Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juli 2019

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Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis, 7. Juli 2019

07.07.2019

zu 1. Timotheus 1, 12 - 17; gehalten zum 300-jährigen Jubiläum der Kleinen Silbermannorgel im Dom St. Marien Freiberg von Dompfarrrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
dass es in einer Kirche zwei Orgeln gibt, ist außergewöhnlich. Ebenso, dass eine Orgel, ihren 300. Geburtstag in einer anderen Kirche feiert als das 100. und das 200. Jubiläum. Wie es dazu gekommen ist, dass die Orgel der Freiberger Johanniskirche hierher in den Dom versetzt werden musste, wissen die meisten: Nach dem 1. Weltkrieg gab es eine sozialistische Mehrheit im Rat, die die Kirche aus der Hospitalstiftung drängte und zugleich alle damit verbundenen Pflichten zur Erhaltung der Johanniskirche ignorierte. In der Folge musste die Johanniskirche aufgegeben werden und verfiel. Domkantor Arthur Eger hat dann dafür gesorgt, dass die wertvolle Silbermannorgel von 1719 gerettet und hier auf der Empore aufgestellt wurde. Da sie zwischenzeitlich umgestimmt wurde, ist sie hervorragend dazu geeignet, andere Instrumente zu begleiten. So ist sie eine wertvolle Ergänzung zu ihrer großen und fünf Jahre älteren Schwester auf der Westseite des Doms.
So haben wir also nun seit achtzig Jahren zwei Orgeln im Dom. Warum aber gibt es überhaupt Orgeln in Kirchen?
Das ist letztlich eine Errungenschaft der Reformation. Vor der Reformation war es nur wichtig, dass die Gläubigen in die Messe kamen und die Kommunion empfingen. Sie mussten weder verstehen, was da auf Latein gesagt wurde, noch brauchten sie in irgendeiner Form im Gottesdienst mitzuwirken. Den Gesang übernahmen im Wesentlichen die Chorherren, die dazu im Altarraum versammelt waren. Darum wird das, was wir heute die Grablege nennen, ja auch als der Chorraum bezeichnet.
Durch die Reformation änderte sich das Verständnis des Gottesdienstes. Die Reformation sah ja jeden einzelnen Christen in einem direkten Kontakt zu Jesus Christus. Sie schätze den Empfang des Abendmahlssakraments sehr hoch. Aber die Menschen sollten verstehen, was sie da empfingen. Darum reichte es nicht aus auf Lateinisch „hoc es corpus“ = „Das ist mein Leib“ zu sagen. Denn daraus machten die des Lateinischen nicht Mächtigen Gläubigen dann einen „Hokuspokus“. Vor allem die Predigt und der ganze Gottesdienst sollten auf Deutsch gehalten werden. Nur so konnte der Gottesdienst ein Dienst Gottes an den Menschen sein. Nur so konnte der Glaube gestärkt werden durch Wort und Sakrament. Umgekehrt aber sollte der Gottesdienst auch ein Dienst des Menschen an Gott sein – und zwar jedes einzelnen Christen, bei weitem nicht nur des Pfarrers. Darum bekamen die Gebete und vor allem auch der Gesang eine so hohe Bedeutung. Mit seinem Singen und Beten sollte jeder Einzelne und jede Einzelne, die den Gottesdienst mitfeiert, am Lob Gottes beteiligt sein. So sollte der Gottesdienst eben auch ein Dienst an Gott sein.
Das ist ein Verständnis, das uns heute weitgehend verloren gegangen ist. Selbst viele Christen gehen ja in den Gottesdienst vor allem, um sich im Glauben ermutigen zu lassen. Sie suchen dort eine Zeit der Ruhe und Besinnung in unserem so hektischen Alltag. Hier im Dom hoffen sie auch auf die schönen Klänge unserer beiden Silbermannorgeln. Wer ein solches Bedürfnis nicht in sich spürt, der bleibt dem Gottesdienst fern. „Das bringt mir nichts“. Heißt es dann. Auf die Idee, Gott damit etwas Gutes zu tun, kommt – glaube ich – kaum jemand. Da ist es eine an diesem Punkt wirklich gute Gegenbewegung, dass die charismatische Bewegung den Lobpreis ganz in den Mittelpunkt des Gottesdienstes setzt. Denn es gibt für uns Christen einen ganz schwerwiegenden Grund Gott zu loben – und damit sind wir bei unserem Text aus dem 1. Timotheusbrief.
Der Apostel schließt seinen Gedankengang mit einem wunderbaren Gotteslob ab. Er preist Gott als den ewigen König, denn Gott regiert und bestimmt unser Leben. Er preist Gott als den Unvergänglichen und Unsichtbaren, denn Gott ist ganz anders als wir vergänglichen und in dieser Welt sichtbaren Menschen. Er preist Gott schließlich als den Einzigen – im Gegensatz zu allem, was auch in unserer heutigen Zeit beansprucht Gott zu sein.
Dieses überschwängliche Lob hat seine Wurzel in der überwältigenden Erfahrung, die der Apostel Paulus mit Christus gemacht hat. Paulus war ja ein Verfolger der ersten Christen gewesen. Er hatte Christus für einen Gotteslästerer gehalten und was so selbst zum Lästerer Christi geworden. Paulus war vor allem der menschlichen Überheblichkeit erlegen. Der Mensch will immer selbst sein wie Gott. Er will sich nicht von Gott leiten lassen, sondern autonom sein. Letztlich will er deswegen auch nichts mehr von Gott wissen. Paulus hatte zwar im Gegenteil Gott einen Dienst erweisen wollen. Aber damit hatte er in einem religiösen Gewand dieselbe Überheblichkeit an den Tag gelegt. Ausgerechnet diesen Mann ließ Gott aber nicht in die Irre und letztlich verloren gehen. Ganz im Gegenteil. Mit einer Erscheinung des Auferstandenen zeigte Gott dem Paulus, auf welchem Irrweg er sich befand. So machte Gott ausgerechnet aus dem Verfolger der Christenheit einen ihrer bedeutendsten Apostel.
Paulus hat an seiner eigenen Person gespürt, was dieser Satz bedeutet: „Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen“. Wir Menschen können Gott nicht finden. Wie sollen wir vergänglichen, zeitlichen, sichtbaren Menschen den unvergänglichen, ewigen, unsichtbaren Gott finden? Daran müssen wir scheitern. Und wir wollen ja auch daran scheitern. In unserer Zeit sieht man es ja, wie die Menschen mit Gott in immer größerer Zahl nichts mehr anfangen können und wollen. Gott aber hat uns Christen mit dem Glauben beschenkt. Er hat unsere Herzen für seine Liebe geöffnet. Er machte sich in Jesus Christus für uns sichtbar. Der ewige Gott ließ und lässt uns zeitlichen Menschen durch Christus erkennen, dass er zu uns in eine Beziehung treten möchte.
Unsere Antwort auf dieses große Ja Gottes zu uns kann gar nicht anders ausfallen als durch ein ähnlich überschwängliches Gotteslob, wie der Apostel es formuliert hat. Dieses Geschenk ist so groß, dass wir gar nicht angemessen genug Danke sagen und Gott loben können.
Diesem Lobpreis kann man auf sehr unterschiedliche Weise Ausdruck verleihen. Da gibt es solche, die loben Gott ganz in der Stille mit ihrem ganzen Leben. Die tun, ohne davon viel Aufhebens zu machen, ganz viel Gutes. Ohne Worte loben sie damit Gott aus vollem Herzen. Andere loben Gott in ihren stillen Gebeten und sind dankbar – für das Geschenk der Liebe Gottes, für die Bewahrung in schwierigen Situationen oder die Kraft sie durchzustehen. Aber das Gotteslob hat seinen Ort natürlich auch und vor allem im Gottesdienst mit den Gebeten und Liedern, die die Gemeinde spricht und singt.
Vor allem im charismatischen Spektrum der Christenheit erklingt dieses Lobpreis begleitet von modernen Instrumenten und durch eingängige und geradezu in Trance versetzende vorwiegend englischsprachige Lieder. In unserer lutherischen Tradition, die wir hier im Dom pflegen, hat das gesungene Gotteslob einen völlig anderen Charakter. Die Stärke unserer alten Choräle ist, dass sie zum Teil eine jahrhundertealte Glaubenserfahrung durchdacht haben und in Worte fassen. Schon Generationen vor uns sind durch diese Lieder in ihrem Glauben bestärkt und ermutigt worden. Wir lassen uns beim Singen dieser Choräle begleiten von einem Instrument, das von der Vielzahl seiner Stimmen her weniger ein Instrument als ein ganzes Orchester ist. Unser Gesang wird begleitet und getragen von einer riesigen Vielfalt an Stimmungen und Klängen, wie sie die Große mehr noch als die Kleine Silbermannorgel erklingen lassen. Beide Orgeln lassen uns im Gottesdienst etwas erahnen von dem himmlischen Lobgesang, in den wir alle einmal einstimmen werden.
„Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder selig zu machen.“ Das ist der Grund für uns Gott zu loben: Der unsichtbare Gott bleibt nicht bei sich. Er sucht die Beziehung zu uns. Ausgerechnet zu uns Menschen, die wir ihn nicht selbst finden können. Ausgerechnet zu uns Menschen, die wir ohne ihn im Nichts vergehen müssten. Das ist ein so großes Geschenk, dass eine Orgel allein im Grunde gar nicht ausreicht, um unseren gesungenen Dank angemessen zu begleiten. Da ist es großartig, dass wir diese beiden wunderbaren Instrumente hier im Dom haben.
Amen.

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