Predigt am 3. Advent, 16. Dezember 2018

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Predigt am 3. Advent, 16. Dezember 2018

16.12.2018

zu Römer 15, 4 - 13; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ein großes Haus in weihnachtlichem Schmuck. Die Kinder und Enkelkinder trudeln einer nach dem anderen ein. Die Stimmung ist angespannt. Einerseits wünschen sich alle ein harmonisches und ungetrübtes Familienfest. Weihnachten soll doch als Fest der Liebe gefeiert werden. Andererseits konnten sich Schwiegertochter und Schwiegermutter noch nie leiden. Die erwachsenen Kinder waren schon immer Rivalen um die Gunst des Vaters. Der verzogene Neffe geht seinem Onkel gehörig auf die Nerven. Es knistert unaufhörlich. So kommt es unausweichlich aus einem eigentlich nichtigen Anlass erst einmal zu einem Eklat. In der Regel am Vormittag des Heiligen Abends oder während des Essens. Ein großer Streit veranlasst alle, an eine Abreise zumindest zu denken. Dann aber geschieht etwas, was den großen Umschwung bringt. Eines der Kinder fällt vom Baum und muss verletzt ins Krankenhaus oder der Großvater erleidet einen Herzinfarkt, so dass die Familie aus diesem Grund den Heiligen Abend im Krankenhaus verbringen muss, oder ein Stromausfall legt das normale Leben lahm und zwingt dazu, miteinander im Haus die Situation zu bewältigen. Dass Handys und Fernseher tot sind, macht es möglich, dass alle mal miteinander ins Gespräch kommen. Verletzungen werden zur Sprache gebracht. Angesichts der besonderen Situation kommen die Familienmitglieder zur Erkenntnis, dass sie doch eine Familie sind. Sie merken, wie lächerlich und unwichtig ihre Streitereien sind. Es wird möglich zu verzeihen und sinnlose Eifersüchteleien zu vergessen. Am Ende klingelt dann noch der längst verloren geglaubte Sohn aus der ersten Ehe des Großvaters an der Tür und es kommt zu dem klärenden Gespräch, auf das die Familie ein halbes Leben lang gewartet hat.
So oder so ähnlich sehen die Drehbücher der Filme aus, die in diesen Tagen auf allen Fernsehkanälen zu sehen sind. Die meisten von uns kennen diese Filme. Natürlich sind sie alle mehr oder weniger ähnlich. Neulich wurde in der Freien Presse mal einer als ausgesprochen innovativ angepriesen, aber es war dann doch wieder alles sehr vorhersehbar. Aber diese Filme sprechen eine große Sehnsucht in uns an. Gerade jetzt in dieser dunklen Jahreszeit spüren wir diese Sehnsucht mehr in uns als in anderen Zeiten. Gerade jetzt, wo es auf Weihnachten zugeht, liegt diese Sehnsucht weniger tief vergraben in uns. Es ist eine Sehnsucht nach Liebe, nach Harmonie, nach Frieden. Sicherlich liegt es daran, dass Weihnachten traditionell als Fest der Familie gefeiert wird. Sicherlich liegt es auch daran, dass wir in dieser Jahreszeit einfach verletzlicher, weicher, offener sind für unsere Gefühle und Sehnsüchte. Da wohnt jedenfalls ein Sehnen tief in uns nach Frieden, Harmonie und Liebe.
Leider aber ist die Realität oft anders. Nicht selten gibt es große Enttäuschungen, weil im richtigen Leben der dramatische Umschwung eben nicht passiert. Da bleibt es oft nur, die unterschwelligen Spannungen auszuhalten. In manchen Familien gibt es den großen Knall dann wirklich. Im neuen Jahr wird dann die Scheidung eingereicht, an die die Eheleute schon das ganze Jahr über gedacht haben. Zu Weihnachten wird es sich schon wieder einrenken, war eben der große Irrtum. Was im Rest des Jahres nicht funktioniert, kann zu Weihnachten auch nicht nur deswegen besser werden, weil ein Tannenbaum in der Stube steht.
Dennoch ist sie da diese Sehnsucht nach Frieden, Harmonie, Liebe. Aber wie stillen wir die?
Diese Frage hat offenbar auch die Gemeinden des Apostels bewegt. In der ersten Christenheit war auch nicht alles so ideal, wie wir uns das vielleicht vorstellen. Sie waren zwar kleine Gemeinden. Jeder kannte jeden. Man sah sich ständig zu den Gottesdiensten und den anderen Versammlungen. Man war wie eine Familie. Aber auch in einer solchen gemeindlichen Familie geht es oft eben zu wie in einer richtigen Familie. Da gab es auch Streit und Konflikte. Paulus hatte bei diesen Zeilen einen Konflikt vor Augen, da ging es um die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten. Da waren Christen mit einem jüdischen Hintergrund zusammen mit Christen mit einem heidnischen Hintergrund in einer Gemeinde verbunden. Was für die einen gar nicht mehr ging, das war für die anderen ganz normal. Da kann man sich schon vorstellen, dass es Probleme gab. Sicherlich gab es auch in diesen Gemeinden eine große Sehnsucht nach Harmonie und Frieden. Aber offensichtlich hatten auch sie große Schwierigkeiten, so miteinander zu leben.
Paulus versucht in den Zeilen, die wir gerade gehört haben, einen Beitrag zur Verständigung zu leisten. Er versucht Brücken zu bauen. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre“, schreibt er. Nun wissen wir alle, dass man mit Appellen nicht weit kommt. Dass sie einander annehmen sollten, dass wussten die Christen unterschiedlicher Herkunft selbst. Dazu brauchten sie keinen Apostel.
Aber Paulus lässt es auch nicht bei diesem Apell. Er spannt einen Bogen zwischen Weihnachten und dem Advent. Er stellt die Christen unterschiedlicher Herkunft gemeinsam sozusagen unter diesen Bogen. Wie die beiden Bergleute inmitten von Schnitzer und Klöpplerin unter dem Schwibbogen stehen. Paulus schreibt zunächst einmal, dass Christus ein jüdischer Mensch – ein Diener der Beschneidung – geworden ist. Damit haben sich dem Apostel zufolge die Verheißungen an das jüdische Volk in Christus bestätigt. Bestätigt bedeutet noch nicht erfüllt. Da steht noch etwas aus. Aber die Geburt Christi im Stall von Bethlehem zeigt unübersehbar, dass die Verheißungen Gottes für Israel nach wie vor in Geltung sind. Dann zitiert er am Ende des Abschnitts das Jesajawort von dem Spross, der aus der Wurzel Isais hervorgehen wird. Jesus gehörte ja über Josef zur Familie des Königs David, der Vater Davids wiederum war Isai. Von diesem Spross aus der Familie des Isai heißt es nun, dass er über die Heidenvölker herrschen wird und sie auf ihn hoffen werden.
Ob sie nun einen jüdischen oder einen heidnischen Hintergrund haben: Christen egal welcher Herkunft werden nach den Worten des Apostels durch den Heiligen Geist in dem Glauben vereint, dass Harmonie, Frieden und Liebe mit dem Jesuskind in diese Welt gekommen sind. Christen egal welcher Herkunft werden durch den Heiligen Geist in der Hoffnung vereint, dass Harmonie, Frieden und Liebe mit dem Advent Christi in Vollendung in diese Welt kommen werden. Die gemeinsame Hoffnung auf die Ankunft Christi ist dann so etwas wie der Herzinfarkt des Großvaters oder der Stromausfall am Heiligen Abend in den Weihnachtsfilmen. Sie lässt einen erkennen, um was für unwichtige Nebensächlichkeiten sich unsere Konflikte und Streitereien oft drehen. Denn wenn Christus kommt, zählt nur noch die Liebe: die Liebe, die wir unseren Mitmenschen gegenüber empfunden und gelebt haben; die Liebe, mit der Gott uns begegnet ist und wir ihm. Alles andere wird keine Bedeutung mehr haben.
Zwischen Weihnachten und dem Advent Christi leben wir als Christen unter diesem Bogen, den Paulus gezeichnet hat. Es ist ein Spannungsbogen, ein Bogen der Erwartung. Wir haben das Kind in der Krippe gesehen. Wir warten nun darauf, dass Harmonie, Liebe und Frieden einmal unsere Welt erfüllen werden. Wir hoffen darauf. Wir sehnen uns danach.
Diese Hoffnung lässt unser Leben in einem anderen Licht erscheinen. Anders als in den Weihnachtsfilmen braucht es gar keine dramatischen Ereignisse zu geben. Wir können auch so begreifen, wie sinnlos manche Streitereien sind und wie leicht sie uns daran hindern wollen Liebe zu geben und Liebe zu empfangen. Wir brauchen nicht eifersüchtig darum zu kämpfen, dass wir auch etwas abbekommen von der Liebe anderer Menschen. Wir werden doch in jedem Fall von Gott geliebt. Darum ist Gott doch in einem hilflosen Kind in die Welt gekommen. – Wir brauchen auch die Verletzungen in unserem Herzen nicht groß zu machen. Wir können verzeihen. Uns ist doch selbst schon verziehen worden. Darum hat Gott doch dieses Kind zu einem erwachsenen Mann heranwachsen lassen und ihn seinen Weg der Hingabe gehen lassen. Wir brauchen erst recht nicht eifersüchtig zu sein auf die Erfolge oder das bessere Einkommen oder das schönere Auto eines anderen. Das sind angesichts des Advents Dinge, die überhaupt keine Bedeutung haben und die jedenfalls keinerlei Bedeutung mehr haben werden, wenn Christus kommt.
Da wohnt ein Sehnen tief in uns nach Liebe, Frieden, Harmonie. Verbindet sich dieses Sehnen mit der Hoffnung auf das Kommen Christi, setzt es Kräfte in uns frei. Dann wird es in aller Vorläufigkeit möglich, Liebe zu üben, dem Frieden nachzujagen, Harmonie zu leben. Bis Christus kommt – und alles gut wird.
Amen.

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