Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019

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Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, 1. September 2019

06.09.2019

zu Hiob 23, 1 - 17; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
er ist ein notorischer Lügner. Schon als Korrespondent für ein britisches Massenblatt in Brüssel hat der Berichte geschrieben, die mit der Wahrheit nichts zu tun hatten. Er ist ein notorischer Betrüger; auch im Privatleben. Zum zweiten Mal ist er geschieden und hat nun eine 23 Jahre jüngere Freundin. Ausgerechnet einen solchen Menschen hat eine sich konservativ nennende Partei in das Amt des Premierministers seiner Majestät gewählt. Verdient hat er das nicht. Nun ist Boris Johnson gerade dabei die altehrwürdige britische Demokratie ins Wanken zu bringen. Damit das Parlament seine Brexit-Pläne nicht stört, schickt er es in eine Pause. Verdient hätte er es, mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt zu werden. Vermutlich kommt er aber sogar damit durch.
Ganz anders Hiob. Er ist ein Gerechter. Die Bibel nennt einen gerecht, der mit sich, mit Gott und mit seinen Mitmenschen im Reinen ist. Hiob hat ein Leben geführt, in dem er sich im Rahmen unserer menschlichen Möglichkeiten nichts hat zuschulden kommen lassen. Aber ausgerechnet ihn trifft ein großes Unglück. Er verliert alles: seine Familie, seinen Besitz. Sein ganzes Leben wird auf den Kopf gestellt. Dadurch gerät sein Glaube ins Wanken. Wie konnte so etwas mir geschehen? fragt er sich. Wie konnte Gott es zulassen, dass mir so ein unermessliches Leid zugefügt wird?
Hiobs Freunde kommen zu ihm. Sie sind an seiner Seite. Aber sie haben auch gute Ratschläge für ihn. Die sind eher Schläge als guter Rat. Irgendetwas hast Du Dir bestimmt zuschulden kommen lassen, dass Du so bestraft worden bist, sagen sie. Tue Buße, kehre um, dann wird sich dein Schicksal wieder wenden.
Hiob widerspricht dem vehement: Ich bekomme nicht, das was ich verdient habe. Ich werde ohne ein Gerichtsverfahren bestraft für etwas, was ich gar nicht getan habe. Wenn ich wenigstens ein ordentliches Gerichtsverfahren vor Gott bekäme! Dann könnte ich meine Unschuld beweisen. Aber Gott hört mich nicht an. Es ist, als wäre er für mich gar nicht mehr zu finden. Wer weiß, was noch alles kommt?
Ich bekomme nicht das, was ich verdient habe, klagt Hiob sein Leid. Aber ist das Leben überhaupt so? Ist Gott so? Bekommen wir das, was wir verdienen?
Unsere Lebenserfahrung sagt uns, dass es nicht unbedingt einen Zusammenhang gibt zwischen dem, was wir tun, und dem, wie es uns ergeht. In Brandenburg wird ein Mann mit Kontakten tief in die Neonaziszene vermutlich heute in den Landtag gewählt und Fraktionsvorsitzender der AfD werden. Redliche und fleißige Abgeordnete werden dagegen heute aus den Landtagen gewählt, weil sie auf Sachpolitik und nicht auf Stimmungen gesetzt haben. Auch ganz privat erlebt man so etwas ja immer wieder. In meinem Dienst begegnen mir immer wieder Menschen, die überschwänglich dankbar sind für etwas, was für mich überhaupt keine Mühe war. Für andere gibt man sich viel Mühe und wird sehr enttäuscht. Ich denke da an eine Frau, die mir immer wieder beinahe unter Tränen ihre Notlage schilderte. Ich gab ihr dann jedesmal ein paar Euro, um eines Tages zufälligerweise mitzubekommen, dass sie das Geld an dem Tag umgehend zum Bäcker trug, um sich davon ein teures Frühstück zu leisten.
Gibt es einen Zusammenhang unseres Tuns mit dem, was uns geschieht?
Gott jedenfalls stellt diesen Zusammenhang nicht her. In gewisser Weise sind wir ja auch sehr froh, dass es so ist. König David bekommt nicht die Strafe für seinen Ehebruch und und den Mord am Ehemann seiner Geliebten. Er hätte sie mehr als verdient. Aber seine Sünden werden ihm von Gott vergeben. So sagt es ihm der Prophet Nathan zu. Zuvor hat der Prophet den mächtigen König für sich selbst urteilen lassen, was er eigentlich verdient hätte. David musste erkennen, wie sehr er schuldig geworden war. Verdient hätte er es, sein Königreich und sein Leben zu verlieren.
Auch der Zöllner aus dem Evangelium bekommt nicht, was er verdient hätte. Der Zöllner weiß, dass er vor Gott mit weniger als leeren Händen dasteht. Dass er seine Mitmenschen für die römischen Besatzer ausplündert, ist mit Gottes Willen nicht zu vereinbaren. Aber der Zöllner geht in sich. Er wirft sich sozusagen Gott in die Arme. Jesus stellt ihn als ein Beispiel hin für einen schuldigen Menschen, der ganz auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut und vertrauen muss. Gerade deswegen nimmt Gott ihn an. So erfährt der Zöllner die Vergebung Gottes.
In seinem Verhältnis zu uns Menschen geht Gott nicht nach dem, was wir verdient hätten. Auch wenn wir noch so fromme Leute sind, geraten wir doch mindestens in die Gefahr, überheblich und selbstgerecht zu werden wie der Pharisäer in der Beispielgeschichte Jesu. Gott aber stellt seine Barmherzigkeit über alles, was wir an Schuld auf unserem Konto haben. Er nimmt uns an mit unseren Stärken und Schwächen. Wir brauchen nur darauf – auf seine Gnade und Barmherzigkeit – unser Vertrauen zu setzen. So bekommen wir, was wir nicht verdient haben: Gottes Gnade.
Diese Gnade Gottes hat natürlich auch Auswirkungen auf unser Leben. Menschen, die an Gott glauben, sind im Schnitt gesünder als andere. Ehen, die vor dem Altar geschlossen werden, halten länger. Glaubende sind dankbarer als andere und haben allein dadurch schon ein besseres Leben. Es ist insofern sogar durch soziologische Untersuchungen nachweisbar, dass ein Segen auf dem liegt, der in seinem Leben auf Gott vertraut.
Aber es gibt auch das, was Hiob erfahren hat. Der Segen bleibt aus – jedenfalls ist nichts davon zu spüren. Fragen und Zweifel türmen sich auf. Fragen wie die, warum Gott es zurzeit zulässt, dass wir unsere Welt so zugrunde richten. Das Hiobbuch ist an dieser Stelle ein großer Schatz. Es zeigt uns, dass auch der Bibel solche Fragen nicht fremd sind. Es zeigt uns, dass auch der Fromme ins Zweifeln kommen kann und es in manchen Zeiten Glauben nur noch im Modus der Klage gibt. Die Heilige Schrift bezeugt uns, dass unser Glaube kein Kinderglaube sein kann. Da gibt es einfach Dinge, die uns fragwürdig werden; Dinge, die offen bleiben. Selbst Jesus hat sich diese Frage ja am Kreuz stellen müssen: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen? Bis er diese verzweifelte Frage durch das Ostergeschehen beantwortet bekam. Gott hatte ihn nicht verlassen; er war mit ihm auf dem Weg durch das finstere Tal des Leidens und des Sterbens und hat ihn auf die – vom Licht der Auferstehung beschienene – grüne Aue geführt.
Unsere Beziehung zu Gott funktioniert nicht wie ein Getränkeautomat. Wir können nicht unseren Glauben und unsere Versuche, nach Gottes Willen zu leben, wie eine Münze in einen Automaten werfen und dann sicher sein, dass unten das herauskommt, was wir uns wünschen. Das funktioniert nicht. So ist das Leben im Glauben nicht. So ist Gott nicht. Denn ein Gott, der immer alles in unseren Augen gut machen würde, wäre ein Marionettenspieler, der alle Fäden zieht. Wir Menschen wären willenlose Puppen – ohne Würde und Freiheit. Wenn er dann aber alle unsere Wünsche erfüllen würde, wäre es im Grunde fast umgekehrt. Dann wäre Gott unsere Marionette – wenn auch eine mit übermenschlichen Fähigkeiten. Das wäre nichts weniger als eine Karikatur von Gott. Darum haben einerseits die Nazis die Freiheit gehabt, unsägliches Leid über Europa zu bringen – insbesondere durch den Krieg, den sie heute vor 80. Jahren begannen. Aber es lag auch in der Freiheit Gottes, ihrem Treiben ein Ende zu setzen. Adolf Hitler bekam, was er verdiente; aber für viele Deutsche bedeutete das Kriegsende wiederum Leid, Vertreibung, Unrecht.
Warum bekomme ich von Gott nicht das, was ich verdient habe? fragt Hiob. Die Antwort ist: Es geht nicht nach dem Verdienst. Gottes Liebe können wir uns nicht verdienen. Er verschenkt sie umsonst. Auch Glück und Segen stehen nicht immer im Zusammenhang mit dem, was wir vielleicht verdient hätten; sie ereignen sich, ohne dass wir dazu etwas tun könnten und müssten. Manchmal bleiben sie auch in einer für uns unverständlichen Weise aus. Und dennoch stimmt, was der Beter des 23. Psalms betet: Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Denn er ist mit uns auf den grünen Auen wie in den finsteren Tälern. Er lässt uns die Wegstrecken über die lichtdurchfluteten Auen mit Dankbarkeit für den empfangenen Segen gehen und zugleich stärkt und tröstet Christus uns in den finsteren Tälern. Vor allem: Alle unsere Wege lässt er in seinem Licht ihr Ziel und ihre Vollendung finden.
Amen.

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