Predigt am 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 29. April 2018

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Predigt am 4. Sonntag nach Ostern (Kantate), 29. April 2018

29.04.2018

zu Apostelgeschichte 16, 23 - 34; gehalten von Superintendent Christoph Noth

Liebe Gemeinde!

Das große Wunder der Befreiung oder der Freiheit
Mauern verlieren ihre Stabilität, Riegel springen auf, Fesseln fallen. Auch wenn die Gefahr besteht, alle, die das Alter von vierzig Jahren noch nicht erreicht haben, zu langweilen: für die Älteren hat dieses große Wunder ja ganz konkrete Bezüge.
Und wenn es nur auch andernorts und in anderen Zusammenhängen geschähe:
Freiheit für die, die in unerträglicher Unterdrückung, Entrechtung und Verfolgung leben müssen;
Freiheit für die, die im Kerker ihrer Enttäuschungen und ihrer Trauer sitzen;
Freiheit für die, die gefesselt sind von den täglichen Forderungen, die an sie gestellt werden - und nicht nur von außen, sondern viel schlimmer, die unter der Gefangenschaft ihrer Selbstanforderungen leiden.
Ein solches Wunder der Befreiung kann sich also im großen und politischen Rahmen abspielen, aber ebenso im ganz kleinen persönlichen Zusammenhang.
Nun mag ein Witzbold auf den Gedanken kommen, dass ein solches Wunder der Freiheit sich auch dann ereignet, wenn man beim Übergang ist aus dem Dienst und in den Ruhestand tritt. Ach, wenn das nur so einfach zu beschreiben wäre, wenn man seinen Beruf gerne ausgeübt hat…
Das soll heute von mir zu diesem Thema genügen!
Solche Wunder der Befreiung sollen und dürfen nicht kleingeredet werden. Und ich will es auch gar nicht tun. Und das ist auch nicht mein Ziel, wenn ich nun trotzdem sage: es gibt noch
das viel größere Wunder der Freiheit, die hinter Gittern sichtbar wird.
Dafür kann uns die Geschichte zumindest in zwei Zügen die Augen öffnen.
Einmal kann man es daran erkennen, das die beiden Männer, Paulus und Silas im Gefängnis offensichtlich singen, ja mehr noch: dass es wohl keine Jammerlieder sind, sondern dass sie ausdrücklich Gott loben. Dabei sei ganz dahingestellt, ob es unbedingt lauter Jubel sein muss, oder ob die Lieder eher einen gedämpften Ton tragen. Wenn es gute und tiefe Lieder sind, die Menschen singen, bleiben sie nicht dort, wo sie gerade sitzen, also meinetwegen im finsteren Loch eines äußeren oder inneren Kerkers. Das scheint mir zu gelten unabhängig davon, ob der Ausgang ganz ungewiss ist, und  auch unabhängig davon, ob eine baldige Freilassung in Aussicht ist oder nicht.
Wie kann man sich das vorstellen? Vielleicht ist es gar nicht so schwer, wie es zunächst aussehen mag:
Wenn Menschen im festen Griff der tiefen Traurigkeit an einem offenen Grab das Lied „Christ ist erstanden“ anstimmen, kann man davon etwas wahrnehmen - von dieser Freiheit hinter Gittern.
Oder wenn wir die alten Gospel oder Spirituals hören oder singen, die von den Sklaven in den USA zu uns gekommen sind.
Auch so vielleicht: Erich Loest beschreibt in einem Roman, wie junge Leute wegen ihres - durchaus bescheidenen - Protestes gegen die Sprengung der Universitätskirche in Leipzig im Jahr 1968 in Haft genommen und in ein Gefängnis nicht weit entfernt von der Kirche verbracht werden. Manche haben dafür dann Jahre  im Gefängnis zugebracht. Die Kirche wird gesprengt, der Staub legt sich auf die Stadt. Und in diesem Moment stimmt einer der Gefangenen an zu singen: „Ein feste Burg ist unser Gott“.
Ach - und vielleicht auch so, ganz unspektakulär: Wenn Menschen einmal in der Woche einen Abend sich zum Singen im Chor oder zum Musizieren mit ihren Instrumenten versammeln und so inmitten des alltäglichen und manchmal richtig harten Druckes diese Zeit genießen und sie auch brauchen…
Das Singen ist die eine Spur, die die Geschichte zum Blick auf die Freiheit hinter Gittern legt.
Die andere Spur kann man dort erblicken, wo diese - so wunderbar befreiten - Leute nun das unwirtliche Gemäuer nicht fluchtartig verlassen, sondern bleiben.
Es mag damit zusammenhängen, dass sie eine Aufgabe vor sich haben, in diesem Falle die Mission.
Aber auch hier die Frage, wie ist das gegenwärtig vorstellbar?
Ich denke an Menschen, die unter bedrückenden, erbärmlichen, gefährlichen und von einer äußeren Ohnmacht gekennzeichneten Situation ausharren und bleiben. Und als ein Beispiel fällt mir die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ ein. Sie hätten es zu Hause sicherer, komfortabler und hätten für ihren Dienst auch alle möglichen Mittel zur Verfügung. Und sie bleiben.
Viel näher hier bei uns: Männer und Frauen, die sich der Pflege von Alten, Kranken und Behinderten verschrieben haben und nicht anderes suchen, obwohl der Lohn vergleichsweise dürftig, die Arbeit hart und das Sozialprestige gering sind.
Ist es so unangemessen in all diesen Bezügen von dem größeren Wunder der Freiheit hinter Gittern zu reden?
Und schließlich - auch darauf ist noch der Blick zu richten:
Der Boden, auf dem solche Freiheit wächst ist allein das Vertrauen (traditionell geredet: der Glaube)
Das kann so klingen: Gottes Kraft ist stärker als die festesten Mauern, die härtesten Riegel und die stabilsten Fesseln. Damit meine ich, dass es einen Weg gibt, den ich gehen kann und der - zuweilen ganz im Gegensatz zu den offensichtlichen äußeren Gegebenheiten - tatsächlich weiter führt und nicht irgendwohin, sondern zur Lebenserfüllung.
Das Vertrauen kann auch in der Überzeugung bestehen, dass ich dort gebraucht werde, wo ich gerade hingestellt bin. Auch wenn andere (vielleicht auch manchmal das eigene Herz) meinen und sagen: es würde sich nicht lohnen.
Und das Vertrauen, das in der begründeten Hoffnung besteht, dass es auch dort einen Weg für mich gibt, wo ich den nächsten Schritt nicht sehe.
Heute ist der Sonntag Kantate - da heißt die Aufforderung: „Singet!“.
Ist das Singen und Musizieren nicht zugleich der Ausdruck einer großen inneren Freiheit und eines tiefen Vertrauens und auch andererseits eine Quelle neuen und wachsenden Vertrauens?
Und ist es nicht offensichtlich, dass es nicht nur den Teufelskreis gibt, von Bedrückung über das Jammerlied, die die Bedrückung zusätzlich erstarken lässt.
Sondern dass es auch den Gotteskreis gibt, der aus innere Freiheit singen und durch das Singen Vertrauen und Freiheit weiter wachsen lässt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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