „frommer“ Leiter ist davon nicht verschont geblieben. Seit dem Ereignis vor Damaskus lesen wir in der Bibel nicht mehr von Saulus, sondern von Paulus. Dieser aus dem Lateinischen kommende Name sagt in seiner Bedeutung etwas Wesentliches aus: er bedeutet so viel wie „klein oder gering“. Der große Völkerapostel hält sich selbst für klein und gering. Im Korintherbrief drückt er es so aus: „Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.“ (1. Kor. 15, 9) Damit wird er aber nicht zu einem kleinen grauen Mäuschen. Nein. Er definiert sich von nun an über Jesus Christus und seinem Erlösungswerk. Von Jesus bekennen wir ja Sonntag für Sonntag: „Er sitzt zur Rechten des allmächtigen Vaters…“ Das gesamte Leben des Paulus kreist nun einzig und allein um Jesus. Was ER will, dass will auch Paulus tun, egal was die Leute darüber denken oder tratschen. Das Ziel seines Lebens und Glaubens ist die Ewigkeit in Gottes Reich. Dort will er hin.
Und dabei hat er eingesehen, dass es zu diesem Reiseziel keine Fahrkarten auf dieser Welt zu kaufen gibt.
Nur der von Gott selbst ausgestellte Gutschein, also die Taufe, taugt dazu, wird er denn auch eingelöst. Aus der täglichen Praxis wissen wir ja, dass zu Hause herumliegende Gutscheine nichts bringen. Lässt man sie verfallen, dann werden sie wertlos.
Diesen „Gutschein“ Gottes will der Apostel bis zum Ziel einlösen. Fortwährend ist sein Denken und Handeln von der schenkenden Liebe Gottes bestimmt. Paulus ist davon so tief berührt, dass er für diesen Gutschein alles auf eine Karte setzt. Vielleicht befremdet uns heute diese Radikalität etwas. Ein wenig „wohltemperierter“ käme uns sicher mehr entgegen. Aber das Zentrum unseres christlichen Glaubens sind eben Tod und Auferstehung Jesu als Grundlagen für das verheißene ewige Leben in Gottes Herrlichkeit und nicht ein paar „göttliche“ Korrekturen an unserem Sein und unserer Welt. Ja, es fällt oft schwer, diese Komplementarität auszuhalten. Die Verantwortung für das Heute und Hier in seiner Vorläufigkeit gilt es zu leben und dabei gleichermaßen ganz bewusst auf das große Ziel der Ewigkeit zuzugehen. Beides gehört untrennbar zusammen. Vielleicht hilft uns in der derzeit eher Diesseitigen Ausrichtung der christlichen Botschaft ein gewichtiges Wort des Apostels Paulus weiter: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen“. (1. Kor. 15, 19) Es bleibt letztlich die Frage an jede Einzelne und an jeden Einzelnen: Was treibt mich an und was ist mein Ziel. Der heutige Sonntag lädt uns in einer ganz besonderen Weise zu einem Nachdenken über die Grundlagen und das Ziel unseres christlichen Lebensstiles ein.
Amen.

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