Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 15. September 2019

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Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis, 15. September 2019

15.09.2019

zu Markus 3, 31 - 25; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
1971 kam es in einem Vergnügungszentrum auf der Isle of Man durch spielende Kinder zu einem verheerenden Brand. So berichtete es der früh verstorbene Autor Frank Schirrmacher in seinem Buch „Minimum“. Es gab mehr als 50 Tote und Hunderte von Verletzten. Dieses Unglück wurde von einem Experten untersucht. Er sollte herausfinden, wie man künftig Fluchtwege besser gestalten kann. Was er bei seinen Untersuchungen erfuhr war beeindruckend. Nicht die jungen Leute, die mit ihren Freunden unterwegs waren, hatten die besten Überlebenschancen. Denn die Freundeskreise zerfielen, als die Katastrophe begann. Jeder war plötzlich auf sich allein gestellt. Die besten Überlebenschancen hatten die Mitglieder von Familien. Familien suchten als erstes ihre Mitglieder zusammen, auch wenn die sich in dem Vergnügungszentrum weit voneinander entfernt hatten. Sie ließen niemanden zurück und traten im Verbund die Flucht an. So hatten auch die Alten und Schwachen eine Chance zu überleben. In der Katastrophe fielen die Freundesgruppen auseinander; die Familienbande hielten.
So etwas Wunderbares ist die Familie.
Familie kann zugleich natürlich auch etwas furchtbar Einengendes sein. Es ist noch gar nicht so lange her, da führten die jeweils Alten in den Großfamilien das Regiment und wehe, man hatte als jüngerer Mensch andere Vorstellungen. Die Familie war das Schicksal eines Menschen, dem man kaum entrinnen konnte. Es sei denn, man verließ sie.
Jesus war so einer. Er hatte seine Familie verlassen. Niemals hätten sie es zugelassen, dass er als Wanderprediger durchs Land zog. Sein Platz war in der Zimmermannswerkstatt seines Vaters. Seine Bestimmung war es, eine Familie zu gründen. Nichts von dem tat er. Er zog hinaus, sammelte Anhänger um sich und verkündigte die nahe Herrschaft der Liebe Gottes.
Jesu Familie konnte das offenbar nicht akzeptieren. Jedenfalls zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie suchen ihn auf und wollen ihn dazu bewegen, wieder in den Schoß der Familie zurück zu kehren. Als er von seinen Zuhörern darauf angesprochen wird, erwarten sie von ihm, dass er sich der Pflicht eines Sohnes beugt und auf seine Familie hört. Aber er weist das ab – mit schroffen Worten. Er kappt sozusagen die Bindung an seine Familie und ersetzt sie durch eine andere Bindung. Seine Familie sind die, die Gottes Willen tun.
Hat Jesus den hohen Wert, den Familie hat, geleugnet? Nein, das hat er keineswegs. So hat er beispielsweise die Ehe in einer Diskussion um die Ehescheidung für unauflöslich erklärt und eine Scheidung ausgeschlossen. Er wusste, wie wichtig familiäre Bindungen sind. Jesus aber definiert den Begriff der Familie für sich neu. Familie, das sind nicht in erster Linie die, die blutsmäßig mit ihm verbunden sind. Zur Familie Jesu gehören die, die Gottes Willen tun. Die auf Gottes Liebe ihr Vertrauen setzen; die füreinander da sind. Die Menschen, die gerade auf Jesu Verkündigung hören, stehen ihm also näher als die, die mit ihm verwandt sind. Denn die einen entsprechen dem Willen Gottes. Sie hören Jesus zu und hören auf Jesus. Die anderen behindern das Tun des Willen Gottes, weil sie Jesus zurück nach Hause holen wollen.
Wir haben in der Kirche die Neigung, die Familie zu idealisieren. Das Verhalten Jesu macht deutlich: Blutsbande sind nicht das letztlich Entscheidende. Entscheidend ist auch nicht, ob man eine Familie hat oder nicht. Entscheidend ist, ob in einer Gemeinschaft von Menschen der Willen Gottes getan wird. So bedeutsam eine Familie darum auch ist, wie Schirrmacher eindrucksvoll schildert: Es gibt auch andere wichtige Gemeinschaften. Unter Umständen können sie für das Leben sogar bedeutsamer sein als eine Familie. Ich denke da beispielsweise an die Hospizvereine. Sie leisten – aus ganz unterschiedlicher Motivation heraus – eine überaus wertvolle Arbeit. Da, wo Familien oft überfordert sind, geben sie Sterbenden die Möglichkeit in Würde aus dem Leben zu gehen. Sie begleiten die Sterbenden bis an das Ende. Damit wird ganz ohne Zweifel der Willen Gottes in dieser Welt verwirklicht. Einer allein wäre überfordert. Eine Familie schafft es oft nicht. Aber die Gemeinschaft eines Hospizvereins ist stark genug, dem Willen Gottes Ausdruck zu geben. Dabei sind es nicht immer Christen, die diesen wunderbaren Dienst tun.
Den Willen Gottes tun – gewollt oder unabsichtlich – auch andere Institutionen, Organisationen, Vereine. Es geht ja nicht nur um die Hilfe in Extremsituationen. Alles, was dem Gemeinwohl wirklich nützt, entspricht letztlich dem Willen Gottes. Als sichtbares Zeichen unserer Dankbarkeit für den verliehenen Welterbetitel, der auch unseren Dom einschließt, sind heute zwei Mitglieder der Berg- und Hüttenknappschaft unter uns. Die Knappschaft ist ein Beispiel für all die Vereine und andere Gemeinschaften, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen. Sie machen die Region für die Menschen lebenswerter und tun ihnen damit etwas Gutes. Die Männer und Frauen, die in den Bergparaden mitmarschieren, wenden viel Zeit auf, um die Menschen hier im Erzgebirge an ihre Traditionen zu erinnern und diese zu pflegen. Denn nur, wer seine Wurzeln kennt, kann auch in die Zukunft aufbrechen. Oder denken wir an die Gemeinschaft der Menschen um Prof. Albrecht und Landrat a. D. Uhlig, die es durch ihre jahrelange mühevolle Arbeit im Welterbeverein geschafft haben, dass die Montanregion Erzgebirge den Welterbetitel gestern offiziell in Form der entsprechenden Urkunde verliehen bekam. Auch sie haben sich in den Dienst einer Sache gestellt, die letztlich vielen Menschen in der Region auf ganz unterschiedliche Weise zugute kommt und vermutlich erst noch zugute kommen wird. Man denke nur an die Touristen, die durch diesen Titel in der ganzen Welt auf das Erzgebirge aufmerksam werden.
Wir haben in unserer Zeit eine Tendenz, uns vereinzeln zu lassen. Unsere heutige Gesellschaft setzt auf den Einzelnen. Ohne Bindungen an eine Familie, an Freunde und Nachbarn, an einen Verein oder eine Gemeinde ist ein Mensch besser im Arbeitsleben verfügbar. Ohne solche Bindungen ist er auch leichter dazu zu bringen, sich durch Konsum von dem abzulenken, was ihm fehlt. Umgekehrt machen es die für viele so attraktiven Städte mit ihrer Anonymität auch schwieriger sich an einen anderen Menschen zu binden oder Teil einer Gemeinschaft zu werden. Manche möchten sich auch nicht mehr in eine Gemeinschaft einbinden lassen. Unabhängig zu sein, ist ein hohes Gut in unserer Zeit. Eine Bindung an eine Gemeinschaft empfinden viele als eine Einengung. Sie fürchten um ihre Freiheit, wenn sie sich binden – egal ob an einen Menschen oder eine Gemeinschaft.
Martin Luther hat diese Spannung zwischen Gemeinschaft und Indviduum, Bindung und Freiheit in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ in eindrucksvoller Weise beschrieben. Er schrieb darin 1521: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.
Luther wollte damit deutlich machen, dass wir als Menschen und ganz besonders als Christen natürlich frei sind. Gott hat uns unsere Würde und unsere Freiheit geschenkt. Gerade das Vertrauen auf die Liebe Gottes schenkt uns eine große innere Freiheit. Wir sind frei von der Angst um uns selbst, frei von Schuld, frei von der Sorge um die Zukunft. Dieses Vertrauen aber bindet uns zugleich. Es bindet uns an Gott. Denn aus seiner Liebe leben wir und auf sie vertrauen wir. Es bindet uns zugleich aber an die Menschen, die Gott uns anvertraut: Familie, Freunde oder auch beispielsweise den Nachbarn um die Ecke, für den wir ganz wichtig sind, weil er es ohne unsere Unterstützung schwer hätte. In besonderer Weise bindet der Glaube uns natürlich auch an die, die unseren Glauben teilen. Er bindet uns ein in die weltweite Gemeinde Jesu Christi.
Freiheit und Bindung gehören nach Luther zusammen. Wer wirklich frei ist, hat auch keine Angst sich zu binden. Und nur wenn wir füreinander da sind, wenn wir Teil einer Gemeinschaft sind, nur dann können wir wirklich frei sein. Nur dann kann der gute Willen Gottes für das Leben und unser Leben verwirklicht werden. Allein sind wir nur scheinbar frei. Denn allein sind wir in Wirklichkeit gefangen in uns selbst und all dem ausgeliefert, was uns von außen manipulieren und letztlich unsere Freiheit nehmen will.
Insofern dürfen wir dankbar sein für die Gemeinschaften, in die wir eingebunden sind. Dankbar, wenn wir eine Familie haben, in der wir unsere Freiheit leben können. Dankbar für Freundeskreise und Vereine, in denen wir einander begegnen. Dankbar in besonderer Weise für die Gemeinde Jesu Christi, zu der wir gehören. Sie ist auch so etwas wie eine Familie. Zwar laden wir uns nicht zum Geburtstag ein. Aber wir sind als Gemeinde eng aneinander gebunden durch unseren gemeinsamen Herrn und den Glauben an ihn. Wir sind verbunden, weil wir gemeinsam Jesus nachzufolgen versuchen und nicht zuletzt weil wir seinen Willen zu tun versuchen. Darum sind wir die Familie Gottes. Vor einiger Zeit las ich eine Aufschrift auf einem T-Shirt. Dort hieß es insofern zu Recht: Ich habe mehr Geschwister als Du Freunde bei Facebook.
Amen.

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