Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 3. November 2019

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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis, 3. November 2019

03.11.2019

zu 1. Mose 8, 18 - 22 und 9, 1a;gehalten von Pfarrer Lüder Laskowski

Liebe Gemeinde,

wir haben als Predigttext gehört, was sich nach der Bibel an die Katastrophe der Sintflut anschließt. Die Sintflut wird als ein Einbruch roher Gewalt beschrieben. Das ist eine schwer zu ertragende Geschichte von der Auslöschung unzähliger Leben. Die mit dem Unvermögen der Menschheit verbunden wird, sich ganz und gar dem Guten zuzuwenden. Was wir eben gehört haben braucht diesen Hintergrund. Und ich kann mich Bildern aus unserer Zeit nicht erwehren.
Vor Augen habe ich das satte schillernde Grün eines Urwaldes. Feuchte steigt auf. Es ist warm. Schwere Düfte großer farbiger Blüten in phantastischen Formen werden herangetragen. Orange, rot, Violett. In der Ferne kreischt eine Horde Affen, die Luft ist erfüllt vom Summen der Insekten und dem Zwitschern der Vögel. Ein quietschgelber Frosch hangelt sich langsam den Stamm eines meterdicken Baumes empor.
Und ich sehe eine weite Fläche. Sie ist schwarz. Hier und da steigen dünne Rauchsäulen auf. Aus verkohlten Resten staken Äste und dünne Stämme laublos empor. Kein Ton ist zu hören.
Sintflut und Segen. Segen und Sintflut. Schauen wir uns die Welt an, in der wir leben, dann liegen Schönheit und Katastrophe dicht beieinander. Wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir unbeschwert leben, wird uns bewusst, wenn Chaos und Gewalt in Idylle einbricht. Gerade in unserer Zeit wächst sich das Gegenbild zur Schönheit der Welt aus zu apokalyptischen Vorstellungen. Es treibt vor allem junge Menschen zu aufgewühlten Aktionen auf der Straße, währenddessen andere sich an der blinden Hoffnung festkrallen, dass alles schon nicht so schlimm werden wird.
Eines ist in der Spannung dieser Bilder zu erkennen. Der Wert der Welt wird deutlicher sichtbar in der Zerstörung. Ihre Schönheit strahlt angesichts der Katastrophe. Das verleiht der Zerstörung und Katastrophe keinen Sinn. Sie haben keinen Sinn, der sich uns erschließen könnte. Diese Diagnose müht sich erst einmal nur um eine Beschreibung. Und wir leben in diesem Widerspruch. Einem Widerspruch, der auch die Sintflutgeschichte und unseren Predigttext grundiert. Wie sähe der Widerspruch aus, wenn wir auf den Menschen und sein Leben schauen?
Vor Augen habe ich ein junges Paar. Hand in Hand schlendern sie durch einen Park. Die alten Bäume rauschen und auf dem Rasen spielen die Blätter mit ihren Schatten. Sie redet. Er lacht. Beide bleiben stehen. Schauen sich tief in die Augen. Ihre Lippen finden sich. Der Kuss ist lang und feucht.
Und ich sehe sie nebeneinander am Fenster stehen. Schweigend starren sie hinaus in den Garten. Verzweifelt suchen sie nach Worten. Aber die sind ihnen ausgegangen. Es ist alles gesagt. Es ist viel zu viel gesagt worden. Er dreht sich um, geht und trocken knallt die Tür.
Was uns in der Welt an Widersprüchen begegnet, dass ereignet sich für Menschen auch in ihrem Leben. Schönheit und Abgrund liegen dicht beieinander. Und was schon aufgefallen ist beim Blick in die Welt, wird wieder sichtbar, wenn wir den Mensch betrachten. Welch ein Wunderwerk der Mensch ist wird sichtbar, wenn er am Abgrund steht. Seine Schönheit strahlt angesichts der Katastrophe. Ich erlebe es am Ende, bei Trauergesprächen, wenn Angehörige einen Lebensweg charakterisieren. Die süßesten Erinnerungen und die schrecklichsten sind es, die dann einen Lebenslauf beschreiben.
Ich merke, hier verschiebt sich etwas. Was im ausschließlichen Blick auf die Natur insgesamt noch keinen Sinn hat – weder gestern, noch heute, noch in Zukunft, verändert sich im Blick auf den Menschen. Dem Menschen kann in der Gegenwart etwas sinnvoll erscheinen, was in der Vergangenheit sinnlos war und damit liegt auch in allem, was heute sinnlos ist die Möglichkeit, dass es in der Zukunft Sinn gewinnt. Wenn Menschen sich und ihresgleichen betrachten, dann Erleben sie Zeitlichkeit. Aus der sinnlosen Reihung von Ereignissen kann ganz unvermittelt eine sinnvolle Erzählung werden.
Das ist nicht unumstritten. Die Widersprüche in der Welt stellen den Anspruch in Frage, sie als sinnvoll gestaltet zu sehen. Wir erkennen es an der überwältigenden Plausibilität des Evolutionsgedankens, nach dem in erster Linie formale Gründe das Weiterleben bestimmten: es siegt das oder der Fitteste. Alles andere geht unter.
In der Postmoderne ist man noch einen Schritt weitergegangen und nun ist der Mensch selbst dafür verantwortlich, seiner Existenz Sinn – und damit eine innere Ordnung – zu geben. Sich selbst den Lebensrahmen setzen sollen ist eine übermenschliche Forderung. Wir spüren den Druck. Erst recht, wenn wir glauben, dass Sinn sich allein in der größtmöglichen Fitness liegt. Was ist dann aber mit Spannungsfeldern, wie die, die ich vorhin geschildert habe?
Soweit der Blick in die Welt und auf den Menschen – und nun blicken wir auf Gott. In der Erzählung von der Sintflut wird Gott in existentielle Beziehung zur Welt und zu den Menschen gestellt. Die Sinnfrage wird in einem erweiterten Koordinatensystem positioniert. Aus dem kühlen Nachdenken über Sinn und Unsinn der Welt wird im Gegenüber zu Gott eine lebendige Beziehung, ein Lebensrahmen, eine Ordnung. Und damit verändern sich Welt wie Mensch.
In der Sintflutgeschichte bewirkt diese Veränderung eben gerade nicht der Mensch. Es ist Gott, der alles verändert. Er ist es, der in dieser Erzählung einen Abgrund überschreitet. Der Mensch ist es, der die Ordnung immer wieder ins Wanken bringt. Er bringt eine Dynamik ins System, die ihn selbst weiter entfernt von der Schönheit und der Vollkommenheit des Anfangs. Das ist unausweichlich. Denn es ist die Differenz, die in dieser Bewegung entsteht, die es ihm überhaupt erst möglich macht, sich selbst zu erkennen. Die Bibel beschreibt diese Bewegung als die Geburt selbstbewussten Handelns. Mithin die Unterscheidung von Gut und Böse.
Gott bleibt uns dabei Gegenüber und was er tut kommt uns ganz nah. Wie ein Mensch handelt er in den ersten Kapiteln der Bibel. Es ist erstaunlich, wie nahe er entlang der Erfahrungs- und Gefühlswelten der Menschen beschrieben wird. Gott ist liebevoll und sorgfältig, er wird zornig auf Verrat an dieser Liebe hin, er scheut auch vor Gewalt nicht zurück. Es ist fast so, als würden Menschen Gott als ihr Spiegelbild erkennen und Gott im Spiegel den Menschen. Nicht umsonst ist ganz am Anfang der Bibel, nicht allzu weit vor unserem Text heute, auch von der Ebenbildlichkeit des Menschen im Gegenüber zu Gott die Rede.
Im Verhältnis zu der Ordnung am Anfang, der kurzen „chaosfreien“ Zeit, wird in der Sintflutgeschichte die Errichtung einer höheren Ordnung in Bilder gefasst. Nun ist es nicht mehr schwarz und weiß, die sich gegenüberstehen. Nun ist Gott bereit mit dem grau umzugehen, dass der Mensch und seine Sinnsuche in die Welt bringt. Es ist ein Akt der ganz und gar unbegründeten Versöhnung Gottes mit den Menschen. Gott blickt den Menschen anders an – und siehe, der Mensch bekommt die Chance dadurch neu anzufangen. Nicht blickt Gott die Menschen an und ändert dadurch seine Meinung. Nicht, weil der Mensch endlich auch „alles gut“ macht entscheidet sich Gott, ihn liebevoll anzusehen.
Wir lesen: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn (im Sinne von „obwohl“) das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Es ist ein trotzdem, um das es hier geht. Und dieses erinnert Christen nicht ohne Grund auch an Christus. Daran wie Gott in ihm das Verhältnis von Welt und Mensch neu gestaltet. Gott sieht Menschen liebevoll an in ihren Erfahrungen von Vergeblichkeit, Unvollständigkeit, Gebrochenheit. In der unerhörten Spannung zwischen Schönheit und Katastrophe. Auch mitten hinein in Begebenheiten und Bilder, wie ich sie eingangs beschrieben habe. Dennoch.
Dabei bleibt viel offen. Große Fragezeichen stehen hinter den Schmerzen, die Menschen erleiden ohne ihr Zutun. Sei es, weil sie Naturereignissen ausgesetzt sind, sei es, weil andere Menschen Lebensgrundlagen zerstört haben, sei es, weil Menschen Menschen Grausamkeiten antun. Sich von Gott verlassen zu fühlen, ist Teil menschlicher Erfahrungswelt. Wir sind dem Dazwischen ausgesetzt und sehen oft genug überhaupt keinen Sinn. Aber auf diese Grauzone lässt sich Gott ein, weil er sich auf uns einlässt.
Die Widersprüche in der Welt, im Menschen, in Gott selbst lösen wir nicht auf. Aber was wir heute zurück ins Leben mitnehmen können ist, dass Gottes Angebot steht. Das wir uns in Leben und Zeit werfen können, weil Gott uns den Lebensrahmen stellt, in dem wir gut aufgehoben sind, der sinnvoll an sich ist – weil er es so für sich entschieden hat. Weil er seinen Segen trotzdem gibt.
Amen.

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