Predigt am 1. Advent, 2. Dezember 2018

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Predigt am 1. Advent, 2. Dezember 2018

02.12.2018

zu Matthäus 21, 1 - 9; gehalten von Dompfarrer Urs Ebenauer

Liebe Gemeinde,
ich stelle mich an den Straßenrand in Jerusalem. Es erinnert mich an Szenen bei Auftritten von Helene Fischer. Die Menschen sind völlig außer sich. Sie jubeln. Sie singen. Sie schmücken die staubige Straße mit ihrer Kleidung. Wer nichts hat, was er ausziehen kann, ohne nackt zu sein, reißt ein paar Palmzweige von den Bäumen ab und legt sie auf den Weg. Man kann hören, wie nahe Jesus ist. Wo er vorbeikommt, wird die Stimmung noch erregter, wird das Stimmengewirr noch lauter.
Leider kann ich das Aramäisch der Menschen um mich herum nicht verstehen. Aber ich kann mir schon denken, was sie bewegt. Sie bejubeln nicht nur den Superstar. Sie erhoffen sich ein besseres Leben von Jesus. Sie leiden unter der Besatzung der Römer. Die Steuern, die das Römische Reich aus seinen Provinzen herauspresst, sind enorm. Dabei ist die Masse der Bevölkerung bitter arm. Die wenigen Reichen bereichern sich noch zusätzlich an den Armen und machen gute Geschäfte mit den Römern. Irgendwie erinnert mich das an die Situation in meiner eigenen Zeit. Hinzu kommt, dass die Römer völlig unsensibel mit dem jüdischen Glauben umgehen. Aber auch das kommt mir bekannt vor, dass eine Großmacht sich nicht die Mühe macht, die Empfindlichkeiten einer anderen Kultur und Religion ausreichend zu berücksichtigen. So züchtet man sich Terroristen heran. Zu Jesu Zeiten nennt man diese Zeloten. Sie versuchen, das Kommen des Messias mit Waffengewalt herbeizuzwingen. Aber dass der Messias kommen und die Römer vertreiben wird, darauf hoffen sie alle, die hier um mich herumstehen.
So richten sich große und ganz konkrete Erwartungen an das Kommen Jesu, an seine Ankunft in der Stadt, an seine Ankunft im Leben der Menschen. Darum sind sie so aufgeregt, weil das alles nun beginnen wird.
Auch die meisten von uns sind heute am 1. Sonntag im Advent voller Erwartungen an die vor uns liegende Adventszeit. Viele freuen sich auf Besinnlichkeit, auf friedvolle Gefühle bei einem Becher Tee oder Glühwein, auf eine schöne Stimmung durch das Weihnachtsoratorium oder die Mettenschicht, auf das Zusammensein mit der ganzen Familie am Heiligen Abend. Die Geschenke sollen dann Freude und strahlende Augen auslösen. Das Essen soll wunderbar schmecken. Die Dekoration soll stimmungsvoll sein. – Aber ist es so und kann es so sein?
Die Erwartungen der Menschen in Jerusalem jedenfalls wurden enttäuscht. Jesus vertrieb die römische Garnison nicht durch die himmlischen Heerscharen aus Jerusalem. Er machte sich nicht zum Herrscher eines messianischen Königreichs. Es kam ganz anders. Jesu Weg endete auf Golgatha.
Auch unsere Erwartungen gehen oft ins Leere. Besinnlichkeit in der Zeit vor Weihnachten? Unsere Mutter setzte in meiner Kindheit an fast jedem Abend eine Zeit an, in der die Kerzen am Adventskranz brannten und wir Adventslieder sangen oder auf der Flöte spielten. Aber wie viele nehmen sich heute die Zeit dafür? Bei vielen ist der Kalender voll von Weihnachtsfeiern und anderen Aktivitäten. Und das eine und einzige Geschenk zu finden, von dem die Stimmung des Heiligen Abend wesentlich abhängen wird, das macht zusätzlich Stress. Auch die Erwartungen an das Zusammensein der Familie sind oft unrealistisch. Gerade weil das Fest so mit Erwartungen überfrachtet wird, kann es diese oft gar nicht erfüllen.
Aber was können wir denn wirklich erwarten von Jesu Ankunft, von seinem Advent, von seinem Kommen zu uns?
Die Menschen vom Straßenrand in Jerusalem konnten jedenfalls zu Recht erwarten, dass Jesus treu zu dem steht, was er verkündigt hat. Ihm ging es während seiner Wanderung durch das Land immer darum, die Menschen mit der Liebe Gottes in Begegnung zu bringen. Durch seine Worte, durch ihn selbst, durch seine Taten. Dadurch sollte sich ihr Leben verändern. Das war die Mission Jesu. Aber hätte diese sich denn in einem gewaltsamen Umsturz, im Ergreifen weltlicher Macht vollenden können? Wäre das nicht der vollkommene Widerspruch gewesen? Musste die Begegnung mit der Liebe Gottes durch den Zimmermannssohn aus Nazareth nicht notwendigerweise anders enden als von den Menschen erwartet? Hat Jesus nicht gerade mit seiner Hingabe am Kreuz seine Mission vollendet?
Vielleicht müssen darum auch viele unserer Erwartungen an die Adventszeit notwendigerweise enttäuscht werden. Wir hoffen, Gott in den guten Gefühlen einer heimeligen Zeit im Schein der Lichter zu begegnen. Aber vielleicht geht es uns da ja so wie den Königen, die das neugeborene Königskind im Palast des Herodes suchten und dort nicht finden konnten. Es war eben nur in der Krippe im Stall von Bethlehem zu finden.
Vielleicht müssten auch wir unsere Erwartungen an die kommende Zeit in eine andere Richtung lenken!
Ich werde aus meinen Gedanken herausgerissen. Der Jubel am Straßenrand in Jerusalem schwillt an. Da kommt Jesus. Die Menschen stimmen Lobpreislieder an. Sie rufen voller Freude „Hosianna“. Das bedeutet so viel wie: „Gott, hilf uns doch!“ Sie meinen die Besatzung durch die Römer. Dennoch haben sie Recht: In diesem Jesus kommt ja wirklich Gottes Hilfe: Schon in dem Krippenkind hat Gott begonnen, uns mit seiner Liebe zu erfüllen. Nur wenige Tage nach diesem triumphalen Einzug in Jerusalem wird Jesus sein Leben für uns hingeben, um uns von aller Selbstsucht und unserer Vergänglichkeit zu befreien. Eines Tages wird er schließlich unserer Welt begegnen, um sie endgültig zu erlösen.
Wieder zu Hause klingen die Hosianna-Rufe in mir noch nach. „Hilf uns doch!“ Dazu ist Christus gekommen, um uns zu helfen, und er wird kommen, um diese Welt nicht sich selbst zu überlassen. Aber dann sind es nicht die friedvollen Gefühle beim Duft heißer Getränke, um die es gehen kann. Advent ist dann da, wo wir uns dieser Hilfe durch Christus bewusst werden oder wo wir sie gerade erfahren. Ich denke an die Frau, die das Schwere in ihrem Leben nur verkraften konnte, weil sie Gottes Hilfe spürte. Advent ist aber auch gerade da, wo Gott diese Hilfe durch uns anderen Menschen zuteil werden lässt. Ich denke an die, die sich gerade in diesen Tagen unermüdlich für andere einsetzen, damit sie ein wenig von der Freude des Advent erfahren können. Manchen von ihnen ist abzuspüren, dass sie in ihren Mitmenschen gerade im Advent Christus begegnen. „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“
Ich beginne zu verstehen: Gott begegnet uns nicht unbedingt in den guten Gefühlen einer heimeligen Zeit im Schein der Lichter. Er ist da, wenn wir in dem Krippenkind seine Liebe erkennen und auf seine Hilfe vertrauen. Er ist da, wenn wir einander beistehen. Er ist da, wo die Hoffnung uns trägt, dass seine Liebe uns und unserer Welt eine Zukunft schenken wird.
So kommt Christus zu uns. Das können wir erwarten. So erfüllen sich unsere Hoffnungen wirklich im Advent.
Amen.

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