Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 3. Juni 2018

We are sorry - this page is not available in your language.
You might use Google Translate™ to get an automatically translated version of this page by clicking the following link:

Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis, 3. Juni 2018

04.06.2018

zu Johannes 5, 39 - 47; gehalten von Landesbischof i. R. Jochen Bohl im Freiberger Dom

Liebe Gemeinde,
das ist ein goldenes Wort – gleich im ersten Vers leuchtet ein Kennzeichen unserer Konfession in  konzentrierter Weise auf; Martin Luther hat ihn den Bibelausgaben 1538 und 1540 als Losung vorangestellt.
Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; sagt Jesus zu denen, die mit ihm waren. Zu allen Zeiten suchen Christenmenschen den Weg zu Gott, indem sie die Schrift studieren, um zur Wahrheit zu finden, das ewige Leben darin. Damals wie heute – auch wir moderne Menschen lesen die Bibel wie die Jünger es taten, wie die Reformatoren; manches bleibt.
Wenn es auch niemals eine Beschäftigung der großen Masse war; mit Ernst Christen sein wollen nicht viele und schon gar nicht alle. In diesen Tagen nun ist die Wahrheitssuche etwas fremdes, abständiges geworden, schon gar mit und in der Bibel, denn längst konkurriert das Gotteswort mit zahllosen anderen Wörtern. Es sind so viele, dass es einem darüber schwindelig werden könnte und es scheint, als gäbe es viele Wahrheiten. Da sind die modernen Medien, und sie schaffen längst eine eigene Wirklichkeit. 7 Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag umgeben uns Wörter, Anreden, Bilder – es ist ein Ringen um Aufmerksamkeit, Auflage, Quote. Auf meinem Fernseher habe ich 50 Sender gespeichert, von denen ich meine, sie könnten dann und wann einmal etwas für mich Interessantes bringen; es gibt über tausend Radiosender in Deutschland, wenn man die Internet-radios mitrechnet und 350 Tages- und Wochenzeitungen. Zu jedem vorstellbaren Thema werden mehr Wörter gemacht, als sie irgendjemand hören könnte, Interessante, Langweilige, Aufregende, Verstörende, Belanglose. Es ist eine Inflation der Worte, man kann sie nicht zählen, nicht verfolgen; und wie schwer ist es da, die wichtigen von den Unwichtigen zu unterscheiden. Worte, Worte, ein nie versiegender Strom. Die Präsidentschaft Trumps und die Zölle, 3 Wochen BAMF, dann die königliche Hochzeit in England, 2 Wochen Regierungsbildung in Italien, dazwischen Kreuze in bayrischen Amtsstuben. Eine Aufregung nach der anderen; Worte, Worte.
Das war zu biblischen Zeiten anders. Die Menschen sprachen miteinander, denn Bücher waren eine Seltenheit für einige wenige Auserwählte, die Gläubigen erzählten sich von den guten Taten Gottes und es vergingen Jahrhunderte, bis die ersten schriftlichen Überlieferungen von der Geschichte Gottes mit den Menschen erstellt wurden. In der mündlichen Weitergabe des Wortes war man genau, verlässlich, Wort für Wort in einer Weise präzise, die wir uns nicht vorstellen können, weil sie uns nicht mehr zur Verfügung steht. Als Jesus lebte, war die hebräische Bibel ein kostbarer Besitz in der Hand weniger. Es gab nicht viele Wörter neben denen, die Menschen im Gespräch von Angesicht zu Angesicht machten. Aus heutiger Sicht ist es eine versunkene Zeit, in der den Menschen jederzeit bewusst war, dass das Wort eine Macht hatte, sie und ihre Lebenswirklichkeit zu verändern.
Das ist anders geworden, für uns ist es schwer, in der Flut der Wörter das eine Wort zu entdecken, das sich unterscheidet von all den anderen; ein Wort, das etwas in mir zum Klingen bringt, so dass es mich aufrüttelt. Ein Wort, das mir bleibt, nicht vergeht, weil es mich unbedingt angeht, das einen eigenen Klang hat, der in meinem Innersten widerhallt.
Nicht leicht zu finden, ein solches Wort; es gibt nur wenige davon und die wenigen sind flüchtig in der großen Wörterflut - und doch, jeder von uns weiß, dass es solche Worte gibt. Sie werden nicht oft gesprochen, so dass man fast meinen könnte, es handele sich um ein Wunder, wenn man eines hört. Aber es gibt sie, von Zeit zu Zeit, hier und da, sie geschehen in Begegnungen, mit Menschen; und wir erinnern uns, wie alles anders wurde, durch eine solche Begegnung und durch wenige, aber treffende Worte, die zum Ausdruck brachten, was gesagt werden musste, damit es gut werden konnte mit mir. Leuchtende, bewegende, heilende Worte. Erinnern Sie sich?
So ähnlich ist es auch mit der Bibel und ihren Erzählungen von der Geschichte Gottes mit den Menschen. Man kann sie lesen wie andere Texte auch, nüchtern, distanziert, interessiert, man kann sie zur Seite legen, ohne dass irgendetwas anders geworden wäre. Aber wahr ist auch: zu allen Zeiten, an allen Orten haben Menschen erlebt, dass ein Wort der Heiligen Schrift sie angerührt hat, so dass sie sich erinnern und niemals den Moment vergessen werden, in dem eine Wahrheit aufleuchtete, von der ihr ganzes Leben verändert wurde. Das eine wie das andere ist möglich, es kommt ganz darauf an, wie wir die Bibel lesen. Martin Luther hat es in seiner bildkräftigen Sprache so zusammengefasst: aus der schönen Rose saugt die Spinne Gift, aber die Biene süßen Honig! Die Bibel ist dem Reformator wie eine schöne Rose, und zu diesem Bild ist er gekommen, weil er erleben durfte, wie die Schrift zu ihm sprach von dem gnädigen und barmherzigen Gott, der ihn beschenkt mit seiner väterlichen Liebe. Er zog aus ihr die Wahrheit, die ihn frei machte, und so gab er der Rose einen Ort in seinem Wappen.
Ja, das Wort Gottes kann uns nahe kommen; und dann ist es eine Begegnung der besonderen Art, die Erfahrung einer Wahrheit, die ich mir nicht selber geben kann, die vielmehr auf mich zukommt und mich ergreift. Dann leuchtet das Gotteswort wie ein Licht, das den Blick verändert und meine Sicht auf mich selbst und die Welt, in der ich lebe. Wer mit der Bibel lebt, in ihr liest, sie zu verstehen sucht, mit anderen über das Gelesene spricht, der wird solche Erfahrungen machen. Und nicht nur einmal, sondern ein Leben lang. Wie und was auch wir erleben, wie wir uns verändern - die Schrift wird zum Licht auf unseren Wegen.
Einmal, vor Jahren kam mein Sohn in mein Arbeitszimmer, sah mich am Schreibtisch und fragte „was schreibst du da?“ Die Predigt für Sonntag – darauf er, nach einigem Schweigen: „fällt dir da immer noch etwas Neues ein? Hast du nicht längst alles gesagt, was man sagen kann?“ Nein, das habe ich nicht; und so wird es auch nicht werden. Die Schrift erschöpft sich nicht, und das ist ja wirklich etwas ganz erstaunliches, etwas Wunderbares. Je länger, je mehr staune ich darüber, dass ich mich nun ein ganzes Berufsleben und darüber hinaus mit der Bibel beschäftige, Sonntag für Sonntag eine Predigt vorbereite – und doch immer wieder neues, Unerwartetes erlebe mit dem Gotteswort. Die Heilige Schrift ist eine Quelle der Erkenntnis, die nicht versiegt, sondern immer wieder neue Sichtweisen auf die Welt und mein Leben in ihr, den Zugang zu nie gekanntem eröffnet.
Mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein; die Geschichte der Kirche Jesu Christi ist die Geschichte von Menschen, die in der Bibel Gottes Anrede begegnet sind, und die Wahrheit darin entdeckten. Das geschieht auch heute, und ist ein wunderbares Erlebnis. Denn wer Gott begegnet, wird verändert und wird erleben, dass er nicht eine blasse Idee ist, sondern dass sein Reich schon jetzt mitten unter uns wächst. Er hilft gegen die Furcht, in Gefahren nicht bestehen zu können. Er schenkt ein getröstetes Herz angesichts der Ängste, in die das Leben einen Menschen stürzen kann; er führt zur Erkenntnis der Wahrheit, auf die in einer verwirrenden Welt Verlass ist und stärkt die Hoffnung gegen allen Augenschein. Gott macht uns frei, einander im Geist der Liebe zu begegnen. Dann wird es anders, dann stehen wir unserem Nächsten bei, treten an die Seite der Armen und leisten unseren Beitrag, dass Gerechtigkeit einzieht und die Welt verändert wird.
Ja, es kann geschehen, dass Gott redet, sein Wort mir nahe kommt, so dass es gut wird mit mir. Dazu braucht es nicht viel, nur eins - die Bibel zu lesen in der zuversichtlichen Erwartung, in ihr Gott zu begegnen, mit der Schrift zu leben. Sich Zeit dafür zu nehmen, das ist wichtig. Sich nicht entmutigen lassen, wenn man nicht versteht. Nochmals lesen, mit anderen darüber reden. Das macht Mühe, aber lohnt sich, gerade in einer geschwätzigen Zeit, die so viele Worte macht.
Liebe Gemeinde,
„am Anfang war das Wort“ – unter diese Losung haben wir im vergangenen Jahr das Reformationsjubiläum gefeiert. Luther und den Reformatoren ging es vor 500 Jahren um die Rückkehr zu einigen wenigen Grundsätzen des geistlichen Lebens, die zu Gott führen: allein Christus, allein aus Gnade, allein der Glaube, und eben allein die Schrift. Diese Konzentration auf das Elementare steht im Zentrum unserer Konfession, und das ist ein Schatz, den wir bewahren wollen, nicht nur in Jubiläumsjahren. Aber nicht so, dass wir ihn eifersüchtig hüten, um ihn für uns betrachten zu können. Sondern so, dass wir nicht von dem schweigen, was uns bewegt. Wir wollen an andere weitergeben, was uns reich und froh macht. Es ist nicht leicht in einer geschwätzigen Zeit gehört zu werden, und doch liegt darauf eine Verheißung, die keinem anderem, nur diesem Wortgeschehen gilt.  Im Spruch für die neue Woche kommt sie zum Ausdruck; und Jesus selbst spricht sie aus: „Wer Euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich (Lk.10,16)“ Ja, das ist die Sache der Kirche - wir bezeugen, dass Gott sich finden lässt, dass die Bibel von der Wahrheit kündet und von seinem Sohn Jesus Christus, der für uns gestorben und auferstanden ist. Sie ist die Möglichkeit, das Heil in Gott zu finden. Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; sagt Jesus.
Amen.

all news


Kommentare

No comments

Add comment

Fields marked with an asterisk (*) must be filled.

to top