Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 26. Januar 2020

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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias, 26. Januar 2020

26.01.2020

zu Apostelgeschichte 10, 21 - 35; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
„Es gibt lebendige Christen und es gibt solche, die am Sonntag zwar in den Gottesdienst gehen. Aber in der Woche wirkt sich ihr Glauben nicht auf ihr Leben aus.“ Das sagte mir kürzlich eine junge Frau im Gespräch. Sie kommt aus der charismatischen Be­wegung. Ich entgegnete ihr, dass ich das ziemlich hochmütig fände und es mich an die Geschichte Jesu von dem Pharisäer und dem Zöllner erinnere, wo ja auch der Pharisäer davon überzeugt ist, dass er das Gott wohlgefällige Leben lebt und nicht der an­dere.
Wir Menschen sind gern bereit, uns anderen gegenüber abzu­grenzen. Wir ziehen gedanklich Linien zwischen denen, die dazu gehören, und denen, die nicht dazu gehören. Der Islam gehört nicht zu Deutschland, sagen manche. In Bezug auf die Kultur unseres Landes mag daran Einiges sein; auch in Bezug auf Politik, Rechtsverständnis und die Auffassung von der Gleichberechti­gung der Geschlechter mag es Probleme geben. Aber gehören deswegen Menschen mit dieser Religion nicht nach Deutschland – auch wenn sie hier geboren sind oder wie unsere Freiwillige Hanan mit ihrer Familie vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Land fliehen mussten? Auch im Raum der Kirche ziehen wir – wie am Beispiel von eben schon deutlich wurde – Grenzen. Die Frage, ob Homosexuelle Sünder sind, hat unsere Landeskirche in den letzten Jahren zutiefst gespalten. Da gab es die, die eine Linie ziehen wollten zwischen denen, deren Liebe einem Menschen vom anderen Geschlecht gilt, und denen, die ihr Herz an einen Menschen vom gleichen Geschlecht verloren haben. Die einen wurden als Geschwister im Glauben akzeptiert; die anderen eher nicht. Damit verbunden war die Frage nach dem Verständnis der Heiligen Schrift in unserer Kirche. Da gab und gibt es ebenfalls diese Linie. Wer jenseits der Linie steht, gehört eigentlich nicht dazu. Wer die Bibel von der Mitte der Schrift her verstehen möchte und von der Schriftmitte her einzelne Bibelstellen aus­zulegen versucht, der steht auf der einen Seite der Linie. Wer die Schrift wörtlich nehmen will und sie nur so ernst nehmen kann, der steht auf der anderen Seite. In Folge dieser Diskus­sionen ist letztlich auch der Rücktritt von Landesbischof Rentzing zu sehen. Die einen sahen in ihm einen der ihren; die anderen sahen ihn auf der anderen Seite der Linie. Die einen sind jetzt froh über seinen Rücktritt; die anderen bedauern es über alle Maßen und sind enttäuscht.
Petrus ist nach der Schilderung der Apostelgeschichte des Lukas auch einer, der mit solchen gedanklichen Linien, solchen gedachten Grenzen lebt. Er ist ein jüdischer Mensch. Er ist in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es gläubige Juden gibt und ungläubige Heiden. Die einen gehören zu Gott und die anderen nicht. Darum dürfen die einen mit den anderen auch keinen Kontakt haben. Schon der Umgang mit einem Heiden macht einen Juden unrein. Darum vermied einer wie Petrus jeglichen Kontakt mit denen, die zu den heidnischen Völkern gehörten.
Jesus hat übrigens auch in diesem Bewusstsein gelebt. Eine aus­ländische Frau, Mutter eines kranken Kindes, hat ihn eines Bes­seren belehrt. Ihr unerschütterliches Vertrauen, dass Jesus ihre Tochter heilen würde, hat seinen Glauben erschüttert, nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt zu sein. An ihr hat Jesus gelernt, dass Gottes Liebe all unsere menschlichen Regeln und Konventionen sprengt – selbst die, die sich als Ausdruck des Willen Gottes ausgeben.
Petrus braucht für diese Erkenntnis mehr als nur die Ansprache durch den heidnischen Hauptmann Cornelius. In den Zeilen vor unserem Predigttext lesen wir, dass Petrus eine Vision hat. Er betet am Mittag und gerät dabei in Trance. Er sieht den Himmel offen stehen und vom Himmel herab kommt, an den vier Enden gehalten, ein Leinentuch. In dem Leinentuch befinden sich Tiere, die nach dem alttestamentlichen Gesetz als unrein angesehen werden. Diese darf ein frommer Jude nicht zu sich nehmen. Aber merkwürdigerweise bekommt er in seiner Vision den Befehl von Gott, genau dies zu tun.
Lukas beschreibt uns in der Apostelgeschichte, dass Petrus erst ratlos ist, was er mit dieser Vision anfangen soll. Aber er braucht nicht lange zu warten. (An dieser Stelle beginnt der Text, den wir gerade gehört haben.) Die Männer des Hauptmanns kommen zu ihm und bitten ihn, mit ihnen in das Haus des Cornelius zu kom­men. Diesen Auftrag hat wiederum Cornelius in einer Erschei­nung bekommen. Er sollte seine Männer schicken und den Petrus holen lassen. Von zwei Seiten sorgt Gott also hier nach dem Be­richt der Apostelgeschichte dafür, dass Petrus und Cornelius zusammenkommen – der fromme Jude und Christ Petrus einer­seits und der heidnische Römer Cornelius auf der anderen Seite.
Es wird Petrus trotz allem einiges an Überwindung gekostet haben, das Haus des Heiden zu betreten. In unserer Gesellschaft gibt es ja nicht mehr so viele Tabus. Aber stellen Sie sich vor, Sie würden im Traum von Gott den Auftrag bekommen, nackt vom Schlossplatz zum Obermarkt zu gehen. In etwa so muss sich Petrus im Haus des Cornelius gefühlt haben.
Aber er geht hinein, weil Gott ihm gezeigt hat, dass seine Liebe zu den Menschen solche Grenzlinien aufhebt. Er trifft in dem Haus einen Mann, der schon vorher Sympathien für den Glauben an Gott gehabt hat. Ihm und seinem ganzen Haus soll Petrus pre­digen. Das tut er dann auch, die Hörer der Predigt kommen zum Glauben, wie nachfolgend erzählt wird, und der Heilige Geist ergreift sie. Das versetzt die jüdischen Christen, die bei Petrus sind, in ein nicht geringes Erstaunen. Petrus sieht nun keinen Hinderungsgrund mehr, diese Heiden zu taufen. So geschieht es dann auch.
Das Evangelium, liebe Gemeinde, überschreitet Grenzen. Es überschreitet sogar Grenzen, von denen wir denken, dass sie von Gott selbst gezogen worden und darum eigentlich nicht zu über­schreiten sind. So groß ist Gottes Herz. Er stellt unsere Füße auf einen ganz weiten Raum. Seine Liebe zu uns lässt sich nicht be­grenzen. Petrus und Cornelius lernen das durch Gott und zugleich in der Begegnung miteinander.
Wissen wir das schon?
Grenzziehungen gibt es jedenfalls in den Köpfen so mancher in Kirche und Gesellschaft genügend. Es gibt dabei sogar Grenz­ziehungen, die sind der zwischen Petrus und Cornelius sehr ähnlich. Die schon angesprochene Frage der Homosexualität ist eine solche. Wie es dem frommen Juden Petrus von der Thora her verboten war, mit einem Heiden Kontakt zu haben, so finden wir in der Heiligen Schrift auch die Ablehnung von Beziehungen zwischen Menschen desselben Geschlechts. Aber passt diese Ab­lehnung zu der Großherzigkeit Gottes, die den Petrus bewogen hat, die Gebote der Schrift außer Kraft zu setzen?
Ein anderes Beispiel: Viele Gemeinden in unserer Landeskirche – darunter auch unsere – ziehen eine solche Grenze beim Abend­mahl. Petrus unterschied zwischen „rein“ und „unrein“. Wir unterscheiden zwischen denen, die religionsmündig sind, und denen, die es noch nicht sind. Wer konfirmiert ist, darf dabei sein. Wer noch zu klein ist, darf es nicht. Ist das eine Regelung, die unmittelbar dem Willen Gottes entspricht? In der Schrift steht es jedenfalls nicht, dass Kinder das Abendmahl nicht empfangen dürfen. Oder ist es etwas, wo wir Menschen eine Grenze gezogen haben, die vielleicht ein religiöses Gewand hat, aber ganz mensch­lich ist? „Mama, bin ich zu klein für Jesus?“ soll in einer Gemein­de ein Kind gesagt haben, dem das Abendmahl verweigert wurde. Kinder verstehen noch nicht, worum es beim Abendmahl geht, sagen manche. Aber verstehen wir Erwachsene es denn alle und immer, was da vor sich geht? Haben denn nicht Kinder manchmal sogar einen Glauben, der tiefer geht als der mancher Erwachse­ner? Eines meiner intensivsten theologischen Gespräche über die Taufe hatte ich jedenfalls mit einer Sechsjährigen. Natürlich sollen Kinder das Abendmahlsbrot von einem Keks unterscheiden können, wenn sie zum Tisch des Herrn kommen. Wer das nicht kann, sollte wirklich noch warten. Aber wenn ein Kind auf seine kindgemäße Weise das kann, dürfen wir dann noch diese Grenze ziehen? Ich bin sehr dankbar, dass wir jetzt im Gemeindeaufbauausschuss und im gemeinsamen Kirchenvorstand intensiv über diese Fragen nachdenken.
„Nun erfahre ich in Wahrheit“, sagt Petrus, „dass Gott die Person nicht ansieht.“ Das sollte uns ein Leitspruch sein für unseren Umgang mit denen, die anders sind als wir: Kindern, Ausländern, Menschen mit anderen Prägungen und Neigungen, mit einer anderen Frömmigkeit. Gottes Großherzigkeit schließt sie alle ein. Tun wir es auch?
Amen.

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