Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2018

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Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias, 14. Januar 2018

14.01.2018

zu 1. Korinther 2, 1 - 10; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
in meiner früheren Gemeinde in Strehla engagierte sich in den 90er Jahren eine junge Frau in der Jugendarbeit. Sie war immer auffallend geschminkt und unterstrich auch durch ihre Kleidung ihre attraktive Erscheinung. Es gelang ihr durch ihre große Ausstrahlung, innerhalb kurzer Zeit die Teilnehmerzahlen der Jungen Gemeinde zu verdoppeln. Allerdings: Ihre Ausstrahlung zog dann auch einen anderen Mann an. Als sie seinetwegen wieder fortzog, blieb kein einziger von denen übrig, die während ihrer Zeit neu zur Jungen Gemeinde gestoßen waren. Sie waren von der Persönlichkeit der Frau angezogen worden, nicht von der christlichen Botschaft.
Der Apostel Paulus war das genaue Gegenteil: unscheinbar, kein großer Redner, in seinen Gedankengängen manchmal schwer verständlich. Er war keiner von denjenigen, denen gleich die Herzen zufliegen; zudem ein kranker Mann. Seine Gegner in Korinth haben ihm genau das zum Vorwurf gemacht. Wie kann jemand ein Mann Gottes sein, wie kann er ein Apostel des Allmächtigen sein, wenn er eine solch schwache Figur ist?
Paulus verneint das zu Recht. In Korinth sind schließlich durch seine Predigt viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Nicht weil Paulus eine so große Ausstrahlung gehabt hätte, nicht weil er ausgesehen hätte wie ein Lieblingsschwiegersohn, nicht weil Paulus ein begnadeter Redner gewesen wäre. Die Predigt des Paulus hat verfangen, weil sie in aller äußerlichen Schwachheit vom Geist Gottes getragen war. Darum sind Menschen zum Glauben gekommen; darum ist ihr Leben verwandelt worden.
Das entspricht nach meinem Eindruck auch der Realität in unseren Gemeinden. Nun leben wir ja in einer Zeit, in der besondere Persönlichkeiten ohnehin selten geworden sind. Wer zieht heute die Menschen wirklich noch in seinen Bann? Nicht einmal mehr eine Margot Käßmann, so scheint es mir. – Aber zum Glauben finden Menschen auch nicht unbedingt durch solche Persönlich­keiten. Zum Glauben finden sie, weil die Großeltern ihnen in aller Unvollkommenheit ihren Glauben vorgelebt haben. Zum Glauben finden sie, weil die Arbeit einer Mitarbeiterin von Liebe getragen war oder weil ein Jugendwart mit all seinen Fehlern und Schwächen echt war in dem, was er gesagt hat. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig; das ist das Geheimnis des Evangeliums.
Die Kritik der Gegner des Apostels zielt aber noch tiefer. Ihnen geht es nicht nur um seine Person, sondern auch und vor allem um seine Verkündigung. Was hat Paulus denn anzubieten? Je­sus. Einen am Ende gescheiterten Wanderprediger aus Galiläa. Einen, der einen elenden und schmachvollen Tod gestorben ist, eben den gekreuzigten Christus. Durch sein Leiden und seinen Tod soll das Heil gekommen sein: Ist das eine überzeugende Lehre für das Leben? Soll Gott – in aller seiner Herrlichkeit – sich ausgerechnet in einem Gekreuzigten offenbaren? Das ist doch widersinnig! Gottes Allmacht und die Schwachheit des Gekreuzigten – das passt doch nicht zusammen! Weit scheint es mit den Erkenntnissen des Apostels nicht her zu sein.
Die Gegner des Paulus in Korinth legen den Finger auf eine offene Wunde. Uns geht es heute doch ähnlich. Schon der Glaube an einen Gott an sich widerspricht heute der Alltagsweisheit der Menschen. Aber wenn es denn einen Gott gibt, dann möchte man doch einen haben, der einem ein gutes Leben verschafft. Der alles Leid aus der Welt vertreibt. Der mir garantiert, dass es mir immer gut geht. Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste die Welt anders aussehen. So begründen viele ihren Unglauben.
Stattdessen predigt die christliche Kirche einen Gott, der im wahrsten Sinne des Wortes ganz schön „heruntergekommen“ ist. Ein Gott, der in einem Stall Mensch wird. Ein Gott, der an unse­rem menschlichen Schicksal teilnimmt. Der Leid nicht abwendet, sondern sich ihm selbst aussetzt. Ein Gott, der sogar die leidvolle Erfahrung eines schmerzhaften und äußerst un­ehrenhaften Todes auf sich nimmt. Das ist für moderne Men­schen nicht weniger merkwürdig als für die Kritiker des Apostels in Korinth.
Und geht es uns persönlich sehr viel anders? Haben wir nicht auch manchmal unsere Schwierigkeiten mit diesem Gott? Hadern wir nicht auch manchmal damit, dass selbst treue Christen genauso leiden und sterben wie andere auch? Ist es uns nicht auch eine Anfechtung, dass der Glaube sich in unserer Zeit in Europa immer mehr verflüchtigt? Ist dieser „heruntergekom­mene“ Gott nicht so anders, als wir uns einen Gott wünschen würden? – Mag unser Verstand auch von diesen Fragen und Zweifeln bewegt werden: unser Herz sagt dennoch Ja zu diesem Gott, der in Bethlehems Stall im Kind in der Krippe ein Mensch geworden ist. Unser Herz schenkt dem unser Vertrauen, der da auf so elende Weise sein Leben für uns hingegeben hat. Paulus würde darin das Wirken des Geistes Gottes erkennen. Gottes Wahrheit ist ein Geheimnis. Vieles ist für uns einfach unbegreiflich. Aber Gottes Geist gibt es unseren Herzen dennoch zu glauben. Wo unsere menschliche Weisheit diesen Gott nicht mehr verstehen kann, gerade da liegt die Weisheit Gottes.
Diese Weisheit Gottes ist geheimnisvoll und manchmal rätselhaft. Sie ist gerade so eine tiefere oder höhere Weisheit; je nachdem, wie man es sehen will. Denn würden wir wirklich einen Gott haben wollen, der uns in all seiner Allmacht ständig Zeichen seiner göttlichen Überlegenheit gibt? Hätten wir dann noch die Freiheit auf ihn zu vertrauen? Lebten wir dann nicht letztlich in Angst vor diesem übermächtigen Wesen? Ein Gott, den man lieben und dem man vertrauen kann, wäre das sicherlich nicht. Würden wir an einen Gott glauben wollen, der nicht unser Leiden und Sterben mit uns geteilt hat? Ist das nicht der größte denkbare Erweis seiner Liebe zu uns? Ist dieser „heruntergekommene“ und gekreuzigte nicht ein Gott, wie man ihn sich nur wünschen kann?
Liebe Gemeinde, das ist das Geheimnis des Glaubens, die Weisheit, die unsere Weisheit kaum fassen kann: Gott ist der, der die Welt überwindet, indem er sich in Jesus Christus all ihren Schrecken aussetzt. Wir haben einen zutiefst menschlichen Gott. Er wird wirklich einer wie wir bis hinein in unser Leiden und Sterben.
Diesem Gott vertrauen wir und diesem Christus folgen wir nach. Das ist der Grund dafür, dass uns eben in diesem Leben nicht alles Leid erspart bleibt. Die Korinther wollten davon nichts wissen. Sie mochten sich dem auch nicht aussetzen. Sie wollten mit dem Leid dieser Welt nichts mehr zu tun haben. Wer genügend glaubt, dem wird es gut gehen. Diese Vorstellung bewegt auch manche Christen unserer Zeit. Aber so ist es nicht. Wir sind dieser Welt mit ihren Dunkelheiten nicht entnommen. Wir folgen im Glauben dem Gekreuzigten. Gerade darum spüren wir ihn in den schweren Zeiten unseres Lebens aber auch an unserer Seite. Gerade, weil der Gekreuzigte all unsere Schwachheiten durchlitten hat, kann er uns nahe sein im Leid, spüren wir die Kraft, die er uns schenkt, spüren wir die Hoffnung, dass alles Dunkle im Licht eines Ostermorgens überwunden wird. Zudem gehört es – so widersinnig das klingen mag – auch zu unserer Menschlichkeit dazu, dass wir nicht allem Leid entnommen sind. Wir hätten sonst keine Freiheit, Fehler zu machen, die Leid verursachen. Wir hätten keine Herausforderungen, an denen wir wachsen können. Wir müssten auch auf die Erfahrungen von Mitmenschlichkeit und Solidarität verzichten, die wir gerade in schwierigen Lagen oft machen. Es liegt eine tiefe Weisheit Gottes darin, dass er so ganz anders ist und ganz anders mit uns umgeht, als wir uns das oft wünschen würden. Es liegt eine tiefe Weisheit in der Botschaft von Christus, dem Gekreuzigten. Es ist eine Weisheit, die im Geheimnis verborgen ist.
Aber gerade in der Verborgenheit wird sie für uns sichtbar; wir alle haben das schon erlebt:
-          Wir hören die wenig begeisternde Predigt eines Pfarrers und plötzlich trifft und berührt uns ein Satz in unserem Innersten.
-          Wenn sehnen uns nach einem allmächtigen Gott und werden zutiefst angerührt von diesem ohnmächtigen Kind in der Krippe.
-          Wir sitzen an einem Krankenbett und fragen uns, warum der Patient so leiden muss und plötzlich leuchtet in seinem Gesicht etwas auf von der Nähe und Gegenwart unseres Herrn und dem Frieden, den er uns schenkt.
-          Unter dem Gegenteil verborgen ist das Geheimnis unseres Gottes und wird plötzlich offenbar.
Amen.

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