Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juli 2019

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Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juli 2019

21.07.2019

zu Matthäus 9, 35 - 10, 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Im Traum erschien ihm eine Gestalt umhüllt in lauter Licht. Er fühlte, dass es Jesus war. „Ich brauche Dich“, sagte der zu ihm. „Werde Pfarrer! Predige das Evangelium!“

Liebe Gemeinde,
so stellt sich mancher vielleicht die Berufung eines jungen Men­schen zum Pfarrer vor. Dem einen oder der anderen Kollegen mag es auch so ergangen sein. Zu mir sind – vielleicht dazu von Christus bewegt – Menschen gekommen und haben mich berufen. Da war der ältere Mitschüler, der fragte, ob ich im Kindergottesdienst mitarbeiten würde. Da waren die Kollegen im Zivildienst, die in mir den zukünftigen Pfarrer sahen und mich dadurch zum Nachdenken darüber brachten. Aber geht es in der Geschichte von der Berufung der Jünger überhaupt um Pfarrer?
Jesus ist im Namen Gottes unterwegs. Er predigt den Menschen von der Liebe Gottes. Er lässt sie diese Liebe spüren, indem er sich ihnen zuwendet, indem er Menschen die Last ihrer Schuld von ihren Schultern nimmt, indem er Menschen von Krankheiten befreit. Aber Jesus allein kann die Menschen nicht erreichen. Darum beruft er die Jünger und schickt sie los. Sie sollen zu den „verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ gehen, also zu denen unter den Juden, die in Not und Elend leben und keine Möglichkeit haben, ein Leben nach dem Gesetz Gottes zu führen. Zu den Menschen, die keine Hoffnung mehr haben. Denen sollen sie die frohe Botschaft von dem nahen Gottesreich verkündigen.
Jesus schickt seine Jünger los, Menschen zur Umkehr zu rufen und ihnen das Evangelium von der Liebe Gottes zu verkündigen. Was läge näher, als darin für unsere heutige Zeit die innere und äußere Berufung von Pfarrerinnen und Pfarrern oder vielleicht auch den anderen haupt- und nebenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Verkündigungsdienst wieder zu erkennen?
Aber wenn etwas zu nahe liegt, dann kann es leicht zu einem Kurzschluss kommen. Denn wenn wir uns fragen, was die Berufungsgeschichte für uns heute bedeutet, dann wäre es viel zu kurz gegriffen, nur nach der Berufung von kirchlichen Mitarbeitern in der Verkündigung zu fragen.
Theologisch wäre es zu kurz gegriffen. Denn nach der Lehre un­serer lutherischen Kirche sind wir alle durch unsere Taufe zu Priestern berufen. Die meisten von uns sind vermutlich konfirmiert worden.. Ich weiß nicht, ob Sie sich damals darüber wirklich im Klaren waren, was das bedeutet. Mir war es im Konfirmandenalter nur zum Teil klar. Es bedeutet natürlich zum einen, sich zu seiner Kindertaufe zu bekennen. Es bedeutet aber auch und nicht weniger, sich zu seiner Berufung zum Verkündiger des Evangeliums zu bekennen. „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied dann des Amts halben allein. ... Demnach so werden wir allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht. ... Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben“, schrieb Martin Luther 1520 in seiner Schrift an den christlichen Adel. Wer getauft ist, der ist also grundsätzlich berufen, das Evangelium zu verkündigen. Lediglich die öffentliche Wortverkündigung ist denen vorbehalten, die dazu von der Kirche ordiniert worden sind. Luther sah beispielsweise eine ganz wichtige Funktion der Väter darin, so etwas wie ein Familienpfarrer zu sein. Der Kleine Katechismus, den manche von den Älteren in Ihrer Konfirmandenzeit noch auswendig lernen durften, ist zu diesem Zweck von ihm verfasst worden. Damit die Väter etwas an der Hand hatten, um den Glauben besser zu verstehen.
Es hat sich erwiesen, dass diese theologischen Überlegungen Luthers auch ganz praktisch wahr sind. In neuerer Zeit ist eine Untersuchung durchgeführt worden, wie denn Menschen zum Glauben kommen. Dabei hat man herausgefunden, dass am Anfang immer ein Verwandter, eine Freundin, ein Nachbar oder eine Kollegin steht, der vom Glauben erzählt oder den Glauben vorlebt oder die einen Kontakt zu einer Kirchgemeinde herstellt; also beispielsweise wenn es in einer Gemeinde eine interessante Ver­anstaltung gibt und man eingeladen wird, doch mal mitzukom­men. Erst kürzlich bin ich einer Frau begegnet, die kam aus einer ganz unkirchlichen Familie. Dann wollte sie als 12-jähriges Mädchen gern Gitarre lernen und bekam auf diese Weise Kontakt zu einer evangelischen Familie. Sie entschloss sich durch diese Begegnung den Konfirmandenunterricht zu besuchen und ließ sich zur Konfirmation taufen. Man kann dadurch gut sehen: Durch ganz normale Gemeindeglieder entsteht ein erster Kontakt zum Glauben und zur Gemeinde. Erst eine ganze Zeit später spielt dann ein Pfarrer eine Rolle: Wenn es dem suchenden Menschen ernst wird und er oder sie wissen will, worum es denn überhaupt wirklich geht im Glauben an Jesus Christus. Dann ist bei Erwachsenen ein Glaubenskurs sehr wichtig; auch die Predigten der Pfarrerin oder auch Gespräche mit dem Pfarrer. Durchschnittlich dauert es zwölf Jahre, bis jemand dann die Entscheidung trifft, sich taufen zu lassen. Aber einen solchen Prozess einleiten können nur die Menschen aus dem Umfeld eines Suchenden. Pfarrer sind dazu nicht geeignet.
Wir alle, die wir getauft sind, werden also hinausgeschickt, um das Evangelium zu verkündigen. Nun haben die meisten von uns ja keine theologische Ausbildung. Aber die braucht es auch nicht. Wir Theologen stehen ja zur Verfügung, wenn es theologische Fragen gibt. Aber was wir als Christen alle haben – oder doch wenigstens viele von uns, das sind Erfahrungen mit unseren Glauben, Erfahrungen mit dem dreieinigen Gott an unserer Seite auf dem Weg durch das Leben.
Da sind die Erfahrungen, in schweren Zeiten, vielleicht sogar in Not und Gefahr, bewahrt und durchgetragen worden zu sein. Meine Schwester hatte vor Jahren einen sehr schweren Unfall, weil ihr ein Kleinlaster auf ihrer Spur in einem Tunnel entgegen gekommen ist und sie nicht ausweichen konnte. Ihr Auto war nur noch ein Schrotthaufen. Sie trug mehrere Knochen- und Rippenbrüche davon. Eine gebrochene Rippe brachte einen Lungenflügel zum Kollabieren. Aber sie hat wie durch ein Wunder überlebt. Weil „zufällig“ eine Bekannte an die Unfallstelle kam und sofort den Notarzt herbeitelefonierte. Für uns war das kein Zufall, sondern eine Bewahrung und eine gnädige Fügung Gottes.
Da sind auch Erfahrungen von Schuld und Vergebung. Manchmal wird das Leben belastet von unguten Gefühlen. Jemand hat uns verletzt und diese Verletzung tut so weh, dass wir nicht vergeben können. Und dann gibt es die Erfahrung, dass es im Gebet möglich wird, diese Schuld dem Gekreuzigten anzuvertrauen und sie loszulassen, sie zu vergeben – und so frei zu werden und den Weg der Versöhnung zu beschreiten.
Da sind schließlich auch Erfahrungen der Nähe Gottes in seinem Heiligen Geist. Der Reformationstag vor zwei Jahren war für mich eine überaus bewegende Erfahrung der Gegenwart des Heiligen Geistes. Als wir im Abendmahl zusammenkamen aus allen Gemeinde Freibergs, die vorher oft so uneins waren, da war nach meinem Empfinden plötzlich eine Einheit in Christus da. Gottes Geist hat uns da etwas geschenkt. Das der Weg des Zusammenwachsens der Gemeinden in der Region überhaupt beschritten werden konnte, hat etwas mit dem zu tun, was damals geschehen ist.
Diesen Schatz an Glaubenserfahrungen können und sollen wir miteinander und mit anderen teilen. Dazu sind wir alle berufen.
Wie einfach das ist, wurde mir während meiner Zeit in der Bischofskanzlei von einem Superintendenten unserer Kirche vor Augen geführt. Er erzählte von einem Elternabend mit Eltern eines kirchlichen Kindergartens. Gekommen waren vor allem Eltern, die gar nicht zur Kirche gehörten. Sie berichteten, dass ihre Kinder in den Familien das Tischgebet eingeführt hätten und waren sich nicht sicher, ob sie denn als Nichtchristen überhaupt beten dürften. Der Superintendent hat sie natürlich ermutigt!
Kindergartenkinder, die ihren Eltern das Beten beibringen: Wenn Gottes Geist im Spiel ist, ist es ein Kinderspiel, der Berufung als getaufte Christen gerecht zu werden. Wenn Gottes Geist uns anrührt, schaffen es Kinder Menschen für Jesus Christus zu gewinnen.
Amen.

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