Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juli 2018

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Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juli 2018

15.07.2018

zu Philipper 2, 1 - 4; gehalten von Prädikant Matthias Neubert

Liebe Gemeinde,
wie bei einer Bildbetrachtung ist es für diesen Text wichtig, den Hintergrund zu sehen. Aber auch den  Vordergrund sollten wir nicht außer Acht lassen. Der Fokus soll natürlich auf das Hauptobjekt gerichtet sein.
Als Hintergrund für diese mahnenden und auch fordernd klingenden Sätze an die Vorzeigegemeinde in Philippi dient der Wochenspruch.
Er zeigt die nach uns Menschen ausgestreckten Hände des himmlischen Vaters. Er möchte, dass seine Gemeinde eine starke Ausstrahlung auf ihr Umfeld hat. Deshalb ist Jesus in diese Welt gekommen und hat durch seinen Opfertod am Kreuz das durch die Sünde gestörte Verhältnis zu Gott wieder hergestellt. Wie wir im Weiteren sehen werden ist die Beziehung zum lebendigen Gott Dreh- und Angelpunkt auch der Beziehung von uns Menschen untereinander.
Der Vordergrund wird uns in diesem kurzen Text etwas vorenthalten: Erst in den folgenden Versen gerät er in den Fokus. Wir können aber sicher gehen, dass es sich bei unserem Textabschnitt nicht um paulinisches Wunschdenken noch um einen Moralkodex handelt. Denn im Vers 5 steht: „Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“
Das ist mehr als eine Vereinssatzung oder ein Verhaltensanspruch besonders guter Menschen untereinander.
Hier geht es um eine Dimension, die nur Gott selbst durch seinen Heiligen Geist schaffen kann. Natürlich bedarf es dazu auch Menschen, die sich auf diesen Anspruch einlassen und ihn durch ihr Verhalten Wirklichkeit werden lassen wollen.
Und damit sind wir beim Hauptobjekt, den Qualitäten einer durch den Geist Jesu geprägten Gemeinschaft. Denn menschlich gesehen sind die Aufforderungen in diesen vier Versen nicht erfüllbar.
Da hilft auch der beste Vorsatz nicht. In der Geschichte der christlichen Kirche hat es von Anbeginn an Bestrebungen gegeben, auf seelischer Basis mit großer Ernsthaftigkeit Gemeinde zu bauen.
Die Ergebnisse solcher Versuche sind bis zum heutigen Tag immer die gleichen: Verfall in eine starre Gesetzlichkeit oder Abdrift in die Schwärmerei. Im Falle von enger Gesetzlichkeit versucht man den Menschen durch unbedingt einzuhaltende Verbote und Regeln förmlich zu „seinem Heil“ zu zwingen. Jede noch so kleine scheinbare oder wirkliche Verfehlung zieht disziplinarische Maßnahmen nach sich. Es entsteht, wenn auch durch viel frommes Vokabular kaschiert, eine Atmosphäre der Angst und Unterdrückung. Ich kenne eine Frau, die in ihrer Kindheit und Jugend diesen ungeistlichen Druck erleiden musste. Sie hat sich bis heute vom Christentum konsequent losgesagt.
Die andere Seite der Medaille ist die Schwärmerei. Hier wird der Fokus ausschließlich auf Jesus und seine Möglichkeiten gerichtet. Das ist zunächst ja nicht falsch. Wenn dabei aber der Mensch neben mir in seiner kreatürlichen Beschränktheit nicht mehr wahr und ernst genommen wird, dann entsteht eine Atmosphäre der seelischen Aufheizung. Sie sucht immer wieder neu das Erlebnis, anstatt sich im Lichte Gottes mit seinen eigenen Fehlern und Schwächen auseinanderzusetzen. Auch hier könnte ich manches Beispiel anfügen, das ich besonders in meinem Berufsleben an der Musikschule seitens von Schülern und deren Eltern erlebt habe.
Beide Ansatzpunkte entsprechen nicht dem Anliegen des Apostels. Sie dienen auch nicht der Berufung, die eine christliche Gemeinde hat.
Zwischen diesen beiden extremen Fehlentwicklungen gab und gibt es auch weit verbreitet eine Art christliches Vereinswesen. Damit meine ich nicht den Verein als Rechtskörperschaft, wie ihn freie Gemeinden und Werke nutzen. Gemeinde im Vereinsmodus läuft auf der Basis von Interessengemeinschaft und handelt mehr oder weniger nach dem Prinzip von Nützlichkeit, sowie Sympathie und Antipathie. Es finden sich die zusammen, die sich irgendwie kennen, brauchen und mögen. Andere kommen selten hinzu und bleiben dann häufig und ohne großes Aufsehen schnell wieder weg. Man kennt sich, man schätzt sich und man wird alt miteinander. Da gibt es nichts Anstößiges oder Verurteilungswürdiges daran.
Im Gegenteil: Schön, wer so sozial eingebunden ist. Die Kennzeichen einer christlichen Gemeinde sind aber viel tiefer gehend.
Sicherlich existieren diese drei Modelle nicht in Reinform. Aber derartige eigentümliche Prägungen können Außenstehende sehr wohl oft deutlicher als Insider wahrnehmen.
Nehmen wir unseren Text heute ernst, so kann er doch etwas auf den Magen schlagen. Dreimal ist von Liebe in Bezug auf andere die Rede. Und damit ist nicht die Zuneigung zu einem mir sympathischen Menschen gemeint. Paulus fordert die Gemeinde auf, den anderen zu lieben, weil er auch zu Jesus Christus gehört.
Diese Art von Liebe liegt nicht im Bereich der menschlichen Möglichkeiten weil sie nicht aus einem Gefühl entspringt.
Sie ist ein Kontrastprogramm zur allgemein üblichen Sortierung anderer in Sympathische und Unsympathische.
Ein kleines Beispiel:
In den 1980-ziger Jahren wurden in manchen Gemeinden Kirchenwochen durchgeführt. Die Gemeinde lud sich für eine Woche vor allem jugendliche Gäste ein, beherbergte sie privat, versorgte sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten und bot ein intensives geistliches Programm mit Bibelarbeiten, Stille Zeit Gruppen, Gottesdiensten und Seelsorge an. Ein Mitarbeiterteam aus Hauptamtlichen und vor allem auch Ehrenamtlichen trug für diese Woche die gesamte Verantwortung.
Mit einer gewissen List umging man so die enge Reglementierung der kirchlichen Jugendarbeit in der DDR. Auch Gäste aus der „freien Welt“ hatten dabei eine Möglichkeit Grußworte zu sprechen. Meist fanden diese häufig unter den Augen und Ohren der Firma „Horch und Guck“ statt. Sie konnten durchaus die Länge von ausgewachsenen Bibelarbeiten oder Predigten erreichen. Ich durfte mehrere dieser Kirchenwochen als Mitarbeiter und Leiter mit gestalten. In unserem Team war eine Frau, die das Rentenalter bereits erreicht hatte. Sie schaute aus meiner Wahrnehmung heraus uns Jüngere hinter ihrer etwas antiquierten Brille mit strengem, äußerst kritischen Blick an. Zudem trank sie auch größter Hitze nur selbst gekochten Tee aus ihrer Thermoskanne. Mir war sie sehr unsympathisch.
Andererseits spürte ich ihre ehrliche Hingabe. Die Notwendigen eines Korrektivs in unserer teilweise geistlichen Unerfahrenheit konnte ich nicht abstreiten.
Da wurde mir wohl zum ersten Mal bewusst was es heißt, einen anderen Menschen um Jesu Willen anzunehmen. Ich ging zu der Frau und dankte ihr aus aufrichtigem Herzen für ihr Dabeisein und ihren wertvollen Dienst. Von da an gab es keine Probleme im Miteinander mehr. Ihren kritischen Blick behielt sie auch weiterhin. Er wurde von mir aber nicht mehr als erhobener Zeigefinger empfunden. Er sagte mir vielmehr: Bist du noch auf die Hauptsache, bist du noch auf Jesus und den Bau seiner Gemeinde ausgerichtet?
Für Paulus war es primär wichtig, dass eine Gemeinde nicht vordergründig von den Stärken einzelner lebt. Für ihn steht an erster Stelle: Ist der Geist Jesu, der Heilige Geist, das dominierende Bindeglied zwischen aller Verschiedenartigkeit der Gemeindeglieder? Auch in einer intakten christlichen Gemeinde darf sich jeder in seiner Einzigartigkeit einbringen. Auch Spannungen und Auseinandersetzungen mit dem Ringen um gute, tragbare Lösungen von Problemen sind zulässig. Gleichschaltung mit entsprechenden Denkverboten sind im Gegensatz dazu Markenzeichen von einer wie auch immer gefärbten Ideologie. Denken wir dabei an den verordneten Applaus beim Auftritt des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un.
Die von Gott gewollte Individualität löst sich in einer christlichen Gemeinde nicht einfach auf. Aber alles Profilierungsbestreben auf Kosten anderer hat keinen Platz in ihr.
Die Sinnstiftung liegt in der Person Jesu und nicht in der sachlichen Interessengleichheit. Paulus stellt uns Schlechthin den Mitchristen, so wie er eben ist und nicht wie ich ihn gerne hätte, in den Fokus. Die Stellung zu ihm ist ein geistlicher Gradmesser für die Sendung der Gemeinde durch die Zeit. Das Wort „Erfolg“ gibt es übrigens in unserer Bibel lediglich an zwei Stellen im Alten Testament. Dort wird es im negativen Sinne (wird keinen Erfolg haben) gebraucht. Eine einzige weitere Stelle kommt in den Apokryphen vor. Und im Neuen Testament? Keine. Fehlanzeige.
Die geistliche Kraft einer Gemeinde basiert ganz wesentlich auf dem Umgang ihrer Glieder miteinander. Nicht der Erfolg oder die Außendarstellung sind die entscheidenden Kriterien bei der Beurteilung einer Gemeinde. Eine viel größere Rolle spielt die gegenseitige Achtsamkeit und das durch den Geist Jesu geprägte Miteinander. Es gehört heute mehr denn je Mut dazu, sich selbst zurück zu nehmen und den anderen den Vortritt zu lassen, ihm Anerkennung zu geben. Dabei geht es um mitfühlende Wertschätzung, nicht um Lobhudelei, wie sie gerade in christlichen Kreisen leider zu oft in penetranter Weise zu finden ist. Einen anderen höher als sich selbst zu achten schließt Kritik nicht aus. Es ist eine Frage der Motivation: Will ich dem anderen damit helfen, oder will ich bloß zeigen, dass ich es eigentlich besser könnte. Dietrich Bonhoeffer hat es kurz und treffend so formuliert: „Wer seine eigene Ehre sucht, der sucht schon nicht mehr Gott und den Nächsten.“
Alles in unserem heutigen Text Gesagte lässt sich zusammenfassen in der Frage:
Was ist meine Motivation in der Gemeinde? Worauf bin ich ausgerichtet? Ist es ein Leben auf das Ziel der Ewigkeit bei Gott zu?
Wird durch die „Gemeinschaft der Heiligen“, so wie wir sie im apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, etwas vom Wesen des unsichtbaren Gottes in dieser sichtbaren Welt anschaubar und erfahrbar? Das ist nämlich unsere Berufung, die mit Taufe und Konfirmation Bestandteil unseres Lebens geworden ist. Man könnte jetzt eine Umfrage machen:
Wie sehen sie unsere Gemeinde?
Was gefällt ihnen und was nicht?
Was sollte unbedingt geändert werden? Usw.
Ich halte so ein Vorgehen für kaum hilfreich. Konterkariert es ja regelrecht das Anliegen unseres heutigen Predigttextes. Denn am Ende kommen doch wohl hauptsächlich Forderungen an „die anderen“ heraus.
Für viel hilfreicher erscheint mir, in die Worte des allgemeinen Beichtgebetes auch erkannte eigene Fehler und Schwächen im Blick auf das gemeindliche Zusammenleben ganz konkret zu legen. Jede noch so kleine positive Veränderung beginnt beim einzelnen und nicht mit einem mehrheitsfähigen Programm. Was bei Paulus vielleicht manchmal etwas idealisiert klingen mag, ist doch nichts weiter als eine Einladung zur glaubwürdigen Nachfolge Jesu, für jeden  Einzelnen und für die Gemeinde, als Leib Christi.
Amen.

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