Predigt am 1. Christtag 2017

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Predigt am 1. Christtag 2017

25.12.2017

zu 1. Johannes 3, 1 - 6; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
wie wird man eigentlich zu einem Vater oder einer Mutter? Die Zeugung oder Geburt allein sind es nicht. Sicherlich ist es bei uns Menschen von Bedeutung, ob ein Kind die eigenen Gene in sich trägt. Blut ist dicker als Wasser, heißt es in dem Sprichwort ja nicht zu unrecht. Und wenn man sich in seinen Kindern in unterschiedlicher Form wiederfindet (und sie sich in einem) – sei es, dass sie einem charakterlich ähnlich sind; sei es, dass sie einem ähnlich sehen – dann bindet so etwas einen auch innerlich an ein Kind.
Aber die Gene sind nicht alles, um ein Vater oder eine Mutter zu sein. Das Beispiel von Scheidungskindern zeigt das in aller Klarheit. Wenn die Elternteile, bei denen ein Kind nach der Scheidung lebt, den Kontakt verhindern, dann entfremdet sich ein Kind von seiner Mutter oder seinem Vater – und umgekehrt. Das geschieht unweigerlich. Aus diesem Grund gibt es übrigens eine Initiative, die heißt „Mein Papa kommt“. Sie vermittelt kostenlose Privatquartiere an Väter – oder auch Mütter – die weit entfernt von ihrem Kind und dem Elternteil leben, bei dem es wohnt. Denn bei Besuchen brauchen sie dann regelmäßig ein Quartier – und einen Hotelaufenthalt können sich Geschiedene oft nicht leisten. Die Initiative gibt es, weil es so wichtig ist, dass der Kontakt zwischen dem geschiedenen Vater – oder im Einzelfall auch der geschiedenen Mutter – und dem Kind nicht abbricht. Denn sonst geht die Elternschaft verloren. Wichtig ist es, dass „mein Papa kommt“.
Im Grunde kann man das Geschehen der Weihnacht in einer ganz ähnlichen Weise verstehen. Wie kann Gott zu so etwas wie unserem Vater werden? Wie kann eine Vertrauensbeziehung entstehen zwischen uns und einem Gott, der zumindest für unsere Augen so weit entfernt ist. Wenn es keinen Kontakt, keine Nähe gibt, wird es schwierig an einen Gott zu glauben, ihm zu vertrauen und seinen Willen als eine Richtschnur für das eigene Leben zu übernehmen. Das Volk Israel hat diese Erfahrung immer wieder machen müssen. Das bekannteste Beispiel ist die Erzählung von dem Goldenen Kalb. Weil die Israeliten Gott nicht sehen konnten und Mose auf den Berg gestiegen war und nicht wieder herabkam, schmolzen sie ihren Schmuck ein und gossen sich ein goldenes Standbild eines Kalbes. Denn sie sehnten sich danach, einen Gott zu haben, der bei ihnen war und den sie sehen konnten.
Gott aber wollte wie ein Vater zu uns Menschen sein. Er wollte einen Kontakt haben mit seinem auserwählten Volk Israel und mit der ganzen Menschheit. Gott wollte unser Vater sein, weil ihn seine Liebe zu der Menschheit dazu trieb. Darum ist er in dem Krippenkind zu uns in diese Welt gekommen. Darum ist er Mensch geworden. Darum ist das geschehen, was uns die Kantate heute singend und musizierend nahe bringt. Darum hat der ewige und unsichtbare Gott in einem zeitlichen und sichtbaren Menschen Fleisch und Blut angenommen. Darum ist Jesus, der Sohn der Maria, ein Menschenkind geworden und in dem Stall von Bethlehem zur Welt gekommen. Gott wollte uns nahe sein. Er wollte unser Vater sein und wir sollten seine Kinder werden. Wie ein menschlicher Vater nur ein Vater sein kann, wenn er mit seinem Kind spricht, für es sorgt und mit ihm spielt – und sei es nur in einigen wenigen Stunden eines Besuches, so wollte Gott unser Vater sein, indem er durch Jesus von Nazareth in Kontakt mit uns trat. Das ganze Leben Jesu war darum so etwas wie der Besuch des himmlischen Vaters bei uns Kindern.
Darum war das Leben Jesu im Grund auch nur der Mission gewidmet, uns Gott als einen vergebenden, barmherzigen und liebenden Vater nahe zu bringen und uns dazu zu bewegen, eine lebendige Beziehung zu diesem Vater aufzubauen. Das fing in der Krippe an. Schon dort ist uns Jesus so nahe gekommen, wie nur möglich. Wäre der menschgewordene Gott in einem Palast geboren, dann hätten nur die Mächtigen und Reichen Kinder Gottes werden können. Jesus aber ist als Kind ganz normaler Leute geboren. Er wurde wie alle einfachen Menschen von den Mächtigen herumgeschubst. Er war wie alle ihrer Willkür ausgesetzt. Er musste mit den ärmlichen Verhältnissen zurechtkommen, unter denen die breite Masse zu leiten hatte – und im Übrigen noch heute zu leiden hat, wenn man es im Weltmaßstab ansieht. Er kam zu uns, damit wir zu ihm finden können.
Gott uns Menschen als einen barmherzigen Vater nahe zu bringen, das war dann auch der Kern seiner Mission als Erwachsener. Das Gleichnis vom liebenden Vater, der seinen unnützen Sohn wieder in die Arme schließt und sich über alle Maßen über seine Rückkehr freut, hat er nicht nur erzählt. Jesus hat es auch gelebt. Darum ist er zu den Ausgestoßenen, Sündern, Armen gegangen und hat mit ihnen am Tisch gesessen. Darum hat er Sünden vergeben und Kranke geheilt. „Die Herrschaft der Liebe Gottes ist nahe“, hat er verkündet und diese Verkündigung gelebt.
In dem Menschenkind Jesus hat Gott uns Menschen besucht. Denn der Himmlische wollte und will unser Vater sein. Am Kreuz hat das seinen Höhepunkt gefunden. Nur wer grenzenlos liebt, kann sein Leben verschenken. Ein Vater, der sein Kind grenzenlos liebt, würde nicht zögern, für sein Kind sein Leben zu riskieren oder gar zu geben. Niemand, der seine Kinder liebt, würde beispielsweise auch nur einen Augenblick zögern, eine Niere zu spenden, wenn das nötig und möglich ist. In genau dieser Weise ist Gott in seinem Sohn Jesus den Weg ans Kreuz gegangen, weil er uns unendlich liebt und um uns diese seine Liebe zu zeigen. „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen“, schreibt der Apostel Johannes. Wenn wir auf den Gekreuzigten sehen und am Kreuz die Liebe Gottes zu uns begreifen, dann ist die Vater-Kind-Beziehung entstanden, für die Jesus zur Welt gekommen ist.
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen“, schreibt der Apostel und fährt dann fort: „Und wir sind es auch!“ Aus diesen Worten spricht eine große Gewissheit. Sie speist sich aus dem Vertrauen auf diesen himmlischen Vater, der uns in dem Menschenkind Jesus besucht hat. Sie hat aber auch noch eine andere Wurzel. Die Gewissheit ein Kind Gottes zu sein, erwächst in besonderer Weise aus der Taufe.
Denn durch die Taufe werden wir ja einbezogen in das, was damals mit Jesus geschehen ist. Für uns liegt ja – wenn man das Bild des väterlichen Besuchs noch mal bemühen darf – eine überaus große Zeitspanne zwischen dem Besuch Gottes in dem Menschenkind Jesus in dieser Welt und unserer heutigen Zeit. Wir hören die Botschaft, dass Gott in dem Menschenkind Jesus in diese Welt gekommen ist. Wir glauben ihr. Dennoch ist es etwas anderes als ein unmittelbarer Kontakt. Es ist eben etwas anderes, ob man über ein Bildschirmtelefon wie Skype miteinander Kontakt hält oder ob man sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzt; ob man sich am Bildschirm zuwinken oder zum Abschied in den Arm nehmen kann. Aber Gott will auch in dem Sinn unser Vater sein, dass er uns in den Arm nimmt. Dazu gibt es die Taufe. Ich habe einmal auf dem Heimweg von einem Gemeindeausflug ein kleines Mädchen mit dem Fahrrad mit angehängtem Kinderfahrrad mitgenommen. Das Mädchen wusste, dass ich sie getauft hatte und fragte mich nach ihrer Taufe und was das bedeutet. Sie war damals fünf oder sechs Jahre alt. Ich habe zu ihr gesagt: „Gott hat dich lieb. Aber er kann dich nicht in den Arm nehmen, um dir das zu zeigen. Er wohnt ja im Himmel. Darum gibt es die Taufe. Mit der Taufe will Gott dich in den Arm nehmen und dir zeigen, dass er dich sehr liebt hat.“ Das kleine Mädchen war ganz begeistert und hat mich gefragt: „Und warum wollen dann nicht alle Menschen getauft werden?“
„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen; und wir sind es auch!“ Darum ist Gott in dem Menschenkind Jesus in diese Welt gekommen. Damit eine Bindung entsteht zwischen uns Menschen und dem himmlischen Vater. In dem Stall von Bethlehem ist Gott darum ein Menschenkind geworden, damit wir Menschen Kinder Gottes werden.
Amen.

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