Predigt am 2. Advent, 10. Dezember 2017

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Predigt am 2. Advent, 10. Dezember 2017

10.12.2017

zu Jesaja 63, 15 - 16; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
es war nicht sehr hell in der kleinen Hütte. Die Öllampe er­leuchtete den Raum nur dürftig. Gerade eben noch konnte man die Gesichter erkennen von denen, die zum abendlichen Gottesdienst gekommen waren. Dicht an dicht saßen sie gedrängt. Ausgemer­gelt waren die Gesichter, aber die Augen leuchteten voller Er­wartung. Alle Augen richteten sich auf den Mann, der hier in der Fremde für sie so etwas wie zu Hause im Tempel der Priester geworden war. Wie er richtig hieß, das wusste kaum einer mehr. Irgendwann hatte jemand angefangen, ihn Jesaja zu nennen, und dabei war es geblieben. Vielleicht lag es daran, dass er bei ihren Zusammenkünften meistens ein Stück von dem Propheten Jesaja vorlas und auslegte. Es waren Worte, die sein Großvater eigenhändig aufgeschrieben hatte. Denn der hatte den Propheten Jesaja noch persönlich gekannt.
Jesaja half ihnen zu verstehen, warum ihr Land zerstört war, warum sie nach Babylon gebracht worden waren und nun als Sklaven hier leben mussten. Nun waren sie wie herrenlose Hunde, die sich auf der Straße herumtrieben. Sie hatten keine Heimat und keine Zukunft mehr. Immer begleitete sie die fast verzweifelte Frage, wo denn Gott nur war.
Wenn ihr jetziger Jesaja aber die alten Texte auslegte und darüber betete, dann spürten sie eine Antwort auf ihre Fragen: Gott hatte die Katastrophe zugelassen. Denn sie hatten alle Warnungen und Mahnungen Gottes auch aus dem Mund des Propheten Jesaja in den Wind geschlagen. Dennoch gab es ihn noch immer, den Gott Israels. Weiterhin stand er zu ihnen. Sie waren nicht allein in dem Auf und Ab der Zeiten.
Jetzt wurde es still, denn Jesaja schaute in die Runde zum Zei­chen, dass sie nun beginnen wollten. Nachdem er aus der alten Schriftrolle vorgelesen hatte, schloss er die Augen und öffnete sei­ne Handflächen nach oben, zum Himmel hin. „Ich will die Gnade des HERRN erbitten.“ Ein leises Schaukeln war in seinem Körper, als er anfing zu beten. Die Worte waren so schlicht und beinahe flüsternd gesprochen, aber sie drangen tief ein, und die Herzen brannten. Denn Jesaja hatte Recht: Zwar merkten sie zur Zeit nicht mehr viel von Gottes Nähe. Aber zu wissen, dass er sie kannte und ihre Vorfahren begleitet hatte, das trug auch sie und ließ sie hoffen. Gott hatte Israel befreit – Mose und das ganze Volk Israel, er hatte das Wasser gespalten und den Weg in die Freiheit von den Ägyptern gebahnt. So hatte er sich einen Namen gemacht. Bei ihm allein lag ihre Hoffnung, dass es einmal auch für sie eine Befreiung aus ihrer elenden Lage geben würde.

Liebe Gemeinde,
eigentlich können dieses Worte des neuen Jesaja nur von Men­schen verstanden und nachgebetet werden, die ebenso unter ihrem Schicksal leiden wie vor 2500 Jahren das Volk Israel in der Gefangenschaft in Babylonien. Denn nur wer fast an seinem Los zerbricht, wie es damals die deportierten Juden in Babylon taten, der kann auch ihre Sehnsucht teilen. Die Worte des neuen Jesaja bringen ihre Hoffnung auf Gott zum Ausdruck: „Zerreiße doch den Himmel und komm zu uns herunter in diese Welt! Mach, dass die Berge wie bei einem Vulkanausbruch zerschmelzen, wenn du kommst. Lass doch die Völker, die von dir nichts wissen wollen, deine Macht erkennen. Tu doch etwas, was niemand erwartet. Unterbrich unseren elenden Alltag und stell all das auf den Kopf, was wir gewöhnt sind.“
Was für eine Sehnsucht nach einem Umsturz des Gewohnten, nach einem Ende mit all dem, was unser Leben ausmacht! Eigentlich können nur die sie wirklich teilen, die ihr Leben kaum noch ertragen. Gehören wir zu denen? Ich jedenfalls gehöre nicht dazu, wenn mir auch manchmal der Alltag meines Lebens schwer fällt. Aber es gibt genügend Menschen, die dazu gehören. In dieser Adventszeit stehen ja wieder viele traurige Schicksale in den Zeitungen, weil diese für die Betroffenen um Spenden bitten: Familien, die zum Teil unverschuldet in finanzielle Notlagen geraten sind oder die ein krankes Kind haben, für das es Umbauten in der Wohnung geben muss, die sonst niemand bezahlt. Viele Hilfsorganisationen schicken uns zur Zeit Briefe mit der Bitte um Spenden. Sie schildern uns, wo es überall in der Welt furchtbare Not gibt. Da sind z. B. die Menschen im Grenzgebiet zwischen Myanmar und Bangladesh, die im Matsch leben müssen und nichts haben, wovon sie ihr Leben bestreiten können. Und welche Angst mögen jüdische und palästinensische Mütter um ihre Söhne haben, wenn es nun offenbar wieder auf gewaltsame Auseinandersetzungen im Heiligen Land hinausläuft. Welche Dunkelheiten gibt es überall auf dieser Welt! Wer unter ihnen leidet, kann sich – anders noch als wir – hineinfühlen in die Worte des neuen Jesaja, in die Sehnsucht seiner Leute. Er oder sie wird ihre Hoffnung teilen, dass Gott endlich seine Zukunft zu unserer Gegenwart macht; dass sich die Dinge durch ihn zum Guten wenden.
Aber das reicht noch nicht, wenn man die Worte des neuen Jesaja wirklich nachbeten will. Es reicht nicht aus, diese Sehnsucht nach einer besseren Welt in sich zu tragen. Man muss auch den Glauben teilen, den der neue Jesaja seiner Gemeinde einflößen konnte. Das fällt uns modernen Menschen nicht leicht. Wenn es einen Gott gäbe, müsste dann unsere Welt nicht anders aussehen? Fragen viele. Selbst Christen verzweifeln manchmal an ihrem Glauben, wenn ihnen Schweres auferlegt wird. Andere erleben das genaue Gegenteil. Ich habe in meiner ersten Pfarrstelle einen Vater getauft, der hatte seine Tochter bei einem unverschuldeten Verkehrsunfall verloren. Weil die Großmutter der jungen Frau Gemeindeglied war, kaum ich dazu die Trauerfeier zu halten. Für den Vater war die kirchliche Trauerfeier ein Anlass, sich näher mit dem Glauben zu beschäftigen. Über Jahre hat er sich Christus angenähert, bis er sich schließlich taufen ließ. Er hatte schließlich in seinem Leid Halt gefunden im Glauben an Gott.
Jesajas Gemeinde hat es ähnlich gemacht. Sie haben sich nicht von Gott abgewandt und sich stattdessen zu den Göttern der Babylonier bekannt. Sie haben zunächst einmal Gott all ihre Kla­ge fast entgegengeschrieen. „So schau doch mal vom Himmel her­unter, du Gott! Ist es dir eigentlich egal, was mit uns geschieht? Wo ist denn nur deine Liebe zu uns, deinem Volk? Und wo ist deine Macht?“ Da wird mit Gott geradezu gestritten. Er wird her­ausgefordert – in einer fast unverschämten Weise. Aber wer so betet, hält ja gerade unerschütterlich daran fest, dass Gott sein Schicksal wenden kann und es letztlich doch auch tun will. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat je gesehen einen Gott außer dir, der so Gutes tut denen, die auf ihn vertrauen.“
Jesajas Gemeinde hat in all ihrer Not unerschütterlich an der Hoffnung festgehalten, dass Gott sich doch besinnen und ihre Not zum Guten wenden würde. Und darum geriet dieses Gebet nicht in Vergessenheit: „Ach dass du den Himmel zerrissest und kämest herab!“
Liebe Gemeinde, die Sehnsucht danach, dass Gott diese Welt erneuert, brennt an anderen Orten dieser Welt heller als hier bei uns. Aber es gibt ja durchaus Brücken von uns zu dieser Sehnsucht. Denn wenn wir auch nicht so leiden müssen wie die versklavten Juden in Babylonien oder die Hungernden in Afrika, so sind uns doch gerade die Leidenden unter uns, in unserer Nachbarschaft, oder in fernen Länder nicht egal. Wie viele denken an und beten für die Kranken unter uns. Wie viele geben gerade jetzt in der Adventszeit großzügige Spenden für Notleidende bei uns und in der Welt. Uns sind die nicht egal, die ihr Leben kaum ertragen können. Darum lässt uns auch die Sehnsucht nach einer besseren Welt letztlich nicht unberührt.
Und auch uns trägt der Glaube der Gemeinde des neuen Jesaja. Wir vertrauen darauf, dass Gott die Wege der Menschen begleitet, die zu ihm beten, und ihre Not wenden kann. Zeichen dafür hat es ja auch genügend geben: Gott hat die Juden schließlich wieder in ihr Land zurückgeführt. Er hat tatsächlich den Himmel zerrissen und ist zu uns gekommen, nämlich in dem Kind in der Krippe. Durch Jesus Christus hat er schließlich wirklich etwas getan, was niemand erwarten würde. Demm am Kreuz nahm er unsere Schuld auf sich und besiege den Tod für uns.
Die Bitten des neuen Jesaja haben begonnen, von Gott erfüllt zu werden. Darum sind wir gewiss: Gott wird diesen Weg auch weiter mit uns gehen:
Er wird Dinge tun, die unser Vorstellungsvermögen noch viel mehr übersteigen;
Er wird einmal alle Sehnsüchte der Leidenden in unserer Welt er­füllen und alle Not wenden;
Er wird zu uns kommen und seine Welt des Friedens wird zu unserer Gegenwart werden.
Amen.

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