Predigt am 2. Christtag 2019

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Predigt am 2. Christtag 2019

26.12.2019

zu Matthäus 1, 18 - 25; gehalten von Pfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
es ist schon eine skandalöse Geschichte, die uns Matthäus da erzählt. Da sind zwei Menschen miteinander verlobt. Verlobt zu sein, dass bedeutete damals: so gut wie verheiratet zu sein. Die Braut zählte schon zur Familie des Mannes. Darum muss Maria in der Weihnachtsgeschichte des Lukas auch mit nach Bethlehem gehen und sich dort zählen lassen. Dann ist diese junge Frau aber plötzlich schwanger, ohne dass der Mann etwas dazu getan hätte.
Nun gibt es mehrere Möglichkeiten. Josef hätte einen wirklich großen Skandal daraus machen können. Das Recht hätte er auf seiner Seite gehabt. Selbst in unserer heutigen Zeit, wo jede und jeder machen kann, was er oder sie will, wäre das ein starkes Stück. Da steht ein Paar kurz vor der Heirat und dann ist die Braut schwanger – und offensichtlich nicht von ihrem künftigen Ehemann.
Josef scheint einer zu sein, der seine Braut wirklich liebt. Aus diesem Grund macht er nicht das große Fass auf. Er stellt sie nicht an den Pranger. Aber bleiben will er auch nicht bei ihr. Dafür ist er dann doch zu verletzt und zu stolz. Sie hat ihm immerhin bitter Unrecht getan – meint er.
Aber das Recht ist das eine. Die Barmherzigkeit ist das andere. Was wird aus Maria, wenn er sie allein lässt? Sie wird ihr Leben lang geächtet sein. Sie wird niemals mehr einen Mann finden. Wenn Josef Maria wirklich liebt, kann er ihr dann nicht verzeihen? Kann er seinen verletzten Stolz nicht herunterschlucken und sich dennoch zu ihr und auch zu diesem Kind bekennen? – Er kann es nicht. Vielleicht sind ihm die Gedanken durch den Kopf gegangen, aber er kann es nicht. Das Kind eines anderen will er nicht aufziehen. Auf keinen Fall!
Dann aber schickt Gott einen Boten, erzählt uns Matthäus. Und er macht uns im Folgenden deutlich, warum Gott seinen Sohn zur Welt hat kommen lassen. Was Gott mit der Welt durch dieses ungeborene Kind vorhat, ist etwas unglaublich Großes: Er will die Menschheit erretten von ihren Sünden. Und er fängt bei Josef an. Das Recht, die Konventionen höher zu stellen als die Beziehung zu einem doch eigentlich geliebten Menschen, das ist Sünde. Den verletzten Stolz in den Vordergrund zu stellen, ist Sünde. Die Barmherzigkeit unter die Räder der eigenen Selbstachtung geraten zu lassen, ist ebenfalls Sünde. Vor dieser Sünde wird Josef bewahrt: Der Bote Gottes ermutigt ihn Maria nicht zu verlassen. Dieses Kind ist von Gott – wenn der Heilige Geist sicherlich nicht der Vater ist in dem biologischen Sinn, wie Josef der Vater gewesen wäre. Der Engel sagt auch, warum Josef bei Maria bleiben und ihrem und zugleich seinem Kind ein Vater sein soll: Er wird einer sein, durch den Gott rettet, und darum soll er Jesus heißen. „Gott rettet“ – und zwar von den Sünden, erläutert uns Matthäus. Und der erste, der von den Sünden gerettet wird, ist eben Josef selbst. Er lernt, dass es manchmal besser ist, seinem Herzen in der Tiefe zu folgen; sich von der Liebe leiten zu lassen, nicht von gekränktem Stolz oder verletzter Selbstachtung. Er lernt auch, dass Gottes Wille mit uns manchmal schwer verständlich ist und wir ihm dennoch folgen sollen. In einer Beziehung zu dem lebendigen Gott ist es manchmal so, dass wir auf Wegen geführt werden, die wir lieber nicht gehen würden. Manchmal sind diese Wege so, dass wir sagen: „Das kann doch Gottes Wille nicht sein!“ Es kann doch nicht Gottes Wille sein, dass eine junge Frau anders schwanger wird als in dem ehelichen Schlafzimmer. Aber in dem Fall ist es Gottes Wille, sagt uns der Evangelist. Willigen wir ein, diesen Weg zu gehen und Gottes Weisung zu folgen, dann sind wir von unseren Sünden gerettet. Josef ist so gerettet worden. Darum wird er das Kind dann auch „Jesus“ nennen – wieder in Einwilligung in den Willen Gottes.
Matthäus beruft sich dabei auf den Propheten Jesaja. Der hat angekündigt, dass eine junge Frau – oder auch eine Jungfrau – schwanger werden wird. Im Hebräischen verschwimmen da sprachlich übrigens die Grenzen. Das Kind trägt bei dem Propheten Jesaja aber noch einen anderen Namen: „Immanuel“. Das bedeutet: „Mit uns ist Gott“. Das ist ein kleiner Unterschied zu den Namen „Jesus“. Es ist in gewisser Weise der Unterschied zwischen Maria und Josef.
Denn wie sieht es denn aus der Perspektive der Maria aus? Sie ist schwanger geworden. Auch für sie ist es eine Aufgabe, das Kind anzunehmen, das in ihrem Bauch heranwächst. Auch ihr ist das anfangs vielleicht schwer gefallen. Aber auch sie hat die Botschaft erhalten, dass letztlich Gott in diesem Kind zur Welt kommen wird. „Gottes Sohn“ wird man Jesus später einmal nennen. Diesen Weg zu gehen, ist für sie aber mit den allergrößten Schwierigkeiten verbunden. Wenn Josef sie verstößt, ist ihr Leben beendet. Wenn sie Glück hat, dann ist ihre Familie barmherzig und nimmt sie auf. Aber eine eigene Familie, wie es damals der einzige Lebensinhalt einer Frau war, wird sie nie haben. Wenn ihre Familie sie nicht aufnimmt, dann gnade ihr Gott!
Aber genau diese Gnade erfährt Maria. Gott lässt sie nicht im Stich. Er erweicht das Herz des Josef. Er bringt ihn dazu, Maria wie vorgesehen zu sich zu nehmen und das Kind als sein eigenes großzuziehen. Jesus wird einmal von ihm das Zimmererhandwerk erlernen und somit einen guten Beruf haben, den er dann auch einige Jahre ausüben wird. Maria macht die Erfahrung, so erzählt es uns der Evangelist, dass Gott sie nicht im Stich lässt. Der Herr der Himmel hält seine schützende Hand über sie und ihr Kind. Denn Josef wird sie und ihr Kind nicht nur annehmen. Er wird gleich nach der Geburt mehr als das tun: Er wird mit Maria und dem Kind auf die Flucht gehen und so dafür sorgen, dass das Kind überlebt. Gott mit uns – Immanuel. Das wäre durchaus auch ein guter Namen für dieses Kind gewesen. Maria hat es erfahren.
Liebe Gemeinde, was Matthäus uns erzählt, ist eine unglaubliche und zugleich zutiefst wahre Geschichte. Denn sie erzählt uns, warum Gott zu Weihnachten in dem Sohn der Maria zur Welt gekommen ist. Er hat es getan, um uns zu ihm hinzuwenden. Uns wird sozusagen der Kopf verdreht. Und das in zweifacher Weise:
Im Blick auf die Krippe können wir zum einen eigentlich gar nicht anders, als unsere Selbstherrlichkeit, unseren Stolz, unseren Selbstbehauptungswillen, ja auch unser gutes Recht aufzugeben. Viel wichtiger als das Recht ist die Barmherzigkeit. Das wird Jesus als Erwachsener den Menschen predigen und ihnen gegenüber leben. Wenn mich also jemand absichtlich oder unabsichtlich verletzt hat, dann kann ich ihm oder ihr das natürlich mein Leben lang nachtragen. Aber das wird weder meiner Seele gut tun, noch den Menschen, die irgendwie einbezogen sind. Es wird auch meine Beziehung zu diesem Menschen in keiner Weise verbessern. Wenn ich aber bereit bin, über meinen Schatten zu springen, dann besteht immerhin die Möglichkeit, dass es besser wird. Meine Beziehung zu Jesus Christus wird in jedem Fall eine andere sein. Denn ich bin ihm nachgefolgt auf dem Weg der Versöhnung und Barmherzigkeit. Er hat uns das vorgelebt bis hin zur völligen Selbstaufgabe am Kreuz. So hat er uns gerettet von unseren Sünden – Jesus, der Retter Gottes.
In der Krippe sehen wir aber auch das Kind, von dem der Prophet gesagt hat, es werde die Verkörperung der Losung „Gott mit uns“ sein und darum Immanuel genannt werden. Manchmal geht es uns ja wie Maria. Da sind wir in einer aussichtslosen Lage. Wir haben einen Fehler gemacht. Oder uns ist etwas ganz Furchtbares zugestoßen. Oder es geht uns einfach schlecht. Wir sind versunken in Trauer oder Kummer. Dann dürfen wir darauf vertrauen: Gott sieht uns – so wie er die Maria gesehen hat. Gott ist es nicht egal, was mit uns geschieht. Darum ist er zu Weihnachten in dem Kind Jesus zur Welt gekommen. Da ist also einer, der uns an der Hand nimmt. Vielleicht spüren wir es nicht. Manchmal merken wir es erst im Nachhinein. Aber wir gehen keinen Weg durch das Leben ohne Gottes gutes Geleit. Nicht immer führen die geleiteten und begleiteten Wege nur über grüne Auen. Aber immer ist er mit uns auf dem Weg: Jesus, der, in dem Gott mit uns ist.
Jesus, der Retter von unseren Versuchen, unsere eigenen Wünsche höher zu stellen als alles andere. Immanuel, der Gott, der den Schwachen aufhilft und uns begleitet. So kommt Gott zu uns zu Weihnachten.
Amen.

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